02.04.2019 - 16:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Säuferwahnsinn und sittenlose Weibsleut'

Bezirksärzte verfassen auf Geheiß von König Maximilian II. Mitte des 19. Jahrhunderts Physikatsberichte. Sie geben spannende Einblicke in das Leben dieser Zeit.

Der „Türkenwirt“ am oberen Ende der (heutigen) Bahnhofstraße vor 1859.
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(exb) "Das Charakteristische der Bewohner ist die Einfachheit und Ärmlichkeit der Nahrung." So lautete Mitte des 19. Jahrhunderts das Urteil des Bezirksarztes über die Bevölkerung im Unteren Vilstal. Doch der Reihe nach: König Maximilian II. beauftragte 1860 alle Bezirksärzte im Königreich Bayern, die Lebensverhältnisse der Bevölkerung in ihrem Bezirk niederzuschreiben, die sogenannten Phyikatsberichte entstanden.

Der Physikatsbericht für die Stadt Amberg, verfasst vom Bezirksarzt Dr. Josef Lukinger, und der für das Landgericht Amberg von Dr. Joseph Kolb wurde auf über 250 Seiten in Band 33 des "Eisengau" publiziert. Der vom Landgericht Vilseck über rund 80 Seiten, erschien in Band 44, verfasst von Dr. Franz Xaver Seidenbusch.

Neben der topographisch-statistischen Beschreibung mit Bodenverhältnissen, Wetter, Pflanzen- und Tierreich beinhalten die Physikatsberichte bis ins Detail alles über Geburten, Trauungen, Sterbefälle, über Krankheiten und geistige Konstitution der Bevölkerung, über Wohnverhältnisse, Kleidungs- und Nahrungsweise, Reinlichkeit, eheliches Leben, über Wohltätigkeitsanstalten, Schulen, medizinische Versorgung, usw.

So lesen wir im Amberger Bericht beispielsweise über das Heilwasser des Utz'schen Mineralbades, von großartig gebauten herrschaftlichen Häusern, aber auch von der ärmeren Volksklasse, die in baufälligen Häusern zusammengepfercht lebt. In Amberg wird die gute Qualität der Nahrung gelobt, allerdings der Biermangel, der sich vor allem im August bemerkbar macht, gerügt. Und das, obwohl neben 23 Garküchen 16 Bierbrauer erwähnt werden. Erwähnt wird allerdings auch, dass mehrere "Exemplare" der Bevölkerung an "Säuferwahnsinn" leiden und Säuglinge mit Mehlbrei überfüttert werden.

Das häufigst ausgeübte Gewerbe war die Schneiderei (33). "Da, wo die Reinlichkeit am nothwendigsten wäre, fehlt sie am ersten, nemlich bei Bäckern, Metzgern, Garköchen und Wirthen, ... und viele Hausbesitzer sind so an den Schmutz gewöhnt, dass ihnen dieser gar nicht auffällt." Beklagt werden die ledigen Weibsleut', die in Unzucht leben und die Armenhäuser mit außerehelichen Kindern bevölkern. Neben Armenhaus, Seelhaus, Bürgerspital, Leprosenhaus, Waisenhaus, Maximilians-Rettungs-Anstalt und Kleinkinder-Bewahr-Anstalt dient auch eine ausführliche Beschreibung des neu errichteten Marienspitals und der Amberger Schulen der Information der Regierung.

Der umfangreiche Bericht über die Landgemeinden hat neben den topographischen Beschreibungen naturgemäß etwas andere Inhalte. So beschreibt Dr. Kolb die Bevölkerung zu beiden Seiten der Vils als ruhig, fast harmlos, mehr ernst als heiter, besonnen, religiös, fried- und vaterlandsliebend, stellt aber auch fest, dass die "Geistesanlagen" der Bewohner links der Vils besser sind als die der weniger Begabten rechts der Vils. Mit einer Sprachprobe geht Kolb auf die Mundart ein, beschreibt die Baumaterialien und den Zustand der Häuser, die einfache Nahrungsweise, die Räusche der Kinder, die Einfachheit der Betten und die mangelnde Reinlichkeit.

Umfangreich ist die Beschreibung der Vergnügen von der Geburtstagsfeier über die Taufen, Hochzeiten bis hin zu den Weihnachtsfesten: "Vom Christbaume hält der Bauer nichts, derselbe ist ihm eine protestantische Erfindung." Eheleben, Heimatliebe, religiöse Haltung, Krankheits- und Todesursachen, aber auch Aberglauben sind selbstverständlicher Inhalt des Berichtes.

Ganz anders der Vilsecker Bericht. Dr. Seidenbusch zählt die nicht mehr existenten Eisenhämmer im Bezirk auf, beschreibt den Bleibergbau im Raum Freihung mit seinen negativen Folgen, die Torflager, zählt, wie auch seine Kollegen, die Todesursachen auf. Er befasst sich ausführlich mit den verschiedenen Arten des Aberglaubens wie Zauberei, Hexerei, Alpdrücken, Gespenstern und Kartenschlagen, beschreibt die Gebräuche bei Hochzeiten, Leichen und Kindstaufen und, jeder Arzt auf seine Art, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, das Alltagsleben im Bezirk.

Zum Landgerichtsbezirk Amberg gehörten damals die (heutigen) Gemeinden Ammerthal, Ebermannsdorf, Ensdorf, Freudenberg, Hirschau, Rieden, Schnaittenbach, Ursensollen und Teile der Gemeinde Kümmersbruck und Hahnbach, zum Landgerichtsbezirk Vilseck die Gemeinden Vilseck, Hahnbach, Gebenbach. Dieser Physikatsbericht umfasste aber auch Teile von Sulzbach, Edelsfeld, Freihung und ehemalige Gemeinden des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr aus benachbarten Landgerichtsbezirken. Die Transkription der Physikatsberichte erfolgte an der Universität Regensburg.

Zum Autor:

Dieter Dörner ist Sprecher der Heimatpfleger im Landkreis Amberg-Sulzbach. Das Gebiets des Ambergers ist die Heimatkunde im Alt-Landkreis Amberg (außer Kastl).

Der „Eisengau“ Band 33 (ISBN 978-3-9811370-8-8) und der Band 44 (ISBN 978-3-9814672-9-1) sind für 8,20 Euro im Buchhandel oder per E-Mail an geschichtsnetzwerk.oberpfalz[at]gmx[dot]de zu beziehen.

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