17.06.2021 - 15:14 Uhr
AmbergOberpfalz

Projekt in den Jura-Werkstätten Amberg: Digitale Barrieren überwinden

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Einfach so im Internet surfen: Für viele Menschen mit Behinderung einfach nicht machbar. In den Jura-Wohnstätten Amberg sollen sie nun aber auch Zugang zu den wichtigsten Informationen bekommen – ganz selbstbestimmt.

Bewohner Jürgen Lautenschlager platziert eine der Figuren auf der Tonies-Box. Wohnstätten-Mitarbeiterin Caroline Pirner blickt ihm über die Schulter.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Es klingt so selbstverständlich - ist es aber nicht. Den Laptop aufklappen und schnell googeln, was am Wochenende für Feste in der Region stattfinden. Oder das Smartphone zücken und nachsehen, mit welchem Ergebnis die jüngste EM-Partie geendet hat. Für viele Menschen mit Behinderung ist das unmöglich. Digitale Barrieren versperren ihnen den Weg ins Netz. Etwa, weil sie nicht oder nur schlecht lesen können oder ihre motorischen Fähigkeiten eingeschränkt sind.

Franziska Weiß, die Leiterin der Jura-Wohnstätten Amberg, erklärt: "Ich kann selbstbestimmt im Internet suchen, was ich jetzt gerade finden möchte. Aber bei Menschen mit Behinderung ist es häufig so, dass nur mit Unterstützung gesucht werden kann." Deshalb hat die Einrichtung ein Projekt mit dem Motto "Teilhabe für alle" gestartet, das dabei helfen soll, diese digitalen Hürden zu überspringen.

Chip in Figuren verbaut

Die Idee dazu hatte Mitarbeiterin Caroline Pirner. Sie ist Mutter eines jungen Mädchens, weshalb es nicht ungewöhnlich ist, dass eine sogenannte Toniebox - im Grunde ein transportabler Lautsprecher - bei ihr zu Hause steht. Kleine Kinder können darauf Figuren stellen, woraufhin Musik oder ein Hörspiel aktiviert werden. In jeder Figur ist ein Chip verbaut, auf dem die Daten gespeichert sind. Klassische Beispiele sind etwa die Disney-Geschichten wie "Mulan" und "101 Dalmatiner" oder "Bibi & Tina".

Es gibt aber auch Figuren, die mit eigenem Inhalt befüllt werden können, sogenannte Kreativtonies. Eine App macht es möglich, dass die gewünschten Informationen auf das Handy oder Tablet eingesprochen und per W-Lan auf die Figur übertragen werden können.

"Eigentlich eine Sache, die für kleine Kinder gedacht ist. So etwas müsste es eigentlich auch für unsere Senioren geben", habe sich Pirner gedacht, erzählt sie. Sie arbeitet in der WTEG-Wohngruppe, was für "Wohnen mit Tagesstruktur nach dem Erwerbsleben für Menschen mit geistiger Behinderung" steht - also vor allem ältere Menschen.

Der große Vorteil des Projekts "Teilhabe für alle": Die Anschaffungskosten sind vergleichsweise günstig (rund 100 Euro für die Box, etwa 15 Euro pro Figur), der Aufwand gering und das Projekt ist "im Grunde ein Selbstläufer", wie Einrichtungsleiterin Weiß sagt. In der WTEG-Wohngruppe läuft das Pilotprojekt nun bereits seit einigen Wochen. Pirner hat die Figuren bisher mit Inhalt gefüllt. Ein kleiner Fußballer sagt etwa die EM-Ergebnisse an, wenn er auf der Box platziert wird. Andere Figuren informieren über den Speiseplan, neue Mitarbeiter, anstehende Feste, welche Ärzte in der nächsten Woche angefahren werden oder das Wetter in den kommenden Tagen. Auch für die anstehende Bundestagswahl im September soll es einen eigenen Tonie geben.

Künftig sollen die Bewohner die Figuren selbst mit Inhalt füllen. Sie sollen nicht nur mitentscheiden, welche Themen sie interessieren, wie das jetzt schon der Fall ist, sondern auch aktiv mitgestalten. Weiß erklärt: "Viele Bewohner können sich bestimmte Sachen selbst heraussuchen, lesen täglich Zeitung. Sie sollen diese Informationen dann für andere Bewohner bereitstellen, die das nicht können." Das große Ziel, dass die Wohnstättenleiterin und die Mitarbeiter erreichen wollen, lautet: Selbstbestimmung.

Digitalisierung immer wichtiger

Dass die Figuren auch genutzt werden, beweist Jürgen Lautenschlager. Er ist einer der Bewohner und platziert die unterschiedlichen Figuren auf der Box, aus der dann die von Pirner eingesprochenen Infos ertönen. Damit die Tonies leichter zu greifen sind, ist eine in den Papperest einer Klopapierrolle und eine in ein Ü-Ei-Kapsel eingepackt. Das Team um Weiß und Pirner ist gerade noch am Ausprobieren, was im Alltag am besten funktioniert.

Wie wahnsinnig wichtig das Thema Digitalisierung sei, habe die Pandemie nochmal deutlicher gemacht, betont Weiß. "Es gibt ganz viele Menschen, die von der Teilnahme am digitalen Leben ausgeschlossen sind." Dank einer kleinen Box, ein paar Figuren und einer pfiffigen Idee muss das aber nicht so bleiben, wie das Beispiel in Amberg zeigt.

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Ich kann selbstbestimmt im Internet suchen, was ich jetzt gerade finden möchte. Aber bei Menschen mit Behinderung ist es häufig so, dass nur mit Unterstützung gesucht werden kann.

Franziska Weiß, Leiterin der Jura-Wohnstätten Amberg

Franziska Weiß, Leiterin der Jura-Wohnstätten Amberg

Eigentlich eine Sache, die für kleine Kinder gedacht ist. So etwas müsste es eigentlich auch für unsere Senioren geben

Caroline Pirner von den Jura-Wohnstätten darüber, wie die Idee geboren ist

Caroline Pirner von den Jura-Wohnstätten darüber, wie die Idee geboren ist

Dieser kleine Fußballer ist immer auf dem Laufenden. Auf dem Chip sind die aktuellen Ergebnisse der Europameisterschaft abgespeichert.
So sehen die sogenannten Tonies und die dazugehörige Box aus. Einige Figuren sind eingepackt, damit sie leichter zu greifen sind.
Info:

Bayerischer Digitalpreis Bis in die Endrunde geschafft

  • Die Jura-Wohnstätten haben es mit dem Projekt "Teilhabe für alle" in die Endrunde des Bayerischen Digitalpreises „b.digital“ geschafft
  • Es gab rund 150 Einreichungen
  • Die Auswahl der Siegerprojekte erfolgte je zur Hälfte über ein Internet-Voting und eine Juryentscheidung
  • Für einen Preis hat es bei den Ambergern leider nicht gereicht
  • Die Sieger sind auf www.bdigital.bayern.de veröffentlicht
  • Die Jura-Wohnstätten zählen in Amberg und Sulzbach-Rosenberg rund 130 Bewohner
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