Nach vier Jahren Pause beim Amberger Neujahrsempfang hatte sich Gesprächsbedarf zwischen Leuten, die sich sonst selten sehen, angestaut. Das war am Freitagabend aus der Intensität der Unterhaltungen zu schließen. Und drei ausgefallene Neujahrsempfänge seit 2020 hatten auch Platz für neue Ideen geschaffen. So rückte der Beginn des Defilees um eineinhalb Stunden nach vorne, was OB Michael Cerny später Gelegenheit gab, zehn Minuten vor dem geplanten Zeitpunkt mit seiner Rede zu beginnen. Dass anschließend auch der mittlere und der kleine Rathaussaal eine (neue) Aufgabe bekamen – hier gab es Kaffee und Kuchen sowie eine Cocktailbar (mit Alleinunterhalter) – entzerrte das Geschehen im dicht gefüllten großen Saal deutlich.
Was hat sich sonst noch geändert im Vergleich zum Januar 2020? Damals konnte Cerny die Zahl der im Vorjahr geborenen Amberger mit 348 angeben. Dieses Mal blieb sie unter 300, die Einwohnerzahl der Stadt (Erst- und Zweitwohnsitze) stieg dennoch: von 45.039 vor vier Jahren auf jetzt fast 45.600 – eine Folge des weiterhin hohen Zuzugs.
Keine Lust auf Nachrichten
Beim Blick auf die Hiobsbotschaften des Jahres 2023 habe er manchmal keine Lust mehr verspürt, die Nachrichten aus aller Welt zu verfolgen, bekannte der OB. Gleichzeitig hielt er fest: „Es war nicht alles schlecht 2023.“ Als Belege führte er eine starke Amberger Wirtschaft ins Feld, deren Gewerbesteuerzahlungen es der Stadt ermöglichten, ihren Schuldenstand auf rund 20 Millionen Euro zu senken; dazu die Auszeichnung „Leuchtturmfabrik für Nachhaltigkeit“ des Siemens-Elektronikwerks Amberg, das als weltweiter Vorreiter für innovative Lösungen zur Dekarbonisierung der Industrie auftrete; den Spatenstich mit Porsche für das Gewerbegebiet Ost. Die „strahlendsten Neuheiten“ machte Cerny aber in der Innenstadt aus: die Eröffnung des Bootshauses und der Drei Höfe.
Warum es eben nicht egal ist, wie es im Herzen einer Stadt ausschaut, unterstrich der OB mit einer Anekdote: So sei die Entscheidung für die Ansiedlung des Porsche-Zentrums für die mittlere und nördliche Oberpfalz beim Kaffeetrinken auf dem Amberger Marktplatz gefallen. „Wie der Geschäftsführer beim Spatenstich erzählte, haben sie sich an den möglichen Standorten jeweils auf den Marktplatz gesetzt, die Atmosphäre und die Menschen beobachtet – und sich dann für Amberg entschieden.“
KI hält mit
Die Künstliche Intelligenz war vor vier Jahren noch kein Thema in der Neujahrs-Rede – dieses Mal durfte ChatGPT sogar einen Teil davon schreiben. Im Auftrag des OB, der eine kurze Analyse zu Chancen und Risiken der KI haben wollte. ChatGPT lieferte prompt. Er hoffe, dass man den Unterschied noch merke, sagte Cerny, als er nach dem Ablesen des KI-Textes wieder zu seinen eigenen Gedankengängen zurückkehrte. Wer ehrlich ist, muss jedoch zugeben, dass sich die riesigen Fortschritte der KI in der letzten Zeit auch in der Qualität der von ihr verfassten Zeilen niederschlagen und es schwierig ist, hier einen deutlichen Qualitätsverlust gegenüber Cernys sonstiger Rede festzustellen.
Am ehesten war die menschliche Überlegenheit noch dort spürbar, wo der Oberbürgermeister erläuterte, warum er sich Sorgen um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft mache. Weil die sich immer stärker in isolierte Blasen aufspalte, die zur Ausgrenzung Andersdenkender neigten. Weil Bürger mit zum Beispiel kritischen Fragen zur Migration „viel zu oft ideologisch in die rechtsradikale Schublade gestellt wurden“. Weshalb laut einer Umfrage nur noch 40 Prozent der Deutschen überzeugt seien, ihre Meinung frei sagen zu können.
Absage an AfD
Dass eine Annäherung an die AfD notwendig sei, schlussfolgerte der OB daraus allerdings nicht, im Gegenteil: „Wichtig ist und bleibt, dass es keine Zusammenarbeit mit verfassungsfeindlichen und rechtsradikalen Parteien geben darf, wie es die AfD für mich ist. Diese werden auch nicht durch Wahlerfolge zu einer vermeintlich demokratisch legitimierten Partei. Verfassungsfeinde, die in ein demokratisch gewähltes Parlament einziehen, bleiben Verfassungsfeinde und Gegner unserer Demokratie.“ Für diese Passage seiner Rede bekam Cerny den meisten Applaus.
In der Vorschau auf 2024 kündigte er die „Jubiläen“ 50 Jahre Fußgängerzone und 50 Jahre Weihnachtsbeleuchtung an. Richtig Werbung machte er für die Winterkönig-Aufführungen, die sogar fünf Jahre Pause gehabt hatten: „Die Verbindung von historischem Hintergrund mit komödiantischem Schauspiel, Anteilen von Musical, aber auch dem tragisch-romantischen Part ist in ihrer Form einmalig.“ Der Besuch des Schauspiels sei immer wieder ein grandioses Erlebnis und „eigentlich für jeden ein Pflichttermin“.
































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