12.01.2019 - 00:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Neujahrsempfang nach der großen Erregung

Oft tauscht man beim Defilee eines Neujahrsempfangs Floskeln aus, die schnell wieder vergessen sind. Dieses Mal ist es anders. OB Cerny bedankt sich in seiner Rede für das dabei erfahrene positive Feedback zur letzten Woche: "Es tut gut."

OB Michael Cerny in einer ruhigen Minute vor dem Empfang bei letzten Änderungen an seiner Rede.
von Markus Müller Kontakt Profil

Natürlich machte das Geschehen um die "Prügelattacke" vom 29. Dezember einen großen Teil der Rede des Oberbürgermeisters aus. Er dankte Polizei und Justiz, "die nicht nur für eine ausgezeichnete Sicherheitslage in unserer Stadt sorgen, sondern auch die Tatverdächtigen ... sehr schnell gefasst haben". Cerny stellte einige Fragen, auf die er die Antworten erst im Strafverfahren erwartet: Warum trafen sich die vier in Amberg? Warum waren sie um diese Zeit so stark alkoholisiert? Wo waren sie in den zwei Stunden nach der ersten Schlägerei und dem ersten Polizeieinsatz, in denen von ihnen nichts zu hören und zu sehen war und weder Notrufe noch andere Anfragen bei der Polizei eingingen?

Immer noch irreal mutet den OB der Medien-Hype an, den die Geschichte entfachte und der Cerny bis zu einem Interview ins Heute-Journal brachte. Stolz zeigte sich der Oberbürgermeister auf die Amberger Bürger, die den Erwartungen dieser Erregungsspirale nicht entsprochen, sondern gänzlich unaufgeregt darauf reagiert hätten: "Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Amberger Bevölkerung mit einem solchen Vorfall souveräner umgeht als fast die komplette Medienlandschaft, die als wichtigstes Merkmal erfolgreicher journalistischer Arbeit anscheinend eher Klick-Zahlen und Schnelligkeit im Internet im Auge hat als eine ausgewogene Recherche und Berichterstattung."

Der OB ließ es sich aber auch nicht nehmen, auf die politischen Erfolge des Jahres 2018 einzugehen: die Gründung des Landesamtes für Pflege in der Stadt, das im Endausbau 350 Mitarbeiter haben soll und den Namen Ambergs mit Konzepten für die Zukunft der Pflege verbindet; eine Arbeitslosigkeit von deutlich unter vier Prozent; eine Verschuldung, die sich in den letzten fünf Jahren mehr als halbiert hat. Als Sternstunde für das Miteinander in der Stadtgesellschaft wertete Cerny die Reaktion der Amberger auf die Tagung der AfD in der Stadt. Die Bürger hätten durch das Fest auf dem Marktplatz "ein klares Statement für die Demokratie, für die Gleichheit der Menschen und für ein soziales Miteinander in der Stadt abgegeben, und viele haben mit einer friedlichen Demonstration auch ein politisches Signal an die im ACC tagende AfD gesendet". So entstehe ein Wir-Gefühl, nicht durch "Ausgrenzung, Herabwürdigung und Vereinfachung".

Im Blick auf 2019 freute der OB sich auf die Aufführung des Stadtschauspiels „Der Winterkönig“, die Eröffnung des Ausstellungsraums zu Gropius und Bauhaus in der Glaskathedrale oder die Eröffnung des Parkdecks Marienstraße. Zur Europawahl dagegen fiel ihm auch eine bange Fragen ein: Werden die Befürworter Europas im europäischen Parlament überhaupt noch die Mehrheit stellen? Von der Antwort hänge nicht zuletzt auch der Wohlstand in Amberg ab.

Zitate aus der Neujahrsrede von OB Michael Cerny:

"Wir beide pflegen ja die uralte Rivalität zwischen unseren Städten. Und wenn wir kämpfen, dann nur gemeinsam gegen Regensburg."

