07.02.2020 - 13:46 Uhr
AmbergOberpfalz

Julia Riß war schon als Kind gern im Amberger Stadtmuseum

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Seit 1. Januar ist Julia Riß die neue Leiterin des Stadtmuseums. Sie löst damit nach 33 Jahren Amtszeit Judith von Rauchbauer ab, die in Ruhestand geht. Die Neue übernimmt ein bestelltes Haus, doch Stillstand wird es mit ihr nicht geben.

Julia Riß, die neue Leiterin des Amberger Stadtmuseums, inmitten der ehemaligen Adler-Apotheke, die zu den Höhepunkten der Ausstellung gehört.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Die fröhliche Besucherrunde ist gerade im Gemischtwarenladen der Schnaittenbacher Geschwister Rom angekommen. Der existiert in echt schon lange nicht mehr in dieser Form. Doch im Stadtmuseum, da präsentiert er sich noch genau so, wie er Generationen von Menschen in Erinnerung ist. Seit 1997 befindet sich die Ladeneinrichtung im Besitz des Museums, hier steht noch wie in jedem guten Gemischtwarenladen das Ata-Scheuermittel neben der Dompfaff Edelmop Politur. Der Wiedererkennungswert ist groß, das beweist die kleine Besuchergruppe gerade lautstark.

"Jeder Einheimische und Fremde hat hier Einblicke in das Leben gestern und heute", sagt Julia Riß und lächelt angesichts der lärmenden Ausgelassenheit beim Erkennen von Lebensmitteln oder anderer Gegenstände, die es zum Teil längst nicht mehr - oder aus nostalgischen Gründen wieder - zu kaufen gibt. "Schlecht ist hier überhaupt nichts", schmunzelt die neue Leiterin des Stadtmuseums. "Es wirkt auch überhaupt nicht veraltet."

Julia Riß steht in der ehemaligen Adler-Apotheke aus der Georgenstraße, deren Inneneinrichtung um das Jahr 1880 herum entstanden ist und bis 2007 ihren Dienst getan hat. Dann haben sie die Eigentümer dem Stadtmuseum geschenkt. Viele der Ausstellungsstücke sind so in diese Zentrum der Erinnerung gekommen. Die ehemalige Bäckerei Singer aus der Löffelgasse zum Beispiel, die Zahnarztpraxis von Martin Dorner und viele andere Gegenstände des täglichen Lebens sowie viel Kleidung aus den vergangenen Jahrhunderten und vor allem Jahrzehnten. Von der klassischen Oberpfälzer Tracht bis hin zur Schlaghose findet sich hier praktisch alles, was Amberger*innen einst am Leib getragen haben.

Hier, mitten zwischen den Schätzen vergangener Jahrhunderte fühlt sich Julia Riß wohl. Ende 2016 fing sie hier ein wissenschaftliches Volontariat mit dem Schwerpunkt auf die Museumspädagogik an. Doch die gebürtige Nürnbergerin kannte das Amberger Stadtmuseum schon lange vorher. Der typische Raigeringer Name Riß lässt es nämlich unschwer erkennen: Die neue Museumsleiterin hat Amberger Wurzeln - vielmehr ihre Eltern. Und mit denen verbrachte sie viel Zeit in deren Heimatstadt - und im Stadtmuseum. "Ich erinnere mich noch gut an Schneekugeln und Teddybären", nennt Julia Riß die beiden Sonderausstellungen, die damals eine riesige Publikumsresonanz nach sich zog - und die sie als Kind selbstverständlich anschauen durfte.

Einfach etwas selber machen

2012 kehrte sie dann erstmals beruflich nach Amberg ins Stadtmuseum zurück: als Praktikantin. Denn nach der Theorie im Studium wollte sie hin zur Praxis kommen. Und hier interessierte sie besonders die Museumspädagogik. "Auf diese Weise kann man die Leute ansprechen", so weiß sie. "Die Besucher wollen einfach selbst etwas machen", sagt Julia Riß aus ihrer Erfahrung heraus. Anfassen, ausprobieren, etwas schaffen oder einfach nur damit hantieren, das muss ein Museum heute schon beinahe für seine Besucher anbieten.

