Update 14.09.2018 - 18:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Mandat für die Menschen

Mit Auf und Abs kennt er sich aus: Zweimal kommt Reinhold Strobl (SPD) erst als Nachrücker in den Bundes- bzw. Landtag. Mit 68 Jahren macht er nun Schluss und scheidet aus dem Landtag. Strobl verspricht: Unpolitisch wird er deshalb nicht.

Eine Idylle haben sich SPD-Landtagsabgeordneter Reinhold Strobl und seine Frau Mathilde in Schnaittenbach geschaffen. Nach dem Ende seiner politischen Karriere will sich der 68-Jährige mehr Zeit für die Gartenarbeit nehmen.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Die SPD in Bayern hat es derzeit nicht leicht. Spitzenkandidatin Natascha Kohnen tourt quer durch den Freistaat, doch so recht bekommt das keiner mit. Die größten Schwarzmaler unter den Demoskopen sehen die Sozialdemokraten nur mehr als viertstärkste Partei. Reinhold Strobl, der SPD-Landtagsabgeordnete der Region, scheidet zur neuen Legislaturperiode aus. Der 68-Jährige könnte von der Zuschauertribüne aus die bundesweit kriselnde SPD beobachten. Das entspricht aber so gar nicht seinem Anspruch - und seinem Naturell.

Ganz im Gegenteil: "Ich kämpfe dafür, dass wir wieder bessere Ergebnisse haben." Schließlich habe es Zeiten gegeben, in denen die Sozialdemokraten 37 Prozent hatten. Auch wenn er ab Herbst kein Mandat mehr habe, "werde ich nicht unpolitisch sein". Das sagt der 68-Jährige an diesem Freitagnachmittag in seinem Esszimmer in Schnaittenbach sehr bestimmt. "Vor Ort werde ich weiterhin versuchen, etwas voranzutreiben." Es könne doch nicht angehen, dass die Region nur einen Abgeordneten einer Partei habe.

Interessante Zeit

Im November 2016 kündigte Strobl an, dass er sich bei den nächsten Wahlen nicht mehr um ein Landtagsmandat bewerben wolle. "Ich bin 68 Jahre. Ich denke, ich habe es richtig gemacht, nun Schluss zu machen", sagt er und lehnt sich wieder entspannter auf seinem Stuhl zurück. Es gibt nur wenige Politiker in Deutschland, die sowohl im Bundes- als auch im Landtag arbeiten durften. "Es war eine interessante Zeit", blickt Strobl zurück. Imponierenden, inspirierenden und sehr unterschiedlichen Menschen sei er begegnet. Auch welchen, die "am liebsten nichts verändern" wollten, - einen Charakterzug, den Strobl kategorisch ablehnt.

Es ist daher auch wenig erstaunlich, dass sich Strobl als politische Vorbilder die Granden der deutschen Sozialdemokratie zum Vorbild nahm. "Wegen Willy Brandt bin ich in die SPD eingetreten", erinnert er sich. "Helmut Schmidt hat viel erreicht, wenngleich wir ihm nicht bei allem gefolgt sind." Gerade was die Atomenergie Schmidts betreffe, "waren wir etwas aufrührerisch". Das Engagement des Münchener Ex-Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel und des ehemaligen Bundesministers Erhard Eppler imponierten ihm.

Arbeit vor Ort

Strobl hat nie bereut, in die Politik gegangen zu sein. Dabei kann man nicht sagen, dass dem 68-Jährigen die Mandate für den Bundes- und den Landtag zugeflogen wären. Zweimal kommt er erst im Nachrücken in die Gremien: 1999 darf Strobl in den Bundestag, weil Günter Verheugen nach Brüssel wechselt; 2005 zieht der Schnaittenbacher ins Maximilianeum, da seine Kollegin Marianne Schieder nach Berlin geht. Erst jetzt bleibt er ohne Unterbrechung Abgeordneter im Landtag. Für jemanden, der als selbstständiger Kaufmann seine Brötchen verdienen muss, ist es ein Wagnis. "Wenn das mit der Marianne nicht so schnell gekommen wäre, hätte ich kein Mandat mehr angestrebt", sagt er rückblickend. Fast vorbei wären seine politischen Ambitionen gewesen. "Man muss ja beruflich wieder versuchen, seinen Weg zu gehen."

Doch es kam anders, und Strobl bekam die Möglichkeit, sich einzusetzen und etwas zu verändern. Seine Schwerpunkte sind Schulen, Senioren, Pflege und Bildung. Aber auch für die Kastler Klosterburg, die lange Zeit leer stand, hat er sich stets eingesetzt. "Mich ärgert es, wenn eine Sache ungerecht läuft", nennt er als Grund, warum er in die Politik gegangen ist. Wenn er darüber nachdenkt, was einer seiner größten Erfolge gewesen ist, nennt er die Abschaffung der Studiengebühren 2013. Begeistert hatte Strobl dabei der Protest der Bevölkerung, der erst zur Abschaffung geführt hat. "Es hilft viel in der politischen Arbeit, wenn die Menschen sich zu Wort melden."

