13.06.2019 - 11:26 Uhr
AmbergOberpfalz

Kriminalpsychologin Lydia Benecke - die Arbeit mit dem Bösen

Lydia Benecke ist Kriminalpsychologin und Autorin. Sie beschäftigt sich mit der Entstehung und Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, die weit über das hinausgehen, was man allgemein als „normal“ bezeichnen würde.

Kriminalpsychologin Lydia Benecke erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Bösen - und wie sie diese in einem Buch verarbeitet.
von Autor EWAProfil

Bei ihrer Arbeit als Therapeutin in einer Einrichtung für erwachsene Gewalt- und Sexualstraftäter hat sie täglich mit Menschen zu tun, denen Kinderpornographie, Exhibitionismus und sexueller Nötigung bis hin zur Vergewaltigung und Tötung vorgeworfen werden. Anhand zahlreicher Beispiele erlaubt sie in ihren Vorträgen einen tiefen Einblick in die Abgründe der menschlichen Psyche und die schockierenden Erkenntnisse ihrer Arbeit. Mit „Die Psychologie des Bösen“ ist sie auch in Amberg im Musikomm zu Gast.

ONETZ: Was erwartet die Zuschauer bei Ihren Vorträgen?

Mit meinen kriminalpsychologischen Vorträgen vermittle ich wissenschaftliches Wissen in leicht verständlicher Form. Es gibt sehr viele Fehlannahmen in der Bevölkerung, was Straftaten und die Eigenschaften von Straftätern angeht. Genau mit solchen räume ich in meinen Vorträgen auf und vermittle dadurch ein realistisches Bild der Kriminalpsychologie, ihres Sinns und ihrer Arbeitsweise.

ONETZ: Ihre Vorträge sind regelmäßig ausverkauft. Was fasziniert die Menschen so sehr am Bösen?

Kaum ein Thema erzeugt so schnell und heftig Emotionen wie Verbrechen: Schrecken, Entsetzen, Angst, Mitgefühl, Grusel aber auch Neugierde – die Frage, was einen Täter von der eigenen Person unterscheidet. Nicht zufällig werden schlimme Verbrechen gerne als “unmenschlich“ und Straftäter auch als „Bestien“ oder „Monster“ bezeichnet. Weil die meisten Menschen gravierende Verbrechen als extrem weit weg von der eigenen Persönlichkeit erleben, diese für sie daher unvorstellbar sind, distanzieren sie sich intuitiv von Tätern. Diese Distanz fühlt sich zunächst erleichternd an, sie macht es manchen Tätern aber auch leider leichter, Taten zu begehen. Denn wenn Täter als Monster betrachtet werden, dann kann der nette Nachbar, Arbeitskollege, Freund oder Familienangehörige ja vermeintlich kein schwerer Straftäter sein. Eine ganz gravierende Fehlannahme! Das Problem ist: Wenn die Emotionen und hiermit einhergehende Bewertungen auch die Grundlage des Bildes von Straftaten und Tätern sind, ist eine differenzierte Sichtweise auf die Komplexität von Verbrechen und den Menschen, die sie begehen, unmöglich. Diese ist aber notwendig, um beispielsweise unterschiedliche Präventionsmethoden auf wissenschaftlicher Basis erarbeiten zu können. Das versuche ich bei den Vorträgen anschaulich zu illustrieren.

ONETZ: Was ist das Böse? Kann man das überhaupt definieren?

Das Böse ist zunächst eine Bewertung. Inhaltlich ist damit häufig gemeint: Handlungen, die aus egozentrischen Motiven begangen werden und einen Schaden für andere willentlich in Kauf nehmen. Das Ausmaß des Schadens sowie die Egozentrik des Handelnden werden hierbei häufig als Grundlage für das empfundene Ausmaß des Bösen genutzt.

ONETZ: Belastet Sie Ihre Arbeit?

Da ich Straftaten immer logisch-analytisch betrachte, belastet mich das nicht besonders und ich bekomme auch keine Alpträume davon. Ich weiß schon so lange ich zurückdenken kann, dass Menschen schlimme Dinge tun können, dass man jedem prinzipiell alles zutrauen sollte und dass Verbrechen eben leider zu den Effekten der Menschheit dazugehören. Es gibt unendlich viel Leid auf der Welt, das ist einfach eine Tatsache. Also sollte man sehen, wie man als Individuum mit den eigenen Möglichkeiten dazu beitragen kann, dass es etwas weniger Leid gibt. Das ist meine Grundeinstellung bei meiner Arbeit.

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