18.05.2019 - 17:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Kult-Wirt sagt Wild-Vaitl Lebewohl

Lange Nächte, viele Bekanntschaften und Geschichten, die ganze Bücher füllen könnten: Nach 18 Jahren kehrt Norbert Eichenseer der ihm so ans Herz gewachsenen Kult-Kneipe Wild-Vaitl den Rücken zu. Er blickt zurück auf seine Zeit als Wirt.

Das Wild-Vaitl war für ihn 18 Jahre lang sein zweites Zuhause. Und oft sogar sein erstes. Nach 18 Jahren hört Kult-Wirt Norbert Eichenseer auf.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

18 Jahre, genau genommen 18 Jahre und vier Wochen, stand er hinter dem Tresen. Einen Großteil davon sogar 365 Tage im Jahr. Wer das Wild-Vaitl kennt, kennt Norbert Eichenseer. Aber bald ist Schluss: Am Freitag, 30. Mai, dem Tag nach Christi Himmelfahrt, hängt der 59-Jährige den Bierkrug an den Nagel. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wie er selbst sagt.

"Manchmal denke ich mir schon, dass es komisch sein wird, wenn das hier vorbei ist. Ich glaube aber, dass ich einen guten Zeitpunkt erwischt habe, um aufzuhören", sagt der Vaitl-Wirt. Oft hat er die Kneipe morgens um 10 Uhr aufgesperrt und ist erst nachts um 4 nach Hause gekommen. Gelegenheiten für eine Auszeit gab es wenig: "In der letzten Zeit bin ich öfter mal weggefahren, über die Jahre davor hatte ich insgesamt höchstens vier oder fünf Mal Urlaub."

Viele Erinnerungen

Erinnerungen an seine Zeit als Wirt hat Eichenseer unzählige. Im Biergarten spielten Kinder, Jugendliche und Studenten trafen sich, um Billard oder Kicker zu spielen. In der kleinen Küche seien keine kulinarischen Meisterwerke möglich gewesen, an Samstagen tagsüber seien aber viele ältere Leute und Rentner wegen der sauren Bratwürste zum Essen gekommen: "Da habe ich selber noch den Altersdurchschnitt gedrückt." Live-Musik gab es lange Zeit mindestens einmal in der Woche. Bekannte Bands und Amberger Lokalmusiker gaben sich die Türklinke in die Hand. So hatten sich die Berliner Lars Vegas & The Love Gloves zu so etwas wie der Wild-Vaitl-Hausband entwickelt. "Auf Sardinen-Basis haben wir einmal um die 70 Leute in das kleine Wild-Vaitl gequetscht", erinnert sich der ursprünglich aus Hohenburg stammende Wirt. "Wenn der Schumacher gefahren ist, und die Formel 1 um 7 Uhr in der Früh losgegangen ist, dann habe ich das Vaitl morgens um 5 Uhr aufgesperrt. Wir sind dann drin gesessen und haben das Rennen geguckt", schwelgt er in Erinnerungen an alte Zeiten.

Auf die Frage, warum er den ganzen Stress und die langen Nächte auf sich genommen hat, antwortet er: "Du hast das einfach gemacht, für so was findest du ja keinen Freiwilligen." Bei der Fußball-WM oder -EM, war der Biergarten immer gerammelt voll. "Das war lange unser Alleinstellungsmerkmal. Wir haben das schon gemacht, bevor das Public Viewing überhaupt aufgekommen ist."

So geht's im Wild-Vaitl weiter

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Neue Bekanntschaften

An seiner Bar hat er viele Gespräche von Gästen mitbekommen, der eine oder andere fragte ihn auch nach Rat. "Die Leute, die hier herkommen sind vielschichtig. Stammgäste kamen und gingen. Anonym war es hier nie. Ich war für die Gäste immer so was wie ein Bekannter. Ich habe ja auch viel mitbekommen. Ich wusste über die Leute Bescheid."

An ein Ereignis denkt der 59-Jährige gerne zurück: "Hier hat einmal eine ganze Klasse die Nacht verbracht, die am nächsten Tag nach Salento in Italien auf Abschlussfahrt ist. Als die Schüler morgens um 4.30 Uhr zum Bus gingen, habe ich beim Aufräumen einen Ausweis und einen Geldbeutel mit sämtlichen Papieren gefunden." Er habe sich dann auf das Rad geschwungen und die Schüler gesucht, aber nicht mehr gefunden: "Ich habe die Eltern angerufen, die konnten das dann noch regeln." Zum Abschied hat Norbert Eichenseer nicht viel zu sagen, außer: "Mir ist das Wild-Vaitl über die Jahre unglaublich ans Herz gewachsen. Ich hab so viele Leute getroffen und kennengelernt." Er ist froh, dass es immer friedlich war: "Einen Security-Dienst hab ich nie gebraucht."

Die freie Zeit, die er ab Juni haben wird, möchte er nutzen, um noch mehr mit seinen Enkeln zu machen. Sport gehöre sowieso für ihn zum Alltag. Nichtsdestotrotz ist sich Norbert Eichenseer sicher: "Ich suche mir wieder irgendwas zum Arbeiten."

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