17.06.2020 - 16:07 Uhr
AmbergOberpfalz

Mittelalterliche Löffel als Füllmaterial für Fehlböden

Ein BH, eine Unterhose oder ein Talisman – es gibt nichts, was im Mittelalter nicht als Füllmaterial in Fehlböden verwendet wurde. In Amberg wurden bei Sanierungsarbeiten ähnliche Schätze entdeckt: Löffel, Spaltkeil und Bügelschere.

Zwei Esslöffel aus Holz, von denen einer kunstvoll verziert ist, eine eiserne Bügelschere und ein Spaltkeil aus Eisen: Diese mittelalterlichen Alltagsgegenstände gaben die Fehlböden des Hauses Schiffgasse 3 bei der Sanierung frei.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Rund 600 Jahre ist es alt, erstrahlt dank aufwendiger Renovierung fast schon wieder in neuem Glanz: das Haus mit der Adresse Schiffgasse 3. Und was die Fehlböden bei der Sanierung freigaben, freut vor allem Mathias Hensch vom Bauordnungs- und Stadtentwicklungsamt. Geben die Funde doch einen Einblick in den mittelalterlichen Alltag. Ans Tageslicht in Amberg kamen so hölzerne Löffel, eine Bügelschere und ein Spaltkeil. Henschs Erfahrungen als Archäologe belegen, dass solche Dinge in Fehlböden nichts Außergewöhnliches sind. Dienten sie doch ganz simpel als Füllmaterial. Und da fand so ziemlich alles seinen Weg in die Zwischenräume, was nicht mehr gebraucht wurde: Hölzernes, textile und lederne Kleidungsreste, Papier und Pergament, Keramik – ja sogar Speiseabfälle. Dank des trockenen und gleichbleibenden Milieus der Zwischenböden sind diese Schätze, sofern sie gefunden werden, heute gut erhalten, sagt Hensch. Wie eben jene aus den Fehlböden der Schiffgasse 3.

Reportage zur Schiffgasse 3

Amberg

Zwei sehr gut erhaltene hölzerne Löffel, ein Spaltkeil und eine eiserne Bügelschere mit Schmiedemarke. Für Hensch ist das ein "seltener Fund, den hat man nicht alle Tage". Löffel sind das älteste und einfachste Esswerkzeug, erläutert der Experte. Jene in der Schiffgasse 3 gefundenen Exemplare seien ganz typisch für das Mittelalter. Sie ähneln ein wenig jenen Löffeln, die in China-Restaurants für die Suppe gereicht werden. Einer der beiden hölzernen Exemplare ist kunstvoll verziert – in Form einer stilisierten, greifenden Hand zur Löffelschale hin. Für Hensch durchaus ein Indiz, dass auch seinerzeit Menschen "Bedürfnis hatten, sich das Leben schöner zu machen". Die Bügelschere diente zum Schneiden von Textil oder Leder, der Spaltkeil zum Spalten von Baumstämmen oder Bohlen.

Mathias Hensch weiß von so manch Kuriosem aus den Fehlböden: Zum Beispiel ein BH, der nebst einer Männerunterhose lag. Für ihn sind solche Funde spannend. Bislang sei man davon ausgegangen, dass der Büstenhalter eine Errungenschaft des 18. Jahrhunderts war. "Doch es gab ihn schon im 15. Jahrhundert." Das gefundene Stück belege dies. Diese einmaligen, mitunter skurrilen Funde gewährten Einblicke in das Alltagsleben der Häuser und deren Bewohner, ja sogar des umliegenden Quartiers. Wie haben sie damals gelebt? Was haben sie seinerzeit gemacht? Darauf gäben die Stücke Antworten. Mathias Hensch erzählt von einem Kloster in Norddeutschland. In den Fehlböden wurden Talismane entdeckt. Ein aufschlussreicher Fund, wie Hensch meint. Denn Aberglauben hätte man bei Nonnen nicht erwartet. "So gewinnen wir einen Einblick in die Denkweise der Menschen, die damals lebten." Mitunter stammen auch Münzen aus den Fehlböden. Die allerdings dürfte ihr früherer Besitzer eher verloren haben: Weil sie extrem klein waren, verschwanden sie schnell in den Ritzen im Fußboden auf Nimmerwiedersehen.

Hintergrund:

Historischer Schatz

Mit Denk-Mal-Amberg ist der Denkmal-Blog auf Facebook betitelt, den die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Amberg initiiert hat. Damit sollen laut Mathias Hensch die Bürger dafür sensibilisiert werden, welch historischen Schatz sie in ihrer Stadt haben, sowohl im Baubestand als auch im Boden. "Diesen historischen Schatz muss man schützen", so Hensch weiter. In regelmäßigen Abständen wird Denk-Mal-Amberg mit Beiträgen bestückt – Einzeldenkmäler werden vorgestellt, Fundstücke beleuchtet, historische Häuser und deren Besonderheiten beleuchtet.

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