18.11.2021 - 16:58 Uhr
AmbergOberpfalz

"Jetzt red i" aus Amberg: Die Frage nach dem Klinik-Kollaps

Live aus Amberg hat am Mittwochabend das Bayerische Fernsehen "Jetzt red i" gesendet. Die Frage, ob Bayerns Kliniken angesichts der vierten Corona-Welle der Kollaps droht, offenbarte, was im Argen liegt – auch schon vor Covid-19.

Das Musikomm an der Fleurystraße hat sich am Mittwochabend in ein Fernsehstudio verwandelt: Das Bayerische Fernsehen sendete "Jetzt red i", ein Format, bei dem alle zwei Wochen Bürger an verschiedenen Orten in Bayern aktuelle Themen diskutieren, aus Amberg.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Für „Jetzt red i“ am Mittwochabend live aus Amberg hat sich das Musikomm in ein Fernsehstudio verwandelt. Corona – oder besser die Frage, ob angesichts der vierten Welle Bayerns Kliniken kollabieren – spielte nicht nur bei der Diskussionssendung selbst eine gewichtige Rolle, sondern auch hinter den Kulissen. Mit einem rund 25-köpfigen Team war das Bayerische Fernsehen aus München nach Amberg gekommen. Der technische Aufbau war bereits am Dienstag erledigt worden, sagte Julius Kolb, Mitarbeiter der Redaktion von „Jetzt red i“. Corona-bedingt war auch die Anzahl der Diskussionsteilnehmer begrenzt – auf 23. Sonst sind es gut und gerne 100.

Seitens der Politik waren am Mittwochabend die gesundheitspolitischen Sprecher ihrer Fraktionen im bayerischen Landtag vor Ort: Bernhard Seidenath von der CSU und Ruth Waldmann von der SPD. Nach und nach trudeln am Mittwochabend bis gegen 19.30 Uhr die Teilnehmer der Livesendung ein: Klinik-Verantwortliche genauso wie Ärzte. Und natürlich auch Pflegekräfte. Darunter jene, die in der Krise an vorderster Front stehen, weil sie auf Intensivstationen Covid-Patienten versorgen.

"Nicht winken, nicht schlafen"

Es ist 19.50 Uhr, als sie auf Etappen ins Studio geführt werden und dort Platz nehmen, wo für sie reserviert ist. Gut gelaunt marschiert Tilmann Schöberl durchs Studio. Mit Franziska Eder moderiert er „Jetzt red i“. Bis es los geht, sind es nur noch wenige Minuten. Den Diskutanten schärft Schöberl ein, in den kommenden 60 Minuten „nicht zu winken, nicht zu schlafen, nicht ständig mit dem Nachbarn zu schwätzen“. Vielmehr bittet er darum, interessiert die Sendung zu verfolgen. Was schließlich auch alle tun.

Nur noch wenige Minuten bis zur Sendung, die sich mit der Frage „Bayerns Kliniken am Limit: Steht unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps?“ befasst. Auf dem Fernseher im Studio läuft gerade die Tagesschau. Immer wieder spannend findet es Schöberl, in Bayern vor Ort unterwegs zu sein. Dort, wo „die Volksseele kocht“. Zum Beispiel, wenn es – wie kürzlich im bayerischen Voralpenland – um den Wolf geht. Oder um Verkehrsthemen. Schöberl nennt es „Andocken an die Lebenswirklichkeit der Menschen“.

Im Moment noch händelbar

Dr. Hans-Florian Sänger ist es, der die Arbeitsrealität in einer Notaufnahme während der vierten Welle in die Wohnzimmer der Republik trägt: Die Situation ist sehr angespannt, sagt der stellvertretende Leiter der Notaufnahme von St. Marien. Zu versorgen seien nicht nur Covid-Patienten, sondern auch andere. Im Moment sei es aber noch händelbar.

Rainer Weis aus Schwandorf berichtet, dass im Barmherzige-Brüder-Krankenhaus St. Barbara Schwandorf, an dem er arbeitet, anfangs der Woche fünf Patienten auf Intensiv versorgt wurden – am Mittwoch waren es schon sieben. „Das spiegelt die Entwicklung in Bayern wider.“ Im Freistaat seien es 25 Prozent mehr als vor einer Woche. Zahlen hat Tilmann Schöberl dabei: 3136 Intensivbetten gibt es bayernweit. Aktuell belegt sind laut DIVI-Intensivregister 2862 Betten, davon 834 mit Covid-Patienten.

Von der Pflege bis zu den Finanzen

In den gut 60 Minuten schildern Pflegekräfte wie Hermann Dobmeier, seit 26 Jahren Fachpfleger für operative Medizin in St. Marien, oder Tanja Dandorfer, die aktuell auf einer Corona-Intensivstation eingesetzt ist, ihren Arbeitstag, hält eine Krankenschwester mit 37 Jahren in der Pflege ein flammendes Plädoyer für ihren Beruf. Zu Wort kommt mit Andreas Krämer (ASB Jura) ein Vertreter des Rettungsdienstes, der schildert, wie schwierig es seit einiger Zeit sei, Patienten unterzubringen. „Die Transportwege sind weiter, die Betten schwieriger zu finden.“ Um die Situation, die dramatischer ist als in den vergangenen drei Corona-Wellen, wissen auch die Politiker. So sagt Bernhard Seidenath, dass zwar Betten weiter da seien, das Personal aber fehle. Seine Kollegin von der SPD, Ruth Waldmann, wirft ein, dass die Belastung für Pflegekräfte auch ohne Corona schon sehr hoch war. „Denen war ja vorher schon nicht langweilig.“

Die finanzielle Seite der Krankenhäuser beleuchten Manfred Wendl, Vorstand von St. Marien, und Klaus Emmerich, ehemaliger Verwaltungschef von St. Anna in Sulzbach-Rosenberg. Unterfinanziert, nicht vorbereitet auf diese Pandemien, zu wenig Personal, zu wenig Kapazitäten: Vorwürfe an die Politik, die Emmerich erhebt. Wendl sieht Kliniken knapp vor dem Kollaps – auch vor dem finanziellen.

Appell eines 13-Jährigen: Lasst euch impfen!

Die 60 Minuten sind fast um, die Diskussion gerät erst so richtig in Fahrt. Nicht jeder kann alles sagen, was er möchte. Nicht jeder kommt dran. Am Ende ist es ein 13-jähriger Junge, der den Schlusspunkt setzt. Sein Statement trägt Schöberls Co-Moderatorin Franziska Eder noch vor, bevor das Sendestudio in Amberg wieder nach München zurückgibt: Er bittet alle Menschen, die noch nicht geimpft sind, sich impfen zu lassen.

Vor der Livesendung "Jetzt red i": Zwei Mediziner ordnen die Corona-Lage ein

Amberg

„Die Transportwege sind weiter, die Betten schwieriger zu finden.“

Andreas Krämer, Rettungsdienstleiter beim ASB Jura

 

 

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