Michael Cerny bei der Begrüßung des Weidener Oberbürgermeisters Kurt Seggewiß

"Sie können mir glauben: Das Konzept für meine Neujahrsrede hatte vor zwei Wochen noch ein ganz anderes Gesicht."

"Ehrlich gesagt, auch im Rückblick fühlt sich das alles für mich noch irgendwie irreal an."

Cerny zu den medialen Folgen der Prügelattacke

"Der mediale Tsunami, der unsere Stadt überrollte und uns nicht nur bundesweit in die Schlagzeilen brachte, hat nicht nur mich überrascht und bleibt auch rückwirkend nicht wirklich begreifbar."

"Und während in anderen Städten die Pegidas dieser Welt ihre hasserfüllten Plakate malen, predigt in Amberg der Pfarrer von St. Martin, dass er sich in unserer Stadt sicher fühlt und stolz ist, ein Amberger zu sein! (an dieser Stelle wurde Cerny von heftigem Applaus unterbrochen) Ich bin es auch und mit Blick auf die Reaktionen der Bürger unserer Stadt bin ich mehr stolz denn je."

"Ich wäre froh gewesen, wenn die vielen positiven Ereignisse des Jahres 2018 einen ähnlichen Ansturm und mediale Präsenz erzeugt hätten."

"Ehrlich gesagt war ich zunächst schon geschockt, als es hieß, dass sich die AfD unser Amberger Kongresszentrum als Tagungsort ausgesucht hat. Auch diese Form der Medienpräsenz brauchen wir nicht wirklich."

"Bildung und Wissen sind die Stützpfeiler unseres Wohlstandes und werden es auch in Zukunft sein. Deshalb gilt: Wer jetzt investieren will, der investiert am besten in sich selbst. Das wollen wir im Bildungszentrum Amberg auch weiterhin in hohem Maße tun."

Cerny beim Blick auf die Aufgaben des Jahres 2019

"Wir bauen an so vielen Schulen wie nie zuvor, aber wir werden auch das Thema der digitalen Bildung offensiv angehen."

Kommentar:

Ein Fall fürs Luftmuseum

Es sind keine Zahlen, die eine besondere Leistung von Amberg widerspiegeln, doch sie zeigen eine Dimension auf: Wer in die Suchmaschine Google "Kölner Silvesternacht" eingibt, erhält einen Hinweis auf 304.000 Ergebnisse. Bei "Amberger Prügelattacke" sind es 306.000. Eine Woche maximale Medien-Aufmerksamkeit hat also ausgereicht, das Mega-Thema des Jahresanfangs 2016 zumindest in dieser Hinsicht zu überrunden.
Das macht zum einen deutlich, wie abnorm groß das Interesse an den Amberger Ereignissen war und wie sehr dieser tagelange Aufenthalt im Auge des Medien-Sturms das Bild der Stadt in den Hinterköpfen der Deutschen geprägt haben dürfte. Auf der anderen Seite wird dadurch aber auch klar, wie viel heiße Luft die Debatte produziert hat, denn auf ihren sachlichen Kern reduziert gibt die Geschichte dieses unseligen Samstagabends niemals genug Material für eine derart intensive Beschäftigung mit dem Thema her.
Das wiederum nährt die Hoffnung, dass Amberg diese ungeliebte Form der Zuwendung bald nutzen kann, um auch mit seinen Pluspunkten zu glänzen. Also nach dem Motto "Was, ausgerechnet dort gibt es auch ein pfiffiges Luftmuseum, einen vorbildlichen Umgang mit der nicht immer einfachen deutschen Vergangenheit, einen beeindruckenden Gropius-Bau, eine ganze Menge Mittelständler als Weltmarktführer ...?" Amberg hat mehr zu bieten als nur ein aufgeblasenes Thema. Oder um mit Google zu sprechen: "Ungefähr 17.200.000 Ergebnisse".

Markus Müller

Und hier die Bildergalerie zum Neujahrsempfang

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.