04.08.2021 - 13:39 Uhr
AmbergOberpfalz

Mordprozess: Gibt „Mexiko-Heinz“ sein Schweigen noch auf?

Was ist das für ein Mensch, der da auf der Anklagebank sitzt? Er soll in Büchelkühn einen Doppelmord begangen haben und hat bisher kein Wort zu diesem in der oberpfälzischen Kriminalgeschichte nahezu beispiellosen Kapitalverbrechen gesagt.

Er sitzt mit Corona-Maske und Sonnenbrille in seinem Stuhl, dreht sich ab vom Geschehen im Gerichtssaal und schweigt. Außer einer kurzen impulsiven Äußerung haben die Prozessbeteiligten bisher nichts von Karlheinz R. gehört. Ob sich das noch ändert, wird der letzte Teil des Prozesses wegen Doppelmord zeigen.
von Autor HWOProfil

Karlheinz R. (58) kauert im Stuhl, kehrt allen Prozessbeteiligten den Rücken zu und schweigt. Seine Sonnenbrille hat er an den vier Verhandlungstagen nicht ein einziges Mal abgenommen. Die Beweisaufnahme vor dem Amberger Schwurgericht ist unterdessen beendet. Nach vier Tagen und der Anhörung mehrerer Dutzend Zeugen steht fest: Es gibt keinen einzigen Umstand, der zur Entlastung des Mannes aus Schwandorf hätte beitragen können.

Das mögliche Strafmaß

Im Sitzungssaal ist auch der aus Hof stammende ehemalige Bundesrichter Erwin Hubert anwesend. Er vertritt als Opferanwalt den Sohn und einen Bruder der am 27. Juni 2020 in Büchelkühn durch Messerstiche getöteten 57-jährigen Frau. Vor laufenden TV-Kameras sagte Hubert: "Er darf nie wieder in Freiheit kommen. Die Leute haben Angst vor ihm."

Das unter Vorsitz von Landgerichtsvizepräsidentin Jutta Schmiedel tagende Schwurgericht könnte bei Tatnachweis gegen Karlheinz R. eine lebenslange Haftstrafe verhängen. Die Richter wären aber auch befugt, noch ein Stück weiter zu gehen. Denn im Gesetzbuch wird die Möglichkeit eröffnet, eine besondere Schwere der Schuld festzustellen. Das würde dann zu der Konsequenz führen, dass eine Entlassung aus dem Gefängnis frühestens nach 20 Jahren von den Behörden geprüft werden kann.

Nach vier Verhandlungstagen ist gewiss: Der von Freunden "Mexiko-Heinz" genannte Schweißer, der für diesen Beruf zeitweise ein Gewerbe anmeldete, hatte zu dem unmittelbar an die Vereinigten Staaten grenzenden Land nicht nur eine Beziehung, die sich auf den Begriff "Ferien" definierte. Durch seine Profession kam er nach Argentinien, Kolumbien und auch nach Mexiko. Dort lernte der heute 58-Jährige nach zwei gescheiterten Ehen eine Frau kennen und heiratete sie. Die Partnerin kam 2016 nur einmal mit nach Deutschland. Seit geraumer Zeit wartet die Mexikanerin im eigenen Haus auf ihren Gatten. Es könnte durchaus sein, dass er nie mehr zurückkehrt.

In Gesprächen mit einer Psychiaterin, die ihm nun im Prozess volle Verantwortlichkeit für das Verbrechen in Büchelkühn attestierte, hatte der 58-Jährige seine Beziehung zu der in Büchelkühn ums Leben gekommenen Frau als "kein Verhältnis" eingestuft. Sie habe ihm nur Wohnung und Obdach in ihrem Haus gewährt. Auch von "ausgenutzt" war gegenüber der Ärztin die Rede. Dieser Begriff blieb allerdings im Raum stehen. Nur Karlheinz R. hätte das näher erläutern können. Doch sagen mochte er bis zum Abschluss der Beweisaufnahme nichts.

Tatsache ist: Vor der am 27. Juni letzten Jahres um 18.28 Uhr in dem Büchelkühner Wohnanwesen beginnenden Messerattacke hatte es Drohungen durch Karlheinz R. gegeben. Sie waren so massiv, dass sich seine Ex-Partnerin an die Polizei wandte und Beamte mit dem damals in einem Notquartier wohnenden Arbeitslosen ein sogenanntes Gefährdergespräch führten.

Räderwerk der Ermittler

Die 57-Jährige und ihr aus dem Raum Oberviechtach stammender neuer Begleiter (69) trafen auch selbst Vorkehrungen in Büchelkühn, um sich bei einer Attacke wehren zu können. Sie zogen Stolperdrähte, hängten eine Wildkamera auf, legten einen Knüppel und andere Werkzeuge bereit, um sich wehren zu können. Als der Angreifer kam, nutzte ihnen das nichts.

Der bisherige Verhandlungsablauf machte deutlich: Die Ermittlungsbehörden kannten zwar von Anfang an die Identität des mutmaßlichen Täters. Doch unabhängig davon ließen sie nichts unversucht, um ihm das Verbrechen nachzuweisen. Dabei halfen mehrere Dutzend Beamte zusammen, wurden Erkenntnisse über Monate hinweg mosaikartig zusammengesetzt. Als der dringend Verdächtige mit einem Fahrrad über Roding und Bad Kötzting ins Nachbarland Tschechien geflüchtet war, kam das gemeinsame deutsch-tschechische Zentrum auf dem Schwandorfer Weinberg ins Spiel. Auch dort griff das ermittlerische Räderwerk perfekt ineinander.

Am Donnerstag, 19. August, beginnt der letzte Teil des Mordprozesses. Ab dann ist es Zeit für die Schlussvorträge. Zunächst hat der Leitende Oberstaatsanwalt Joachim Diesch das Wort. Ihm folgen drei Anwälte, die als Interessensvertreter von Hinterbliebenen der beiden Opfer ihre Ausführungen machen. Danach hat Pflichtverteidiger Jürgen Mühl (Amberg) das Rederecht. Was er zur Entlastung seines Mandanten zu sagen hat, wird mit großem Interesse erwartet.

Wie in jedem Strafverfahren vor deutschen Gerichten steht dem Beschuldigten das Schlusswort zu. Dabei stellt sich die Frage: Wird es der 58-Jährige nutzen? Darauf, dass dies geschieht, deutet nichts hin. Den Angehörigen der beiden Getöteten hat er fast schon demonstrativ den Rücken zugekehrt und es vermieden, ihnen ins Gesicht zu schauen. Vier Tage lang bot sich ein fast schon bizarres Bild: Der grauhaarige Mann im blauen Arbeitsanzug mit Corona-Maske, eine von irgendwo her beschaffte Sonnenbrille vor den Augen. "Wenn Sie etwas sagen wollen, tun Sie es", hat ihn die Richterin Jutta Schmiedel unterdessen mehrfach aufgefordert. Doch dieses Angebot wurde nicht angenommen.

Die vierte Verhandlungsrunde im Mordprozess

Amberg

"Er darf nie wieder in Freiheit kommen. Die Leute haben Angst vor ihm."

Opferanwalt Erwin Hubert

 

 

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