11.01.2019 - 18:27 Uhr
AmbergOberpfalz

Prügel-Attacke: Atemholen nach dem Hype

Die Attacke von vier Asylsuchenden liegt knapp zwei Wochen zurück. OB Michael Cerny hat einen enormen Medienrummel hinter sich. Mit etwas Abstand kritisiert er den rücksichtslosen Run auf Klickzahlen bei unseriösen Onlineportalen.

Knapp zwei Wochen nach der Prügel-Attacke von vier Asylsuchenden blickt Oberbürgermeister Michael Cerny auf den Medienrummel zurück.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

ONETZ: Das überregionale Interesse an dem Vorfall der vier jugendlichen Asylbewerbern, die Passanten angegangen haben, ist abgeflacht. Herr Cerny, war der Besuch von Innenminister Joachim Herrmann erfolgreich oder hat der Datenklau Amberg aus den Schlagzeilen gebracht?

Michael Cerny: Das ist schwer zu beurteilen. Innenminister Herrmann und ich haben damals telefoniert und diskutiert, wie er uns helfen kann ohne den überregionalen Hype zu befeuern. Die gemeinsame Intention war, die Tat richtig einzuordnen und dass der Ball wieder flacher gespielt wird. Ihm war es wichtig aufzuzeigen, dass die Polizei gut und schnell reagiert hat. Das Medieninteresse ist dann auch abgeflacht. Ehrlicherweise habe ich jeden Tag gehofft, dass Donald Trump zurücktritt, damit die Medien woanders hingehen. Dann kam der Datenklau.

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ONETZ: Die Berichterstattung über Amberg befeuert hat sicherlich auch das Interview von Bundesinnenminister Horst Seehofer, der sogleich die Abschieberegeln verschärfen wollte. Hat er sich bei Ihnen auch gemeldet?

Cerny: Nein. Das hätte mich auch überrascht. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass er – völlig wertfrei - das Interview nicht mit Bezug auf Amberg gegeben hätte. Er musste als Bundesinnenminister Stellung beziehen und kannte sicher nur den hochgekochten Inhalt vieler Leitmedien. Beim Datenklau hat er anders reagiert, indem er erst das Gespräch mit seinen Fachleuten und dann ein Statement angekündigt hat. Für uns wäre das hilfreich gewesen.

ONETZ: Was hat Sie in diesen vier sehr intensiven Tagen so richtig geärgert?

Cerny: Es ist doch so, dass ein Vorfall, der in ähnlicher Form unter Beteiligung verschiedenster Personen und Gruppierungen deutschlandweit leider häufig passiert, in Amberg so hochgezogen wurde. Ich habe schon Angst, dass eine Fachkraft, die sich überlegt, hier bei Siemens einen Job anzunehmen, „Amberg“ googelt, dort eventuell ein falsches Bild unserer Stadt gezeichnet bekommt und es sich anders überlegt. Das Internet vergisst nichts. Meine Vermutung ist, dass sich in diesem Fall Soziale Medien und Onlineportale gegenseitig hochgeschaukelt haben. Es herrscht ein brutaler Run auf Klickzahlen. Wer nicht den Inhalt im Blick hat, sondern nur schaut, wie oft Artikel aufgerufen werden, versucht, reißerische Überschriften zu wählen. Gerade diese werden viel häufiger in den Sozialen Medien verlinkt. Ein gefährliches Wechselspiel, bei dem ein bestimmter politischer Bereich in Deutschland schnell anspringt.

ONETZ: Im Rückblick: Würden Sie heute etwas anders machen?

Cerny: Ich hoffe nicht, dass so ein Sturm noch einmal auf Amberg einbricht. Ich habe darüber auch selbst nachgedacht, aber in der Situation hätte ich, glaube ich, nicht anders reagieren können.

ONETZ: Eine Konsequenz von Innenminister Herrmann war es, die Polizei sichtbarer in der Stadt zu machen. Wie sind die Reaktionen der Amberger darauf?

Cerny: In den vergangenen zwei bis drei Tagen haben mir Bürger gesagt, dass es nun genug sei. Diese Reaktionen gab es auch direkt bei der Polizei. Die verstärkte Präsenz sollte das subjektive Sicherheitsempfinden der Amberger stärken. Die Polizei fährt das nun runter, damit nicht das gegenteilige Signal von Gefahr ausgesandt wird.

ONETZ: Sie betreuen Ihren Facebook-Account selbst. Für Ihre Arbeit und Ihre Postings haben Sie Lob bekommen, aber unter den mehr als 500 Kommentaren sind auch ganz schön saftige verbale Entgleisungen dabei. Haben Sie zuletzt die Kommentare noch gelesen?

Cerny: Nein, irgendwann habe ich einen Schutzschirm aufgebaut und die Beiträge nur überflogen. So etwas frisst sonst deinen Energiespeicher leer. Das ist auch die einzige Intention vieler Schreiber.

ONETZ: Haben Sie daraus eine Konsequenz gezogen?

Cerny: Ich lasse jetzt nicht mehr Jedermann kommentieren, sondern nur noch die sogenannten Facebook-Freunde. Das sind Amberger beziehungsweise Menschen, die ich kenne. Bei den Kommentatoren waren so viele offensichtlich gefakte Accounts dabei. Sie sind nur dazu da, um mit unterschiedlichsten Alias-Namen zu hetzen.

ONETZ: Sind diese Tage nach der Tat Momente, die man als Oberbürgermeister mal erlebt haben muss?

Cerny: Nicht wirklich. Wenn bislang ein überregionaler Fernsehsender zu uns kam, habe ich mich gefreut und darauf vorbereitet, weil es zum Beispiel um das Luftmuseum ging. Jetzt stand ein Fernsehteam in meinem Büro, das andere wartete im Vorzimmer und ein Journalist vor der Rathaustür. Das sind Momente, in denen ich mich gefragt habe: Passiert das gerade wirklich? Im Hinterkopf schaltet sich bei diesem Thema immer ein Filter ein: Welches Wort darfst du nicht gebrauchen? Weil du weißt, dass nur ein einzelnes Wort in den Sozialen Medien auseinandergenommen wird und du bewusst falsch verstanden werden willst.

ONETZ: Was wünschen Sie sich für die nächsten Wochen?

Cerny: Ich möchte mich wieder auf die Amberger Kernthemen konzentrieren. Natürlich habe ich eine gewisse Hoffnung, dass das Thema wieder verschwindet. Auch wenn mir klar ist, dass wir den Internetcache nicht löschen können. Wir werden aber sicher genügend andere positive Schlagzeilen produzieren, damit in den Suchergebnissen darauf verlinkt wird.

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