(dwi) Scheuklappen? Der ein oder andere setzt sie gerne einmal auf. Im Ring-Theater wären sie nicht zu gebrauchen gewesen. Dem gesellschaftlichen Spiegel konnte sich dort keiner widersetzen, alle Besucher dieser Ausstellung waren gezwungen, sich mit dem allgegenwärtigen Titel "Nah und Fern" auseinanderzusetzen. OTH-Studierende im Masterkurs für Medientechnik und -produktion präsentierten sich visuell und akustisch.
Professor Dr. Dieter Meiller und Professor Karlheinz Müller begleiteten das Projekt. Per Monitor, Touch-Pad und rhythmischer Begleitmusik versuchen Jonathan Ziegler, Antonia Kourtides und Khang Hoang die Nähe und Ferne von Rassismus auf den Besucher wirken zu lassen. Dabei gibt es keine homogene Kernaussage. Das Konstrukt "Racism is a Dancer" etwa irritiert anfangs. Vier Leuchtknöpfe spielen per Kommando und nach dem Zufallsprinzip gleichzeitig Musik, Fotos und gesprochenen Text ab. Der Betrachter - oder besser Benutzer - kann eingreifen und Rhythmus oder Länge anpassen.
Der Selbstversuch
So entsteht ein DJ-ähnlicher Remix aus fetziger Party-Musik und verunglückten Migranten oder Kriegsszenen. Nachgesprochene rassistische Kommentare aus den sozialen Medien sind dabei nur eine Spitze des Eisberges. "Diese Ansichten selbst zu formulieren, etwas, das unserem Charakter und politischer Einstellung widerspricht, war wirklich heftig", erzählt Antonia Kourtides, ihre persönliche Erfahrung bei der Arbeit an dieser medialen Installation.
Oder da ist der "Televator", ein Transportmittel ähnlich einem Aufzug auf Leinwand über vier Etagen. Der Eintritt erfolgt durch eine Türe. Eingepfercht auf eineinhalb Meter in Breite und Länge ist der Liftbesucher einer Dauerberieselung von Nachrichten jeglicher Art ausgesetzt: Tagesschau, politische Interviews, Meldungen von sozialen Medien, Chat-Hinweise. Überall klingelt und surrt es. So bizarr das Erlebnis in diesem virtuellen Aufzug ist - der einzige Unterschied zur Realität ist der minimalisierte Raum. Amelie Lang, Michael Keller, Kilian Kellner, Daniela Rubio und Yvonne Viehmann setzten ihr "Nah und Fern" in Anlehnung an den Künstlers Wolf Vostell um. Sein "Fluxus Zug" inspirierte die OTH-Master-Studierenden.
Viel, mehr, viel zu viel
Kommunikation steht im Mittelpunkt von "Digital und Nirgends". Auf zwei Leinwänden projizieren Boris Bertram, Mert Mercan, Sebastian Näger, Lena und Lisa Schwarze unterschiedliche Videochats. Verschiedene Endmedien wie Smartphone, Tablet oder Monitor werden dabei erreicht. Das überfordert, überlastet den Besucher, Kommunikation mutiert zu einer inhaltslosen Dialog-Kakophonie der Chat-Teilnehmer.
Vielleicht wäre das Model "Grow or Glow" eine Idee für einen Pop-Up-Laden. Schlechte Arbeitsbedingungen im Textilhandel in fernen Ländern und die daraus resultierende allgegenwärtige Billigware hier. Maria Brütting, Marina Gube, Julia Hufnagel, Tiffany Isert und Lisa Meyer verleiten den Besucher in ihrer Mini-Boutique zum Kauf eines T-Shirts. Klappe auf, Kleidung raus, scannen, zahlen und gehen. Der Clou: Das schlechte Gewissen läuft auf der leinwand mit. Für die Unterstützer der Medienkunstausstellung sowie die Seelsorger Heidrun Bock und Markus Lommer stellt Timo Mitsch den "Barmherzigen Samariter" dar. Abstrakter Rahmen und integriertes Kreuz spannen die Leinwand - links doppelllagig. Dadurch entsteht bei der Projizierung des Bildes eine Unschärfe. Die Ausschnitte des Gemäldes wandern über die Leinwand. Wie bei einem Puzzle versucht das Gehirn, ein Gesamtbild zu erstellen, musikalisch untermalt mit Eigenkompositionen des 28-Jährigen als minimalistisches Klavierspiel oder zurückhaltende Gitarrenklänge. Wie eine Erholung von der Reizüberflutung.
















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.