23.08.2019 - 18:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Räuber will abgeschoben werden

Der Prozess war ungewöhnlich. Was jetzt geschah, ebenso. Ein zu über zwei Jahren Haft verurteilter Syrer bat seinen Anwalt, die Revision zum Bundesgerichtshof zurückzunehmen. Grund: Der 20-Jährige möchte in seine Heimat abgeschoben werden.

Symbolbild
von Autor HWOProfil

Was in einem Amberger Stadtteil geschah, beschäftigte im Februar die Große Jugendstrafkammer des Amberger Landgerichts unter Vorsitz von Harald Riedl vier Tage lang. Im Jahr 2018 waren drei syrische Asylbewerber von Oberbayern aus in die Oberpfalz geschickt worden, um bei einem Landsmann einen sechsstelligen Geldbetrag beizutreiben. Das geschah frühmorgens und überfallartig, wobei auch die Familie des 28-Jährigen mit einbezogen wurde.

In dem Verfahren wurden Hintergründe eingehend erörtert. Dabei offenbarte sich: Unter Syrern, die sich im Bundesgebiet aufhalten, gibt es eine Art Organisation, die dafür sorgt, dass hohe Finanzmittel gesammelt und dann über Umwege nach Syrien geschickt werden. Woher die Summen stammen, blieb unklar. Der 28-Jährige galt allem Anschein nach als einer, der regional die Beträge verwaltete und sie weiterleiten sollte. Das tat er angeblich nicht. Deswegen erschienen die Geldeintreiber.

Kommissar Zufall hilft

Bares bekamen sie nicht. Dafür aber erschien die Polizei. Eher zufällig damals, weil die Syrer ihren Wagen vor einer Garageneinfahrt abgestellt hatten und dies der Besitzer nicht dulden mochte. Die Beamten, von der Frau des Überfallenen von einem Balkon aus durch Handzeichen aufmerksam gemacht, drangen in die Wohnung vor und setzten dem gewaltsamen Übergriff ein Ende. Die Verhandlung gegen das Trio endete völlig anders, als sich das die Staatsanwaltschaft vorstellte. Die Sitzungsvertreterin der Ermittlungsbehörde hatte gegen die jungen Syrer Haftstrafen in Höhe von vier, fünf und sechs Jahren gefordert. Die Urteile fielen viel milder aus: Zwei bekamen zweieinhalb Jahre, einer wurde für zwei Jahre und drei Monate hinter Gitter geschickt. Die Richter gingen in ihrer Bewertung von schwerem Raub, Nötigung und Freiheitsberaubung aus. Allerdings in einem sogenannten minderschweren Fall.

Die Staatsanwaltschaft akzeptierte diese Urteile. Nicht aber einer der Anwälte. Der Amberger Strafverteidiger Jörg Jendricke legte dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe eine Revisionsschrift vor und monierte für seinen zu zwei Jahren und drei Monaten verurteilten Mandanten, dass dieser in der Wohnung seines 28-jährigen Landsmanns keinen schweren Raub beging, als er nach stundenlangem Aufenthalt eine Parfumflasche an sich nahm und einsteckte. Das, so der Jurist, sei Diebstahl gewesen.

Urteile nun rechtskräftig

Eine Überprüfung kann sich der BGH jetzt sparen. Denn plötzlich geschah etwas, mit dem Jendricke nicht gerechnet hatte. Auf Anfrage teilte der Jurist mit, dass ihn sein Mandant schriftlich beauftragt habe, die Revision nicht weiter zu betreiben. Begründung laut Jendricke: "Er sitzt in Haft und will abgeschoben werden." Diesem Wunsch, so der Anwalt, habe er nachkommen müssen. Damit sind die Schuldsprüche samt damit einher gehender Urteile gegen alle drei Täter nun rechtskräftig.

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