14.11.2018 - 16:46 Uhr
AmbergOberpfalz

Und das Leben kehrt zurück

Eine Region kämpft gegen die Abwanderung. Denn fast jeder will oder muss weg vom Land. Da braucht es Akzente - auch in der Architektur - um diesen Trend umzukehren. In Oberfranken gibt es ein Büro, das da vorbildlich ist.

Aus einem störenden Leerstand in der Ortsmitte des oberfränkischen Neudrossenfeld machten die Architekten von H2M ein attraktives Zentrum der Gastronomie. Und in der alten Brauerei wird tatsächlich wieder gebraut.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Eng und voll war es im Vortragsraum im Luftmuseum am Dienstagabend beim inzwischen sehr beliebten Architekturforum. Das Thema: Mittendrin - Innenentwicklung in Stadt und Land. Der Referent: Professor Stephan Häublein aus Kulmbach, Gründer und Geschäftsführer des Architekturbüros H2M. Das seit einigen Jahren auch eine Niederlassung in München betreibt, sich dort aber mit ganz anderen Anforderungen konfrontiert sieht wie im ländlich geprägten Oberfranken.

"Wenn ich in der Region arbeite, dann ist es nicht möglich, sich zu spezialisieren", umriss Häublein das vielfältige Aufgabenfeld, das ihn und seine inzwischen 30 Kulmbacher Mitarbeiter fordert, die von der Planung über die Ausschreibung bis hin zur Bauleitung alles aus einer Hand bieten - müssen, wie er sagt. Zweite Voraussetzung: "Wir haben sehr viel mit Bestand zu tun." Ausgehend von der Tatsache, dass vor allem auf dem flachen Land sehr viele Gebäude vorhanden sind, die wegen der Abwanderung in zunehmendem Maße nicht mehr genutzt werden.

Eine neue Mitte schaffen

Revitalisierung oder die Aufgabe, oft überhaupt erst einmal Leben hineinzubringen in die oberfränkische Provinz, das sind die Hauptaufgabenstellungen für die H2M-Architekten, die sich aus kleinsten Anfängen heraus über zahlreiche Wettbewerbsteilnahmen erst zu dem renommierten Büro entwickelt haben, das sie heute sind. Beispiel Litzendorf, Landkreis Bamberg, knapp 6000 Einwohner in acht Ortsteilen. Litzendorf, so die Aufgabenstellung, hatte kein richtiges Ortszentrum, könnte von daher also auch eines der zahlreichen Oberpfälzer Flächendörfer sein, die mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben.

Vorhanden war laut Stephan Häublein eine große freie Fläche an einem größtenteils verrohrten Bach sowie ein altes Bauernhaus, das zum Bürgerhaus umgebaut werden sollte. Außerdem sollte im Zuge der Maßnahme dort eine neue Ortsbücherei errichtet werden, die multifunktional für Dorffeste benutzt werden kann. Groß gebaut wurde laut Häublein erst einmal gar nicht. Der Renaturierung des Dorfbachs folgte die Aufstellung von Spielgeräten und anderer Elemente auf dem Platz, um die Menschen anzulocken.

Der eigentliche Baubeginn fand nach eineinhalb Jahren statt - nach vorheriger Beteiligung der späteren Nutzer natürlich, die für den Architekten nicht ganz "störungsfrei" verlief. Das ehemalige Bauernhaus, so Häublein, ist heute ein attraktives Bürgerhaus, die Bücherei kann im Erdgeschoss fast komplett aufgeschoben werden und dient bei Festivitäten als Servicebereich. Die neue Ortsmitte lebt, mit dem erfreulichen Nebeneffekt, dass die Anlieger anfangen, ebenfalls ihre Häuser zu renovieren. Und die Ausleihzahlen der Bücherei sind von 5000 auf 50 000 pro Jahr hoch geschnellt.

Beispiel Hölzel-Areal Neudrossenfeld: Eine alte Brauerei samt Gasthof in der Ortsmitte wird aufgegeben, plötzlich klafft hier ein riesiger Leerstand - auch das passiert in der Oberpfalz so oder ähnlich. Inzwischen konnte hier das Wirtshaus ganz vorsichtig in einen originalen Zustand "zurückversetzt" werden, dazu kommt ein attraktiver Biergarten mit einer "Schwarzküche" als Essens- und Getränkeausgabe. Eine alte Scheune auf dem Gelände ist heute Tanzlinden-Museum und in der ehemaligen Brauerei wird heute Kommun-Bier gebraut. Erhalten wurde darüber hinaus der original Eishaus, dessen marodes Dach durch einen modernen Aufbau aus Cortenstahl ersetzt wurde und heute ein Wahrzeichen in Neudrossenfeld ist.

Insgesamt brachte Stephan Häublein am Dienstag vier Beispiele, wie Vorhandenes erneuert oder geschickt renoviert wird und neue Impulse setzt in einer Region, die übrigens die höchste Wettbewerbsdichte für Architekten in ganz Bayern hat.

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