20.05.2020 - 09:10 Uhr
AmbergOberpfalz

Lieber gar nicht als in Geisterform

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

In der Kolumne "Virus und wir" berichten die Autoren von Oberpfalz-Medien von ihren Erlebnissen während der Corona-Pandemie. Andreas Ascherl setzt sich mit der Geisterform der Unterhaltungsindustrie auseinander.

Heino hat tatsächlich vor Autos gesungen. Oh Gott!
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Die einen schauen sich gähnlangweilige Fußballspiele ohne Publikum im Fernsehen an, die anderen träumen vom Live-Konzert ihres Lieblingskünstlers, das sie wegen Corona halt dann im Auto miterleben wollen. Mal ganz ehrlich: Das Virus hat schon traurige Rituale hervorgebracht, um weiterhin Geld in unsere Unterhaltungsindustrie pumpen zu können. Denn abgesehen davon, dass ein Spiel des 1. FC Nürnberg in letzter Zeit an sich schon eine Zumutung ist, erweist es sich in seiner Geister-Form ungefähr so spannend wie das Unkrautzupfen im eigenen Garten. Weitaus schlimmer noch ist die Vorstellung, da vorne auf der Bühne spielt die absolute Lieblingsband - und man ist im eigenen Auto gefangen, anstatt gemeinsam mit anderen Leuten Musik in einer lauen Sommernacht zu erleben - Corona kann sehr grausam sein.

Es gibt halt einfach Dinge, die tut man nicht ohne Zuschauer, ohne euphorisch mitgehendes Publikum. Man stelle sich einfach nur mal vor, es ist Dart-WM und keiner darf hin. Statt der üblichen Vollgasparty im Londoner Ally Pally läuft eine Live-Übertragung ohne Publikum aus einer Hinterhofkneipe irgendwo in North Yorkshire. Man mag gar nicht dran denken an den traurigen Haufen von übergewichtigen Männern, die in seltsamen Gewändern und bunten Haaren kleine Pfeile auf eine Scheibe werfen. Dagegen kommt einem Geister-Fußball beinahe wie ein Vulkan der ausgelassenen Stimmung vor. Traurig ist das nur.

Der Sänger Heino, Interpret von Welthits wie "Schwarzbraun ist die Haselnuss" und "Die schwarze Barbara", hat vor wenigen Tagen tatsächlich vor Automobilen gesungen. Ob Leute drin waren, geht aus der Meldung nicht hervor. Dass er sein Konzert ausgerechnet mit einen Lied der Toten Hosen eröffnet hat, hingegen schon. "Tage wie diese", hat sich Heino ausgesucht, die Hymne der Lebensfreude schlechthin. Wir stellen uns nun vor, wie es so gewesen sein könnte in Bonn - ohne natürlich selbst dabei gewesen zu sein. Statt tosenden Applaus und cooles Stage-Diving gab es nach jedem Song ein flottes Winkkonzert mit dem Scheibenwischer oder die volle Lichthupe. Da kann man dann auch gleich alkoholfreies Bier aus der Fernsehwerbung dazu trinken.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.