04.10.2019 - 19:18 Uhr
AmbergOberpfalz

Mordfall Sophia Lösche: Von großer Liebe in größter Finsternis

Am 18. September verurteilt das Landgericht Bayreuth Boujemaa L.wegen Mordes an Sophia Lösche zu lebenslanger Haft. Sophias Eltern sitzen an allen Prozesstagen im Gerichtssaal. Was trägt sie durch diese Finsternis? Vor allem die Liebe.

Maria-Elisabeth und Johannes Lösche blättern in einem Album mit Bildern ihrer ermordeten Tochter Sophia. Überwältigt sind sie nach wie vor von der großen Anzahl der Menschen, die nach dem spurlosen Verschwinden ihrer Tochter unermüdlich nach der 28-Jährigen suchten und von denen viele während der Hauptverhandlung gegen Sophias Mörder Boujemaa L. im Gerichtssaal saßen. „Das sind ganz wunderbare Menschen“, sagen sie.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Am 14. Juni 2018 wollte Sophia Lösche heim zu ihren Eltern. Von Leipzig aus wollte sie zunächst per Anhalter nach Nürnberg, dann weiter mit dem Zug. In Amberg kam sie nie an. An diesem Abend saß das Ehepaar Lösche in seinem Esszimmer und wartete auf die Tochter. "Wir haben uns so auf sie gefreut", sagt Maria-Elisabeth Lösche. Die Eltern rechnen mit drei Stunden, die ihr Nesthäkchen nach Amberg braucht. Gegen halb sechs wollte Sophia los. Um halb neun müsste sie da sein, denken die Eltern. Johannes Lösche erinnert sich an ein Gespräch mit Sophia. Wenn sie irgendwo sei und nicht weiterkomme, ob er sie dann abhole, fragt die Tochter. "Ich hole dich überall ab", sagt Johannes Lösche. "Weiß ich doch", antwortet die 28-Jährige. "So haben wir am Telefon geflachst."

An der A 9-Raststätte Schkeuditz findet Sophia eine Mitfahrgelegenheit. Sie steigt bei Boujemaa L. ein. Und schreibt eine Nachricht an Freunde: "Sitze bei Bob, dem Marokkaner, im Lkw." In Amberg sitzt das Ehepaar Lösche und versucht den ganzen Abend über, seine Tochter anzurufen. Jedes Mal heißt es: "Der Teilnehmer ist nicht erreichbar." Johannes Lösche erzählt, dass für ihn und seine Frau klar war: "Da muss was Schreckliches passiert sein." Heute weiß er nicht mehr, ob es ein reines Gefühl war oder eine Gewissheit, die durch tiefe Verbundenheit von Menschen herrührt.

Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe der Manipulation

Amberg

Drei Mal geht der Vater zum Bahnhof, in der Hoffnung, Sophia möge in einem der Züge sein, die spätabends aus Nürnberg in Amberg ankommen. Um kurz nach 1 Uhr ist der letzte Zug durch. Johannes Lösche steht am Bahnsteig. Ausgestiegen sind zwei junge Männer. Sie werden abgeholt. Deren Wiedersehensfreude steht im krassen Gegensatz zum höchst besorgten, wartenden Vater von Sophia. "Ich war in Tränen aufgelöst. Das war ganz entsetzlich." In diesem Moment weiß er: "Wir werden unsere Tochter nie mehr lebend wiedersehen."

Sie als Eltern, aber auch alle Freunde und Bekannten der 28-Jährigen hätten definitiv gewusst, Sophia hätte sich gemeldet. "Unsere Tochter war absolut gewissenhaft, sie war ganz treu", sagt Maria-Elisabeth Lösche. "Sophia hätte nie jemanden im Stich gelassen, schon gar nicht uns Eltern." Selbst aus Kolumbien habe sie sich stets regelmäßig gemeldet. Am vierten Tag nach dem spurlosen Verschwinden von Sophia suchen das Ehepaar Lösche, deren ältere Tochter Katharina und Sophias Patenonkel im Raum Hersbruck/Lauf. Der marokkanische Trucker, zu dem Sophia in Schkeuditz eingestiegen war und der sich bei Eva, Sophias bester Freundin seit Kindertagen, und bei Klara, Sophias Cousine, gemeldet hatte, gab an, er habe die 28-Jährige dort aus dem Lkw gelassen. An diesem Abend treffen die Eltern auf viele der Menschen, die seit Tagen nach ihrer Tochter suchen. Rund 30 sind es. Viele davon kennen sie gar nicht. "Wir haben viele von Sophias Freunde erst durch ihren Tod kennengelernt", sagt Maria-Elisabeth Lösche. Ihr Mann erinnert sich, was ihm in diesem Moment durch den Kopf gegangen sei: "Kinders nochmal, sie sind so engagiert, so lieb, so freundlich zu uns."

