04.10.2019 - 20:10 Uhr
AmbergOberpfalz

Mordfall Sophia Lösche: Polizei reagiert auf Vorwürfe

Für Wirbel hat ein ZDF-Beitrag über den Mordfall Sophia Lösche gesorgt. Insbesondere geht es um Anrufversuche der Polizei bei der Spedition in Marokko, die erst Monate später auftauchen. Die Polizei wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Maria-Elisabeth und Johannes Lösche inmitten von Freunden und Familienangehörigen am Tag der Urteilsverkündigung vor dem Justizpalast Bayreuth. Sie alle haben den Eltern der ermordeten Sophia, die wie ihr Sohn Andreas Nebenkläger waren, die Kraft gegeben, den Prozess auszuhalten.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Am Dienstag strahlte das ZDF in Frontal 21 die Dokumentation über den Fall Sophia Lösche aus. Sophias Eltern Maria-Elisabeth und Johannes Lösche überlegten lange, ob sie mitwirken sollten. Und entschieden sich dafür. Denn sie haben ein Anliegen. "Wir wünschen uns, die Polizei wird aufgerüttelt", sagt Johannes Lösche, ehemaliger Pfarrer der Amberger Paulanergemeinde. Der 45-minütige Beitrag ist eine Chronologie des Verbrechens - und eine Kritik an schleppenden Ermittlungen.

Thematisiert wird, dass in den Ermittlungsakten im Ablaufkalender der Amberger Kripobeamten Anrufeversuche bei der Spedition in Marokko, dem Arbeitgeber von Sophia Lösches Mörder Boujemaa L., mit keiner Silbe erwähnt sind. Erst Monate später tauchen sie in einem nachträglichen Aktenvermerk auf, mit Datum und Uhrzeit: Samstag, 16. Juni 2018, gegen 19.15 Uhr; Sonntag, 17. Juni, gegen 20.30 Uhr und 20.45 Uhr und Montag, 18. Juni, 7.30 Uhr.

Ein Gespräch mit Sophias Eltern

Amberg

"Diese Anrufe hat es nie gegeben", ist sich Andreas Lösche, der Bruder der Ermordeten, der wie die Eltern Nebenkläger im Prozess war, sicher. Zumal Vorsitzender Richter Bernhard Heim in der Urteilsbegründung, als er das Engagement des privaten Suchtrupps würdigte, gesagt hatte, dass Ermittlern direkte Kontakte ins Ausland nicht möglich seien. Andreas Lösche ist aufgefallen, dass die Telefonate erst aufgelistet wurden, nachdem er Innenminister Joachim Herrmann mit der Bitte um Aufarbeitung des Falls kontaktiert hatte. Herrmann beauftragte laut Lösche Ende Oktober die Polizeipräsidien Oberpfalz und Oberfranken mit der Prüfung. "Erst dann kommen die Telefonate nach Marokko ins Spiel", wundert sich Lösche. Und er wundert sich auch über die Uhrzeiten der Anrufe, wo doch auf der Homepage die Geschäftszeiten der Spedition aufgeführt seien: 8 bis 18.30 Uhr.

Der Aktenvermerk der Amberger Kripo datiert vom 8. November 2018. Der Eingangsstempel bei der Kripo Bayreuth, die federführend die Ermittlungen im Mordfall führte, trägt den 22. November 2018. "Hat man also die ganze Zeit überlegt, ob man eine Lüge zu den Akten gibt oder nicht?" Fehler passierten, sagt Lösche. Auch Fehleinschätzungen. "Aber wenn das vertuscht werden soll, ist das fürchterlich."

Frei von Verbitterung oder gar Hass sprechen Sophias Eltern heute über den immensen Verlust, den sie erlitten haben. Aber auch von der Liebe, die sie in dieser Finsternis erfahren durften. "Das sind so wunderbare Menschen", sagt Maria-Elisabeth Lösche über die Freunde Sophias und die Verwandten, die die Familie durch die Hauptverhandlung begleiteten. Aus Bamberg, aus Amberg, aus Leipzig, aus Berlin. Darunter viele, die damals auch unermüdlich nach der 28-Jährigen gesucht hatten. Einige von ihnen haben die Lösches erst durch den Tod ihrer Tochter kennengelernt. "Dank Sophia haben wir ein reiches Geschenk bekommen: so viele, viele Menschen", sagt die Mutter. Sie und ihr Mann wünschen sich für die Zukunft, wenn wieder ein Mensch spurlos verschwindet und ein Verbrechen wahrscheinlich ist, "eine Polizei, die verlässlich ist und Empathie zeigt".

Reaktion des Polizeipräsidiums:

Zu dem im Frontal-21-Beitrag am Dienstagabend geäußerten Vorwurf, die Polizei habe Anrufe nach Marokko nicht getätigt, diese aber nachträglich in die Akten aufgenommen, bat Oberpfalz-Medien das Polizeipräsidium Regensburg um eine Stellungnahme. Diese ging am Freitagnachmittag in der Redaktion ein. Wörtlich heißt es:

„Nach dokumentierter Sachlage haben Beamte der Polizeiinspektion Amberg und der Kriminalpolizeiinspektion Amberg von Samstag, 16. Juni 2018, bis Montag, 18. Juni 2018, insgesamt viermal erfolglos versucht, die Spedition in Marokko telefonisch zu erreichen. Zudem wurde am 18. Juni ein Kontaktversuch per E-Mail unternommen. Die Anrufversuche wurden von der Polizei zunächst nicht im Einsatzprotokollsystem, Ablaufkalendern oder Aktenvermerken dokumentiert, da diese erfolglos waren. Diese Anrufversuche wurden erst dann nachträglich in einem Aktenvermerk vom Oktober 2018 festgehalten, nachdem Andreas Lösche gegenüber Innenminister Herrmann angegeben hat, dass von der Polizei in Amberg niemand bei der Spedition angerufen habe. Im Ergebnis bestehen keine Zweifel daran, dass Beamte der Polizeiinspektion Amberg und Kriminalpolizeiinspektion Amberg versucht haben, die Spedition telefonisch zu erreichen. Die Frage der Maßnahmen-Dokumentation wird auch Gegenstand der polizeilichen Nachbereitung des Falls sein. Diese erfolgt nun nach Abschluss des Strafprozesses am Landgericht Bayreuth durch die Polizei Bayern und die Polizei Sachsen.“ Weitere Angaben inhaltlicher Art könnten vor Abschluss der Nachbereitung nicht getätigt werden, heißt es aus Regensburg.

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