20.12.2019 - 10:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Power-Rock bis die Noise-App platzt

In das Brüllen der Gitarren hinein schaut der Typ nebenan auf sein Smartphone. "100 Dezibel" meldet er von seiner Noise-App. Das Ding muss kaputt sein. Schließlich rocken sich dort vorne Lucky Punch gerade einen ab.

Hauptsache der Christbaum hat seinen Spaß. Den hat das Publikum am Samstagabend mit der Musik von Lucky Punch im Casino-Wirtshaus übrigens auch. Dafür braucht es keine professionelle Bühne.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Im Casino-Wirtshaus gibt es keine professionelle Bühne, keine Scheinwerfer. Dafür ist es heiß und eng an diesem Samstagabend, als die Altmeister in den Ring steigen. Ob sie nun korrekt Lucky Punch, The Lucky Punch oder The! Lucky Punch heißen, das haben wir an diesem Abend nicht klären können. Dafür aber festgestellt, dass Alter nicht unbedingt vor Rock 'n' Roll schützen kann. Und auch junge Leute sich Zeug antun, das seit gefühlten 50 Jahren schon keiner mehr hören will.

Links steht Helmut Spörl, der noch Jimi Hendrix live und auch sonst viel in seinem Leben gesehen hat. Und wahrscheinlich schon mit einer Gibson im Arm in der Grundschule gesessen ist. Rechts außen fendert Tommi Müller, ein absoluter Ausnahmegitarrist, der in der Öffentlichkeit seltsamerweise noch nie den Gitarren-Helden-Status erreicht hat - wahrscheinlich, weil er aus Sulzbach stammt. Olli Allwardt röhrt sich einen ab, dahinter stehen mit Wolfgang Ernst am Bass und Schlagzeuger Stefan Bauer zwei Fundamente der Rockmusik.

Power-Rock bis zum Ende

Einer fehlt, Neu-Mitglied Gerhard Kölbl an der Orgel. Der Arme kann heute nicht, er muss aber auch sonst mit dieser Band ganz schön viel aushalten. Musikalisch gesehen natürlich. Denn bei Lucky Punch gibt es kaum verhaltene Zwischentöne. Power-Rock und Power-Rock und dazwischen ein bisschen Maximum-Highspeed-Rock 'n' Roll, wie ihn The Who erfunden haben, die schon dreckig waren, als die Beatles noch Krawatten trugen.

Vollgas von Anfang bis Ende, ein paar bekannte Perlen, dazwischen viel Unbekanntes von Gassenhauern wie Status Quo oder Bachmann Turner Overdrive, beide waren übrigens mal richtig große Nummern. Es ist schwere Rockarbeit für die fünf Musiker da vorne. Das Publikum will den Rock 'n' Roll, es bekommt ihn. Und auch wenn Helmut Spörl am Ende nicht zu 100 Prozent zufrieden mit seiner Leistung sein wird, das Publikum ist es. Den Redhouse Blues von Jimi Hendrix singt und spielt er mit viel Gefühl, sonst lässt er einen Abend lang seine Gibson galoppieren, jagt einen Power-Chord dem nächsten hinterher - und schaut auch noch gut aus mit seinen kleine Glöckchen am Hosensaum. Es weihnachtet sehr, aber halt auch sehr laut.

Der Helmut war schon immer am besten, wenn er einen musikalischen Feingeist als gitarristischen Gegenpart hatte. Gut, dass es da mit dem ehemaligen Rapplczek Tommi Müller eine ideale Ergänzung gibt. Der mühelos den ziemlich anspruchsvollen Solopart von Rory Gallaghers - auch das war mal eine ganz große Nummer - "Shadows Play" bewältigt. Der aber auch total laid-back mit dem Bottleneck über die Saiten slided. Es ist halt Gitarrenmusik, was ein bisschen ungerecht gegenüber Sänger Olli Allwardt ist. Der Mann hat die ideale Röhre für den Rock, performed super, macht in seiner Freizeit Funk-Musik, ist sonst aber ein ganz patenter Kerl. Wahrscheinlich fühlen sich an dieser Stelle bereits die eigentlichen Motoren dieser Band vernachlässigt. Stefan Bauer ist kein Rastelli unter den Schlagzeugern - der war übrigens kein Trommler, sondern ein Jongleur. Er ist aber einfach gut in dem, was er tut. Und Schnörkel braucht es im Power-Rock mit Sicherheit keine überflüssigen. Gib ihm bis zum Abwinken. Für die Kunst hat er ja ohnehin Wolfgang Ernst am Bass neben sich stehen. Mehr als ein Könner, ein Paganini - das war mal eine ganz große Nummer - auf fünf Saiten. Und der lebende Beweis dafür, dass eine Band erst dann gut ist, wenn es nicht nur rockt - rollen muss es. Abheben. Aber das verstehen nur Rockfans.

Aber AC/DC kennt jeder

Es wird also heiß und heißer in dieser Samstagnacht. Molly Hatchet - ganz große Nummer einst - The Band - noch größer - und zum Abschluss australische Volksmusik von AC/DC - kennt jeder. Und als Zugabe gibt es dann noch den Urvater, die Wurzel allen Übels, den Anfang des Rock 'n' Roll: Chuck Berry. Konzert aus, nebenan im Casino-Saal treffen die ersten Gäste ein. Die müssen sich den Spaß erst noch verdienen, den die anderen nebenan gehabt haben - keine Chance.

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