05.12.2018 - 08:20 Uhr
AmbergOberpfalz

Wo Russen und Ukrainer Freunde sind

Der Boxclub kann aktuell nicht nur einen deutschen Vize-Meister, zwei Profis und einen Nationalkader-Athleten vorweisen. Viel mehr leistet der Verein um Trainer Ruslan Schönfeld am ehemals berüchtigten Bergsteig echte Sozialarbeit.

Es geht nicht nur immer direkt auf den Mann – beim Schattenboxen trainieren die Sportler ihre Fertigkeiten.
von Autor MZIProfil

Die Herkunft der Sportler liest sich wie die Weltkarte: Elfenbeinküste, Polen, Armenien, Kasachstan, Russland, Ukraine, Türkei, Tschechien, Georgien, Dagestan und Rumänien. Die 120 Mitglieder, von denen 50 aktiv sind, stammen aus 25 Nationen. Sie alle trainieren gleichzeitig und friedfertig miteinander.

Selbst US-Amerikaner aus Grafenwöhr kommen gerne vorbei, um adäquate Sparringspartner zu finden. Zunehmend stellen sich auch wieder Einheimische den körperlichen Strapazen dieser Sportart. Bei so viel gemeinsam vergossenem Schweiß ist kein Platz für den Russland-Ukraine- Konflikt oder andere Rivalitäten. Dafür umso mehr für Kameradschaft und Zusammenhalt. Man trifft sich nicht nur zu den drei Trainingsterminen pro Woche, sondern vereinbart zusätzlich gemeinsame Trainings- oder Laufeinheiten und gestaltet auch die Freizeit miteinander.

"Wie meine Familie"

"Bei mir sind viele neue Freundschaften entstanden. Eigentlich sogar ein neuer Freundeskreis," konstatiert Manuel Propp. Darüber hinaus hilft man sich gegenseitig bei der Suche nach einem Arbeitsplatz oder Praktikum. Selbst bei Schulproblemen können die Kinder und deren Eltern auf Unterstützung der Trainer zählen. Ruslan Schönfeld, selbst Lehrer, sagt aus vollem Herzen: "Der Verein ist wie meine Familie. Und die Sportler sind wie meine Kinder." Da Eltern keine Ferien haben, kann auch in der schulfreien Zeit, ausgenommen an Weihnachten, in der Halle trainiert werden. Ein nicht selbstverständliches Engagement - und das bei dünner Trainer- und Finanzdecke. Mütter und Väter können nicht nur das Zuckerbrot anbieten. Also legen die Übungsleiter am Bergsteig großen Wert auf Respekt, Disziplin und Charakterbildung.

"Gutes Vorbild geben"

Dazu sagt Ruslan Schönfeld: "Ich will nicht nur sportliche Erfolge. Es reicht mir nicht, wenn hier einer ein guter Sportler wird. Er soll auch ein guter Mensch werden." Sollten bei einem seiner Schützlinge die Noten in den Keller rutschen, wird in Abstimmung mit den Eltern vereinbart, ab wann und ab welcher Zensur der junge Boxer wieder ins Training gehen darf. Einer, der Ruslan Schönfeld bei all dem tatkräftig unterstützt, ist Valerij Fischer. 48 Jahre alt, wie Schönfeld aus Kasachstan und Vater von zwei Söhnen: "Anfangs ging ich nur wegen meiner Kinder. Die Sporthalle war ganz in der Nähe. Ich wollte meinen Söhnen ein gutes Vorbild geben und Gemeinsamkeiten entwickeln."

"Nicht vorm Computer"

Bald sah er, dass es für Ruslan Schönfeld nicht immer einfach ist, alleine immer für so viele Kinder, Teenager und Jugendliche da zu sein. Und da Geldverdienen nicht alles ist und er der Gesellschaft etwas zurückgeben möchte, entschloss er sich dazu, einen Teil seiner Freizeit in den Verein zu investieren. "Für mich ist es wichtig, dass Kinder Bewegung haben und nicht nur vorm Computer sitzen. Ich will sie fit machen, weil das besser für ihr Leben ist." Außerdem mache es Spaß, wenn man sein Wissen und seine Hilfe einbringen kann: "Es ist mein Hobby." Inzwischen hat auch einer seiner Söhne eine Trainerlizenz. Sorgenvoll werden die Mienen bei all der guten Stimmung und Atmosphäre nur, wenn es ums Geld geht. Außer Ruslans Bruder Andrej, der im selben Gebäude eine Kfz-Werkstatt betreibt und den Verein nach Kräften unterstützt, gibt es kaum Sponsoren. Trotz der hohen Fahrtkosten. Denn Boxvereine sind dünn gesät. Wer sich im Wettkampf messen möchte, muss teils weite Wege in Kauf nehmen. Demnächst findet in Thüringen ein zweitägiges Turnier statt, zu dem zwölf Boxer plus Betreuer fahren. Da braucht es Eltern, die mal eine Tankfüllung spendieren. Auch die Startgebühren bei Titelkämpfen schlagen zu Buche. "40 bis 50 Euro für die bayerische und 250 Euro für die deutsche Meisterschaft sind eine ganze Menge", beklagt der 41-jährige ehemalige russische Meister Ruslan Schönfeld.

Valerij Fischer (links) und Michael Metz bei Übungen, die im Jargon Pratzenarbeit heißen. Dreimal in der Woche steht Training auf dem Programm.

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