21.11.2018 - 12:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Kirche zu verschenken

Sie steht mitten in der Amberger Altstadt und hat eine reizvolle Akustik: Stadtpfarrer Thomas Helm möchte die Frauenkirche hinter dem Landgericht verschenken. Das Gotteshaus ist allerdings nur in gute Hände abzugeben.

Die Frauenkirche wurde Ende des 14. Jahrhunderts über einer abgerissenen Synagoge als Marienkirche errichtet, nachdem die Juden Amberg im Zuge der spätmittelalterlichen Pogrome verlassen hatten. Lange diente sie dem Hofe König Ruprechts auch als Hofkapelle.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Gotik in Reinkultur. Stünde der Sakralbau in einer Kreisstadt auf dem Land, er wäre wohl der Stolz der Gläubigen dort. Diese Frauenkirche steht jedoch mitten in der Amberger Altstadt. Das ist ihr Schicksal.

Stadtpfarrer Thomas Helm schwärmt von "der ausgezeichneten Akustik". Kaum hat er das gesagt, wird es mucksmäuschenstill in der Frauenkirche hinter dem Landgericht. Nur ein gutturales Gurren bahnt sich von hoch droben seinen klanglichen Weg durch den gotischen Bau und legt sich sanft auf die staubigen Bänke. Wie bestellt. Doch genau das kann Helm am wenigsten brauchen.

Tauben im alten Dachstuhlgebälk sind Gift für die Bausubstanz. Und von unten setzt ausblühender Salpeter dem Sandstein-Mauerwerk zu. Außen wie innen. Es hat etwas von einem Schlossherrn an sich, als der Pfarrer von St. Martin einen für heutige Verhältnisse großen Schlüssel aus der Manteltasche zieht, um die Frauenkirche aufzusperren. Schwere Türe, altes Gemäuer, leicht muffige Luft, die sich ihren Weg nach draußen in einen ungewöhnlich warmen Novembernachmittag sucht.

Eineinhalb Jahre ist es her, dass Helm die Nachfolge des im April 2017 verstorbenen Stadtpfarrers Franz Meiler angetreten hat. Das berufsbedingt weltliche Erbe hat er inzwischen gesichtet und geordnet: Dauersanierungsfall Basilika St. Martin, die prunkvolle Schulkirche aus dem Rokoko mit ihrer wertvollen Funtsch-Orgel, das Pfarramt und -haus in der Rathausstraße, verwalterische Verantwortung für die Mariahilfbergkirche. Und eben die besagte Frauenkirche.

Die letzte kontinuierliche Nutzung als Gemeindekirche geht in die 50er- Jahre zurück. Katholische ungarische Exilanten hatten dort für ihre Gottesdienste Unterschlupf gefunden. Diese Gemeinde gibt es nicht mehr. Ebenso wie eine Frauenkongregation, deren einer alten Mitgift-Truhe ähnelnder, voluminöser Opferstock noch neben dem Eingang steht. Den bis obenhin voller Euro-Noten könnte Helm sehr gut gebrauchen. Dann hätte vielleicht sogar die Frauenkirche eine Überlebenschance in seiner Verantwortung.

Nicht mehr genutzt

Der Stadtpfarrer ist jedoch kein Träumer und möchte den Sakralbau abtreten. Im Bewusstsein der Pfarrgemeinde spiele dieses Gotteshaus praktisch keine Rolle mehr, nennt er als einen Grund für diesen Pragmatismus. Zuletzt wurde der marode Kirchenbau nur noch einmal im Jahr für einen kurzen Moment genutzt. An Palmsonntag als Startpunkt der Prozession. Dafür musste die Kirche gereinigt werden. Dieser Aufwand steht für Thomas Helm nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis zum liturgischen Nutzen. Inzwischen hat er auch den Strom abstellen lassen, um die latente Gefahr eines Kurzschlusses zu bannen.

Helm mag die Kirche durchaus. Sie gefällt ihm als Bau, die Akustik findet er sehr reizvoll. Aber er kann sich die Frauenkirche schlichtweg nicht leisten: "Fakt ist, das Geld ist nicht da." Das sei seinem Vorgänger keinen Deut anders gegangen. "Ich bin nicht der Erste, der sich darüber Gedanken macht. Auch Franz Meiler hat schon viel über eine angemessene und annehmbare Lösung nachgedacht", sagt der Stadtpfarrer. Deshalb bleibe es bei "der Notsicherung der Notsicherung der Notsicherung".

In der Sakristei ist das unübersehbar, die Decke wird mit Balken abgestützt. Mindestens zehn Jahre liege eine Kostenschätzung für eine tragfähige Sanierung zurück, erzählt Thomas Helm. Als finanzielle Hausnummer seien damals zwei Millionen Euro in den Raum gestellt worden. Aus heutiger Sicht erscheint diese Summe weltfremd. Helm weiß, wovon er spricht. Ein Blick Richtung St. Martin, die gerade einmal Luftlinie 200 Meter entfernte Basilika der Pfarrei, genügt. Auf rund 5,7 Millionen Euro ist die Außensanierung veranschlagt, verteilt auf vier Jahre. Demnächst wird begonnen.

Amberger Bezugsfälle

Profanierte Sakralbauten sind für Amberg, das von einer ungewöhnlich hohen Kirchendichte geprägt ist, nichts Undenkbares. Das Stadttheater war einmal eine Kirche, die heute evangelische Paulanerkirche wurde phasenweise als Lagerhalle genutzt. Diese beiden Fälle gehen jedoch auf die Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Die jüngste Profanierung datiert hingegen auf 2016. Die Spitalkirche als Kapelle der Bürgerspitalstiftung verlor damit ihren sakralen Status. Das benachbarte Seniorenheim, dem dieser Bau ursprünglich als Kapelle diente, wurde abgerissen. Heute gehört die ebenfalls notgesicherte Spitalkirche der Stadt. Eine öffentliche Nutzung steht damit im Raum. Welche genau, das steht aber noch nicht fest.

Helm geht es mit der Frauenkirche, die er verschenken oder für den berühmten symbolischen Euro gerne auch verkaufen würde, nicht anders. Abgeben würde er den Sakralbau aber nur in sogenannte gute Hände. Darunter versteht der Stadtpfarrer alles andere als den Abriss. Also eine Sanierung mit einem Millionenaufwand im sicherlich zweistelligen Bereich. Doch solche horrende Summen fließen nur für öffentliche Bauten oder Projekte, die sich rekapitalisieren müssen. Eine naheliegende Assoziation geht mithin in Richtung Konzertsaal wegen der guten Akustik. Dann hört es aber schon schnell auf.

"Eine Disco oder Tabledance-Bar kommen sowieso nicht infrage", zieht Helm sofort eine kategorische rote Linie. Dann lässt er nebenbei aber ein Stichwort einfließen, dem der Stadtpfarrer zwar viel Sympathie abgewinnen kann, das ihm aber reichlich utopisch vorkommt: Kolumbarium. "Ich denke aber, dafür ist Amberg zu klein", begründet Helm seine Skepsis. Es wäre aber schön, wenn er sich täuschen würde.

Eines von zwei prächtigen Glasfenstern, ansonsten ist das Innere der Frauenkirche sehr schlicht gehalten.

Frauenkirche

Pfarrer Thomas Helm.

Auch so sieht es in der Frauenkirche aus.

Pfarrer Thomas Helm.

Die Frauenkirche von innen.

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