Seit das Stadtmuseum Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den ehemaligen Baustadel an der Zeughausstraße eingezogen ist, ist die Dauerausstellung kontinuierlich angewachsen. Die Einweihung der Bereiche Kleidung, Handwerk und Industrie im Jahr 1992 gab noch einmal einen Impuls, 2003 folgte mit der Landesausstellung zum Thema "Winterkönig" ein weiterer Höhepunkt. Der zudem einher ging mit dem modernen Anbau, in dem heute der Empfangsbereich des Museums untergebracht ist sowie einer Auffrischung weiter Teile des Altbaus.

Wichtig war den Machern im Stadtmuseum immer, Gegenstände auszustellen, die etwas mit der Region zu tun haben. Beim Amberger Email ist das ebenso selbstverständlich wie bei den Exponaten aus der Gewehrfabrik, die trotz der Problematik auch zur Industriegeschichte der Stadt gehört. Die Kleidung, Email und Fayence aus Amberg, aber auch der Friseur oder Schuhmacher. Das Spektrum ist breit. Dazu kommt noch die Ausstellung über den Winterkönig, die in großen Teilen seit der Landesausstellung erhalten geblieben ist.

Das Stadtmuseum ist aber noch lange nicht fertig - wenn es das überhaupt sein kann. Das weiß Julia Riß natürlich. Wobei vieles hier vom Zufall abhängt, von Gegenständen, die dem Museum geschenkt werden, von Ladeneinrichtungen, die nicht mehr gebraucht werden oder von überregionalen Ausstellungen, die anschließend noch lange nachwirken - siehe Landesausstellung. Bestes Beispiel dafür ist im Stadtmuseum das Prechtl-Kabinett. Denn an sich war Michael Mathias Prechtl, obwohl gebürtiger Amberger, für die Stadt schon verloren.

Der weltbekannte Grafiker wurde in der Vergangenheit immer mit Nürnberg in Verbindung gebracht, dort lebte und arbeitete über Jahrzehnte hinweg. Kurz vor seinem Tod aber fanden sich die beiden Pole wieder: Prechtl machte seine letzte große Auftragsarbeit für die Landesausstellung 2003. Und nach seinem Tod überließ seine Witwe der Stadt zahlreiche Exponate, die den Grundstein bildeten für das Kabinett, das mittlerweile in einen eigenen Bereich des Stadtmuseums gezogen ist und zum Teil schon das neue Konzept zeigt - die Zuschauer werden beispielsweise von einem sprechenden Plakat begrüßt, sogenannte QR-Codes bieten zusätzliche Informationen im Internet.

Doch von einem reinen QR-Museum hält Julia Riß nichts. "Innovative Konzepte sind notwendig, neue Ideen und Wege", so sagt sie. Aber wichtigster Partner des Stadtmuseums sei und bleibe der Bürger. Der als Spender von Gegenständen, als Ideengeber und Besucher hier auftritt. "Trotzdem sind wir offen für Neues", macht die neue Museumsleiterin deutlich. Zur reichen Industriegeschichte der Stadt würde sie gerne mehr machen, so sagt sie. Viele wünschen sich zudem die Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus, die erst vor kurzem durch Laura Gebauer umfassend aufgearbeitet worden ist.

Heimat für viele Menschen

Das Stadtmuseum, so hat es Julia Riß erfahren, ist Heimat für viele Menschen. Nicht nur für die, die hier wohnen, sondern auch für viele ehemalige Amberger draußen in der Welt. Facebook und Youtube wären hier zwei wichtige Kanäle, um den Kontakt mit der alten Heimat zu halten. Ein zentraler Auftritt sei hier der des Stadtmuseums.

Bleibt am Ende des Rundgangs noch Zeit für Wünsche. "Depotfläche brauchen wir dringend", sagt Julia Riß. Ein Museum muss sammeln und bewahren. Das kann es nur, wenn genug Raum dafür vorhanden ist. "Und noch einmal eine Landesausstellung, das wäre toll." Themen gäbe es in Amberg genug.

Eines der Bilder, die im Prechtl-Kabinett zu sehen sind.
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