Das gefällt Strobl. Auch deshalb mag er die Arbeit vor Ort so gern - sie war ihm immer ein wichtiges Anliegen. Egal, ob er in Berlin oder München verantwortlich war. Kürzlich sei ein Polizist auf ihn zugekommen und habe ihm erklärt, dass die neue blaue Uniform zwar sehr schön aussehe, es jedoch Probleme gebe. "Es gibt Zweifel, ob die Kleidung dem entspricht, wie die ersten Muster waren." Denn nach einigen Waschgängen würde die Uniform an Farbe verlieren. "Da habe ich den Minister darauf aufmerksam gemacht." Es sind immer wieder Geschichten und Begegnungen mit Menschen, die Strobl einfallen. So erzählt er von einem schwer kranken Achtjährigen, der aus dem Kosovo stammte. Sein Herzenswunsch sei es gewesen, noch einmal den Großvater in der Heimat zu besuchen. Doch er hatte keine Einreisegenehmigung. "Zusammen mit dem Auswärtigen Amt haben wir ihm das ermöglicht." Kurz danach sei der Junge gestorben, sagt Strobl leise. Die Kontakte, die sich der Politiker in Berlin und München aufgebaut hat, werde er behalten. Vielleicht könne er dem einen oder anderen weiterhin helfen. "Auch wenn ich nicht mehr richtig im Geschehen bin."

Die Erinnerungen werden in den nächsten Wochen vielleicht noch intensiver. Bis Weihnachten möchte Strobl sein Bürgerbüro im Untergeschoss seines Wohnhauses ausräumen. An einer ganzen Wand stapeln sich dort Ordner mit Vorgängen, Briefen und Unterlagen. "Mal sehen, was ich davon noch brauche", sagt er nachdenklich. Aus seinem Abgeordneten-Zimmer in München habe er schon nach und nach Kisten mit heim gebracht. "Es ist kein komisches Gefühl dabei." Drei Mitarbeiterinnen haben Strobl bisher in Schnaittenbach unterstützt. Schafft Uwe Bergmann den Sprung in den Landtag, will dieser zwei Mitarbeiterinnen übernehmen. Ansonsten müssten sie sich eine neue Arbeit suchen. "Bei Abgeordneten hat man nur eine fünfjährige Jobgarantie."

Kleine Auszeit

Es gibt auch Dinge, die er nicht vermissen wird. Das wöchentliche Pendeln mit dem Zug nach München fällt ihm da gleich ein. "Und das frühe Aufstehen am Samstag und Sonntag, wenn eine Veranstaltung ansteht." Jetzt freue er sich, dass er Vereinsfeste besuchen kann, wann und wie lange er möchte. Als Strobls Frau Mathilde ins Esszimmer kommt, sagt sie spontan: "Wenn er zu Hause ist, wollen wir mehr Fahrrad fahren." Sie freue sich auch, dass man ohne Zeitdruck gemeinsam auf den Amberger Wochenmarkt gehen könne. "Vielleicht ist auch ein Kaffeetrinken drin." Im großen Garten könne er ihr auch vor allem im Frühjahr und Herbst helfen. Besonders glücklich macht sie, dass das Paar im Herbst eine Woche an die italienische Amalfiküste reist "Während des Wahlkampfs - so etwas wäre unmöglich gewesen." Es ist eine kleine Auszeit, bevor Strobl von Schnaittenbach aus wieder für die Menschen da sein will.

Zur Person:

Der 68-jährige Reinhold Strobl lebt mit seiner Frau Mathilde in Schnaittenbach. Der gelernte Industriekaufmann war 31 Jahre lang SPD-Kreisvorsitzender. Strobls politische Karriere begann 1978 mit dem Einzug in den Schnaittenbacher Stadtrat. Dem Gremium gehört er noch immer an. Bundestagsabgeordneter war der Genosse von 1999 bis 2002, als er für den nach Brüssel wechselnden Günter Verheugen nachrückte. 2005 schaffte Strobl erneut als Nachrücker den Einzug in den Landtag. SPD-Kollegin Marianne Schieder war in den Bundestag gewechselt. Seither sitzt Strobl im Maximilianeum. Seine Schwerpunkte sind die Belange des Bildungsausschusses und die Situation der Hauptschulen. Seit Ende Oktober 2009 ist er Mitglied im Ausschuss für Staatshaushalt und Finanzen. Er ist Berichterstatter unter anderem für die Bereiche Bildung, Jugend, Sport, Umwelt und Gesundheit. Er ist zweiter Vorsitzender der LAG Mali-Hilfe sowie Mitglied im Landesdenkmalrat. (spw)

Ein Bild aus dem Jahr 1998: Reinhold Strobl trifft den SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder im alten Bundestag in Bonn.

Strobl bei einer Rede im Bundestag in Berlin: „Es ging um die A 6“, erinnert sich der nun scheidende Landtagsabgeordnete.

Begrüßung durch den Fraktionsvorsitzenden Franz Maget (Mitte): Strobl (links) rückt 2005 für Marianne Schieder in den Landtag nach. Rechts Hans-Ulrich Pfaffmann.

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