Freunde von überall her

Und es werden immer mehr. Sie suchen entlang der Autobahn, sie verteilen an Raststätten Flyer, sie stellen Suchaufrufe - übersetzt in viele Sprachen - in soziale Medien, teilen diese fleißig. An dem Tag, an dem Sophias Leiche in Spanien nahe einer Tankstelle im Baskenland gefunden wird, sind allein in Pommelsbrunn 70 Leute. Johannes Lösche war dort als Pfarrer tätig, hatte das Gemeindehaus organisiert als Ort, wo sich die Freiwilligen treffen konnten. Einige fuhren mit der Familie nach Amberg, übernachteten bei Sophias Eltern. "Es war eine unwahrscheinlich große Zahl an Menschen, die unsere Tochter suchten. Das war überwältigend", gesteht Johannes Lösche. Sie kamen aus Bamberg, wo Sophia bis zum Bachelor-Abschluss studiert hatte. Aus Leipzig, wo sie wohnte. Aus Berlin. Und natürlich auch aus Amberg. Maria-Elisabeth Lösche und ihr Mann sprechen von einem "reichen Geschenk", das sie durch Sophia bekommen haben: "So viele, viele wunderbare Menschen", die ihnen Liebe und Zuneigung entgegenbrachten, ihren Schmerz teilten. Das sei großartig, sagen sie. In seiner Urteilsbegründung im Mordprozess gegen Boujemaa L. vor dem Schwurgericht Bayreuth wird 15 Monate später auch Vorsitzender Richter Bernhard Heim genau diesem beispiellosen Engagement von Familie und Freunden großen Respekt zollen.

Als in Freiburg im Breisgau der Prozess gegen den Mann beginnt, der die Studentin Maria Ladenburger vergewaltigt und ermordet hat, bleiben ihm deren Eltern bewusst fern, lassen sich als Nebenkläger durch einen Anwalt vertreten. Maria-Elisabeth und Johannes Lösche können die Eltern verstehen. Auch sie überlegen lange, ob sie als Nebenkläger zum Prozess gegen Boujemaa L. gehen sollen oder nicht. Sie entscheiden sich dafür. Ebenso ihr Sohn Andreas, ebenfalls Nebenkläger. "Das war ganz, ganz wichtig", sagt Johannes Lösche. "Das waren wir Sophia einfach schuldig." Vorwürfe würde er sich heute machen, wenn er nicht dort gewesen wäre.

Schwester Katharina reist jedes Mal aus Bremen an

"Was uns die Kraft gegeben hat, da zu sitzen und das auszuhalten? Das waren unsere nächsten Menschen. Wir waren zu zweit, Andreas war da, so tapfer so gradlinig." Und die Eltern wissen, dass an jedem Tag mindestens 20 bis 30 Leute im Gerichtssaal sitzen, "die uns zugewandt sind, die mit uns so Furchtbares aushalten". Es ist die Familie, es sind die Freunde. Sophias ältere Schwester Katharina reist zu fast jedem Prozesstag aus Bremen an. Johannes Lösches Schwester, die in Bayreuth lebt, sitzt im Zuhörerraum. Es sind Sophias Freunde aus der Bamberger Studentenzeit da. Die Leipziger. Die Amberger. Die Berliner. Johannes Lösche organisiert, dass alle, die eine weite Anreise haben, bei seinem Neffen im Gemeindehaus Gesees übernachten können. Nach jedem Verhandlungstag setze sich die Familie mit den Freunden noch zusammen. "Das hat uns gut getan", blickt Maria-Elisabeth Lösche zurück. "Wir haben ein Ventil gebraucht, sie haben eines gebraucht." Für sie als Mutter habe sich die Frage gar nicht gestellt, ob sie den Prozess aushalten könne. "Ich musste es aushalten - für Sophia."

Beeindruckt ist das Amberger Ehepaar auch von den zahlreichen Briefen, mit denen Menschen kondolierten. Viele von ihnen kannten die Lösches gar nicht. "Mich haben manche Briefe so sehr berührt, da haben ganz einfache Leute die richtigen Worte für uns gefunden." Auch dafür sind Maria-Elisabeth und Johannes Lösche höchst dankbar. Genauso wie für einen stillen Händedruck. "Viele haben uns einfach nur umarmt und gar nicht mehr losgelassen", erinnert sich die Mutter. Am Dienstag, 1. Oktober, strahlte das ZDF in "Frontal 21" die Dokumentation "Der Mordfall Sophia Lösche - Protokoll einer fehlerhaften Fahndung" aus. Auch Sophias Eltern kommen zu Wort. Sie hatten lange überlegt, ob oder ob nicht. Und sich dafür entschieden. Weil sie ein Anliegen haben. "So etwas darf nicht mehr passieren", sagt Johannes Lösche. Und meint damit, dass, nachdem er seine Tochter bei der Amberger Polizei als vermisst gemeldet hatte, erst gar nicht und später nur sehr zögerlich ermittelt und nach dem Lkw-Fahrer gefahndet wurde. "Wer da alleine ist, der kann das nicht aushalten", betont Sophias Vater. Er wünscht sich eine "verlässliche Polizei. Eine, die Empathie zeigt". Und die nicht lüge. Die ihnen nicht sage, dass die in Spanien gefundene Leiche so verkohlt sei, dass man nicht einmal wisse, ob es ein Mann oder eine Frau sei, obwohl spanische Behörden längst bekannt gegeben hatten, es sei eine junge Frau - zu 99 Prozent Sophia.

Regelmäßige Besuche

Viele von Sophias Freunden kommen heute regelmäßig zu den Eltern, besuchen sie übers Wochenende. Sind da an ihrem Todestag. Und an ihrem Geburtstag. Gehen an ihr Grab in Amberg. Wenn Johannes Lösche in der "Frontal 21"-Dokumentation "Der Mordfall Sophia Lösche - Protokoll einer fehlerhaften Fahndung" vom Dienstagabend von einer "Dichte der Liebe" spricht, die er selten erlebt hat, dann ist das auch ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft. "Es ist wichtig, Familie zu haben. Und Freundschaften", sagt er zwei Tage nach Ausstrahlung des 45-minütigen Beitrags: "Menschen, die an unserer Seite stehen, an die wir uns klammern können, wenn Furchtbares passiert."

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