28.06.2020 - 10:55 Uhr
AmbergOberpfalz

Auch ohne Fest hinauf auf den Berg

Für viele ist das unvorstellbar: ein Bergfest ohne Fest. In Zeiten von Corona ist eben fast alles anders. Viele lassen sich aber nicht von einem Besuch abhalten. Auch Auswärtige zieht es trotzdem zur Wallfahrtskirche nach Amberg.

Sie lassen sich vom Coronavirus die Familientradition nicht kaputtmachen: Hannelore Herteux (links) und ihr Mann Wolfgang (Zweiter von rechts) machten sich mit Tochter Beate (Zweite von links) von Hessen aus auf den Weg zum Mariahilfberg, um Enkelin beziehungsweise Tochter Michèle (Mitte) zu besuchen. Rechts: Michèles Freund Anhuar.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Der weltliche Teil fällt komplett aus, zu den Gottesdiensten, die trotz Pandemie zelebriert werden, dürfen maximal 40 Gläubige - und das nur nach Anmeldung. Diese Berg-Woche ist anders als alle bisherigen. Hannelore und Wolfgang Herteux aus Wettenberg bei Gießen (Hessen) hat das aber nicht daran gehindert, sich mit Tochter Beate Schulte in einem Auto auf den rund 360 Kilometer langen Weg nach Amberg zu machen."Den Besuch am Berg lassen wir uns nicht nehmen. Das ist bei uns eine Familientradition", sagt Enkelin Michèle Woitschek, die beruflich in Amberg tätig ist und ansonsten nur an Weihnachten oder zum Geburtstag Besuch von ihrer Familie aus Hessen erhält. "Wir sind auch ohne Fest auf den Berg, weil das ausgemacht war", sagt Großmutter Hannelore, die wie ihr Mann 79 Jahre alt ist und damit zur Corona-Risikogruppe gehört. Deshalb sagt sie mit Blick auf das Virus: "Wir sind froh, dass wir bisher alle so gut dabei weggekommen sind."

Noch mehr Kilometer, nämlich 490, hat ein Ehepaar aus Hameln in Niedersachsen hinter sich. "Wir sind im Urlaub hier, also am Murner See zum Campen, und haben uns gedacht, wir sehen uns einmal den berühmten Mariahilfberg an, wenn wir schon in der Nähe sind." Gerlinde und Norbert Nagel aus Höchstadt an der Aisch (Mittelfranken) haben es nicht ganz so weit, dafür aber einen besonderen Bezug zum Berg: "Wir haben 1988 in dieser Kirche geheiratet", erzählt die gebürtige Hirschauerin, die am Samstag bei einem Krankenbesuch im Klinikum war. Danach führte der Weg direkt zur Kapelle auf dem Berg, um eine Kerze zu entzünden und ein Gebet zu sprechen.

Doch auch Einheimische möchten den Berg in diesen Tagen nicht missen, wenngleich David Götz aus Ammerthal eher den weltlichen Teil vermisst: "Es ist blöd, dass das Fest ausfällt. Aber wir können das nachvollziehen. Wir respektieren das, die Gesundheit geht vor." Wir, das sind in diesem Fall der Lederhosen tragende Ammerthaler und seine aus Hohenburg stammende Freundin Jessica Giorgivic, die ein Dirndl anhat. Zur Feier des Tages. Der Schwiegervater ihres Bruders wurde am Samstag 60 und wollte unbedingt am Berg feiern: "Normal wären wir in einem der Zelte gewesen, aber so sind wir halt zum Essen in die Bergwirtschaft. Das hat auch gepasst." Hauptsache Berg!

Kirchlicher Teil unter strengen Corona-Vorgaben

Amberg
Während ihr Mann Norbert betet, zündet Gerlinde Nagel eine Kerze an. Die gebürtige Hirschauerin und der Franke haben 1988 in der Bergkirche geheiratet.
Als ob Bergfest wäre: David Götz und Jessica Giorgivic erscheinen in Tracht.
Kommentar:

Mein Berg und ich

In Zeiten der Corona-Pandemie hat sich auch die Kommentarspalte der Amberger Zeitung inhaltlich verändert. Über Wochen und Monate hieß es an dieser Stelle regelmäßig „Virus und wir“. Heute ist es allerdings an der Zeit, einen anderen Titel zu wählen. Ich habe mich bewusst für „Mein Berg und ich“ entschieden, weil ich wie jeder Amberger und unzählige Menschen aus der Region meine eigenen Berg-Geschichten habe, die in Tagen wie diesen fast zwangsläufig alle wieder vor meinem geistigen Auge lebendig werden.
Der Spaziergang zum Fest mit meiner ersten Händchenhalt-Freundin in der 7. Klasse zum Beispiel, oder Jahre später der unheilvolle Besuch, der mit dem endete, was man hierzulande gern Fetz’nrausch nennt, oder die persönlichen Mini-Wallfahrten im Jahr 1990, als ich in der Kapelle insgesamt sieben Kerzen anzündete. Eine für jedes Spiel der Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Italien. Es hat geholfen: Die DFB-Elf wurde tatsächlich Weltmeister, obwohl ich nach dem 1:1 im letzten Vorrundenspiel gegen Kolumbien ernsthaft am Erfolg der Aktion zweifelte. War’s ein Wunder oder Zufall? Egal, diese Berg-Momente bleiben für immer.
Obwohl es in diesen Tagen kein klassisches Bergfest geben kann, so haben wir doch zumindest alle die Chance, uns bewusstwerden zu lassen, wie viel uns der Mariahilfberg bedeutet.

Thomas Kosarew

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