Jasmin K. (Name geändert) ist unglücklich. „Hätte ich diese Diagnose früher bekommen, hätte ich mir einen langen Leidensweg erspart“, stellt sie fest. Bereits von früher Kindheit an hatte sie bemerkt, „dass ich irgendwie anders bin“. Dann, mit Anfang 20, bekam sie die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, besser bekannt als ADHS. Diese Erkenntnis verschaffte ihr zwar Erleichterung, aber: „Ich hatte immer das Gefühl, da ist noch etwas.“ Jetzt, weitere rund zwei Jahrzehnte später, weiß sie, was das ist. Nach aufwendiger Diagnostik stellte ihre Ärztin fest, dass Frau K.* zusätzlich an hochfunktionalem Autismus leidet, der Beeinträchtigung, die man auch als Asperger-Syndrom kennt.
Was viele nicht wissen: Obwohl diese beiden Erkrankungen scheinbar unterschiedlicher nicht sein könnten, findet sich diese Kombination sehr viel häufiger als man denkt. Studien zufolge sind rund 2,5 bis 3,5 Prozent aller Erwachsenen von ADHS und etwa ein Prozent von Autismus betroffen, aber rund 40 bis 50 Prozent der Autisten haben gleichzeitig ADHS. In beiden Fällen handelt es sich um eine Funktionsstörung des Gehirns, eine sogenannte Neurodivergenz, bei der bestimmte Gehirnfunktionen anders arbeiten als bei den meisten Menschen. Oder, wie es Frau K.* formuliert: „Unsere Gehirne sind anders verkabelt.“
Gegensätzliche und sich überschneidende Symptome
Betroffene, die beides haben, zeigen somit Eigenschaften, die man dem einen oder dem anderen Spektrum zurechnen kann. Hinzu gesellen sich aber auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten. So brauchen Menschen mit ADHS immer wieder neue Impulse und Eindrücke, sind rastlos und impulsiv oder extrem zurückhaltend und verträumt. Auch sind sie leicht ablenkbar, haben Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen und es fällt ihnen schwer, Routinen zu schaffen und einzuhalten. Gerade diese sich wiederholenden Verhaltensweisen und ein extremes Bedürfnis nach Struktur und Ordnung kennzeichnen aber hochfunktionale Autisten, die beispielsweise Schwierigkeiten mit Reizüberflutung, Gesichtserkennung und im Umgang mit anderen Menschen haben können.
Sie können weder die Signale Anderer intuitiv erkennen noch zwischen den Zeilen lesen und wissen daher nicht, wie sie ihr Gegenüber einschätzen sollen. Kommen beide Störungen zusammen, so führt dies unweigerlich zu inneren Konflikten, die die Betroffenen belasten und frustrieren. Andererseits haben diese beiden Pole auch Einiges gemeinsam. Ein hervorstechendes Merkmal beispielsweise sind ausgeprägte Spezialinteressen, auf die sie sich besonders fokussieren. Hinzu kommen unter anderem Hypersensibilität, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, besondere Gedankenstrukturen und eine extreme Angst vor Ablehnung, was sich bei Jasmin K. seit ihrer Kindheit zeigte. „Obwohl ich als Kind nie auffällig war, habe ich mich immer als anders empfunden“, offenbart sie.
Symptome bei Frauen häufig anders
Besonders offensichtlich wurden die Symptome aber, als sie von zu Hause wegging, allein zu leben versuchte und feststellen musste, „dass das nicht funktioniert“. Es folgte die Diagnose ADHS, doch trotz – auch medikamentöser Behandlung – ging der Leidensdruck weiter. Ein nochmaliger Einschnitt erfolgte, als sie Mitte Dreißig Mutter wurde. „Die Strategien, die ich bis dahin entwickelt hatte, funktionierten nicht mehr“, berichtet sie und erläutert, dass dies der Auslöser war, erneut nach dem Warum zu suchen. Unterstützung fand Jasmin K. in ihrer Ärztin, die sie seit mehr als 13 Jahren betreute und sich einverstanden erklärte, „nochmals den ganzen Blumenstrauß zu untersuchen“.
Mit Erfolg, wie sich schlussendlich zeigen sollte, obwohl man mit dieser Erkenntnis nahezu Neuland betrat. „Erst in den letzten Jahren hat die Genforschung gezeigt, dass ADHS und Autismus erhebliche Überschneidungen haben und die genetische Disposition dabei eine bedeutende Rolle spielt“, erläutert Jasmin K. Auch deshalb bleibe es weiterhin schwierig, diese Diagnose zu stellen, zumal sich viele ein festes Bild von Menschen mit Autismus machten, sich betroffene Frauen in ihrem Verhalten aber deutlich von dem ihrer männlichen Leidensgenossen unterscheiden. „Bis heute stellt man sich unter Autisten hauptsächlich kleine Jungs oder Männer wie in Rain Man vor, doch bei Frauen zeigt sich diese Neurodivergenz häufig anders“, so Frau K.
Betroffene mit und ohne Diagnose willkommen
Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die sie in ihrem Leben hat und hatte, hat sich Jasmin K. auch besondere positive Fähigkeiten und Potenziale bei sich entdeckt, die sie keinesfalls missen möchte. „Mein Vorteil ist, dass ich im Beruf sehr erfolgreich bin und dank meines Spezialwissens eine Managementposition bekleide, die mich finanziell unabhängig macht“, erklärt sie. Die besondere Fähigkeit, sich dieses umfangreiche Wissen anzueignen und anzuwenden, hat schließlich auch dazu geführt, dass sie sich mit ihrer Situation vertraut gemacht hat und anderen Menschen helfen möchte, indem sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben ruft.
Das erste Treffen dieser Gemeinschaft, die von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen der Stadt Amberg unterstützt wird, ist für Samstag, 12. Oktober, um 15 Uhr in der Zeughausstraße geplant und nicht nur für „Frauen mit ADHS und/oder hochfunktionalem Autismus“ gedacht, bei denen eine oder beide Beeinträchtigungen bereits diagnostiziert wurde. Auch Interessentinnen, die mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben oder sich in dieser Beschreibung wiederfinden, sind dazu willkommen. Die Anmeldung sowie die Einholung weiterer Informationen sind unter audhs[at]outlook[dot]de möglich und werden außerdem von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen bei der Stadt Amberg unter 09621/101399 entgegengenommen.
Die Selbsthilfegruppe
- zielt darauf ab, Gleichgesinnte zu finden und Tipps zur Alltagsbewältigung zu bekommen
- will einen sicheren Raum schaffen, in dem man ohne Scham und Vorurteile ganz man selbst sein kann
- gibt den Teilnehmerinnen die Möglichkeit, sich über die größten Herausforderungen in ihrem Leben auszutauschen
- lädt dazu ein, gemeinsam Strategien zu finden, wie man Familienleben, Freundschaften und Beruf besser bewältigen kann
- bietet Fachvorträge und Treffen zu bestimmten Fokusthemen an
- veranstaltet Ausflüge und lockere Zusammentreffen, in denen auch andere Themen im Mittelpunkt stehen sollen
- verfolgt die Intention, ein Netzwerk aufzubauen, von dem alle Mitglieder profitieren können.
- Die Treffen finden ab dem 12. Oktober, 15 Uhr, in der Zeughausstraße 14 statt.
- Während der Gruppentreffen wird eine Kinderbetreuung angeboten.
- Infos und Anmeldung unter audhs[at]outlook[dot]de oder bei der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen bei der Stadt Amberg unter der Rufnummer 09621/101399.













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