09.05.2019 - 19:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Klimawandel: Forstbetrieb testet neue Baumarten

Sie ist nur kniehoch, aber schon jetzt setzen die Förster große Hoffnungen in das Pflänzchen. In einem Feldversuch ist die Libanonzeder angepflanzt worden. Sie dürfte mit dem prognostizierten Klimawandel besser klarkommen als die Fichte.

Der prognostizierte Klimawandel stellt neue Herausforderungen an die Forstwirtschaft. Es werden neue Baumarten gepflanzt, die besser mit langer Trockenheit und wenig Niederschlag zurechtkommen. Zum Beispiel die Libanon- oder Atlaszeder.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

250 Libanonzedern wurden im März zehn Autominuten von Schnaittenbach entfernt eingepflanzt. Die Pflanze gilt als besonders gut an Sommertrockenheit angepasst. Ihre ausgeprägte Pfahlwurzel ist im ausgewachsenen Zustand sehr stabil. Aber noch braucht es eine Einzäunung, um unliebsame Besucher fernzuhalten. Wildschweine oder Rehe könnten sich sonst an der Pflanze satt fressen. Die Libanon- oder auch Atlaszeder genannt stammt aus den Bergregionen Marokkos oder Algeriens. In den nächsten 100 Jahren soll sie die veränderten Klimabedingungen im Landkreis Amberg-Sulzbach aushalten. Bis dahin hat sie eigentlich nur eine Aufgabe: wachsen. Betreuung braucht die Libanonzeder kaum. "Wir düngen nicht, wir gießen nicht. Wenn wir pflanzen, und der Waldarbeiter ist wieder weg, gehört alles der Natur", sagt Forstbetriebsleiter Rudi Zwicknagl. Das Einzige, was den jungen Zöglingen schaden könnte, sind andere Pflanzen. "In drei Jahren haben wir hier die grüne Hölle." Dann werde vermutlich der Bereich rund um die Zeder etwas ausgeschnitten.

Die Pflanzaktion ist eine Reaktion auf das sich verändernde Klima. "Wir probieren Baumarten aus, die das besser wegstecken." Auch die Douglasie aus Nordamerika gehört dazu, oder aber die Baumhasel, deren Herkunft vom Balkan über die Türkei bis nach Afghanistan reicht. Das Jahr 2018 sei um zwei Grad wärmer gewesen als die Vorjahre. "Wir hatten den vierttrockensten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880", sagt Zwicknagl. Die Sommer werden trockener, die Winter feuchter. Die Zusammenstellung eines Waldes vergleicht Zwicknagl mit einer Investition. "Mit einer Million Euro würde ich auch nicht nur eine bestimmte Sorte Aktien kaufen, sondern viele verschiedene." Und so setze man auf wissenschaftlich begleitete Versuche in eingezäunten Gebieten. Hier gehe man Fragen nach wie: "Wie reagiert der Baum auf Trockenstress? Was ist mit Frost?" Besonders Grenzstandorte werden in Zukunft schwierig sein. Dafür sollen neue Baumarten gefunden werden.

Mit dem sich verändernden Klima bereitet auch der Borkenkäfer den Waldbesitzern Probleme. "In Schnaittenbach war er nie ein großes Thema." Bis vergangenes Jahr im September ein kleiner lokaler Sturm Schneisen in die Wälder schlug und in 20 Minuten 40.000 Festmeter Holz umlegte. Mit Hochdruck habe man sich bei den Staatsforsten darum gekümmert, alles aufzuräumen. Das sei auch im Januar fast erledigt gewesen. Es wurde März, und Eberhard kam. Der Sturm schuf keine Schneise der Verwüstung, sondern wütete an vielen kleinen Orten. "Das ist eine richtige Baustelle. Weil überall ein bisschen was liegt, ist das Zusammenräumen ein unheimlicher Aufwand." Acht Harvester sind im Dauereinsatz. "Ich freue mich, wenn ich in der Früh aufstehe, und es hat drei Grad und regnet. Die Alternative wäre warm und trocken. Und das liebt der Borkenkäfer." Gegen ihn wird im Wald der eigentliche Kampf geführt. "Noch einmal so ein Jahr wie 2018 wäre eine Katastrophe", sagt Zwicknagl.

Unter den privaten Waldbesitzern gebe es zwei Charaktere. Einerseits die Bauern, die sich schnell und ordentlich um ihre Bäume kümmern. Andererseits gebe es die "urbanen Waldbesitzer", die ihren Wald eher als Geldanlage sehen.

"Fairerweise muss man sagen, dass nicht das Klima unsere Wälder verändert, sondern der Mensch." Auch wenn es in Bayern besonders urwüchsig aussieht: "Bei uns in der Gegend ist kein Wald ein Urwald." Zwar gebe es Ecken, die seit 150 oder 200 Jahren unberührt seien, doch der Rest sind menschengeschaffene Wälder. "Jetzt müssen wir darauf achten, dass wir den Wald zukunftsfähig halten." Für den Forstbetriebshof Schnaittenbach bedeutet das von Erbendorf im Norden bis Amberg im Süden, Veldensteiner Forst im Westen bis Pfreimd im Osten zu blicken - eine Fläche von 24.000 Hektar. Viel Platz, um den sich viele Interessengruppen streiten. "Manchmal rufen mich an einem Tag Fischereiverein, Leute vom Jagdverband, Sägewerksbesitzer, Spaziergänger und Harvester-Fahrer an. Diese unterschiedlichen Ansprüche unter einen Hut zu bringen, ist Teil meines Jobs", sagt Rudi Zwicknagl. Und er weiß auch, wie das funktionieren kann: Wenn jeder seine Maximalansprüche auf Kompromisslösungen herunterfährt.

Forstreferendar Florian Schramm und Betriebsleiter Rudi Zwicknagl stehen zwischen Libanonzedern-Setzlingen.
Pflanzaktion beim Forstbetrieb Schnaittenbach.
Info:

Neue Baumarten

Douglasie

Herkunft: Nordamerika; Charakteristik: geringe Ansprüche an Nährstoffversorgung und Wasserhaushalt

Baumhasel

Herkunft: vom Balkan über die Türkei bis nach Afghanistan; Charakteristik: sehr widerstandsfähig gegen Schädlingen, hohe Standfestigkeit, geringe Ansprüche an den Boden, wächst auch auf trockenen flachgründigen Standorten, resistent gegen Dürre, zeichnet sich durch hervorragende Mischungsfähigkeit mit anderen Baumarten aus.

Atlaszeder

Herkunft: Marokko und Algerien (Bergregionen); wächst auf unterschiedlichen Böden, kommt mit wenig Niederschlag zurecht;

Schwarznuss

Herkunft: Osten von Nordamerika; anspruchsvoll, benötigt nährstoffversorgte Böden, gilt als sturmfest.

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