19.03.2020 - 12:28 Uhr
AmbergOberpfalz

Schule daheim: Homeoffice vs. Hausaufgaben

Die Schulkinder sind mit Aufgaben zum Teil bis zu den Ferien versorgt. Sie haben Zugangsdaten zu digitalen Klassenräumen und alle Bücher zu Hause. Die Eltern arbeiten im Homeoffice. Soweit die Theorie. Die Praxis ist gewöhnungsbedürftig.

Marketing-Manager Michael Sandner (rechts) arbeitet mit seinen beiden Kindern Paul und Anton (von links) im Homeoffice. Konkret heißt das: Alle befolgen Regeln, denn sie sitzen an einem Tisch.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Wer kann Arbeit und Familie zu Hause unter einen Hut bringen? Was im normalen Alltag schon schwierig ist, läuft in der derzeitigen Ausnahmesituation oftmals auf puren Stress hinaus.

Während den Kindern mit Engelszungen gepredigt wird, dass sie den von den Lehrern bereitgestellten Stoff täglich abarbeiten sollen und (noch) keine Ferien haben, wartet die Notbesetzung im Büro auf Output seiner von zuhause arbeitenden Kollegen.

Familienvater Michael Sandner hat zwei schulpflichtige Kinder im Alter von acht und elf Jahren. Vormittags sitzt er mit den Buben am großen Küchentisch. Jeder versucht zu arbeiten. Die Stimmung ist gut, trotz Anfangsschwierigkeiten. "Wir hangeln uns von Tag zu Tag."

Das ist die Grobplanung für den Alltag. Im Detail hätten die Kinder anfangs überhaupt nicht verstanden, dass das jetzt keine Ferien sind - eine Situation, die beispielhaft für viele Amberger Familien ist. Der Große habe - der Eindringlichkeit wegen - eine eigene E-Mail-Adresse erhalten. So könne die Kommunikation mit den Lehrern auf direktem Weg erfolgen. Von den Pädagogen gehen die Aufgaben direkt an den Sechstklässler. "Die Chance haben wir gleich genutzt. Das funktioniert ganz gut." Michael Sandners jüngster Sohn ist in der zweiten Klasse. Für ihn gibt es einen Wochenplan. "Das war etwas schwieriger, ihm klarzumachen, dass er das jetzt durchziehen muss." Die Kinder sind täglich mindestens zweieinhalb Stunden mit ihren Tagesaufgaben beschäftigt. Normalerweise dauert der reguläre Alltag bis 16 oder 17 Uhr. Die neu gewonnene Freizeit ist noch ungewohnt, hat aber durchaus Charme. "Wir haben vor dem Abendessen zusammen noch ein Brettspiel gespielt. Das hätten wir sonst nie geschafft."

Michael Sandner und seine Frau Sybille versuchen ihre Bürozeit so zu regeln, dass immer ein Erwachsener im Haus ist. Oma und Opa werden geschont. "Wir haben uns entschieden, die Großeltern aus der Betreuung rauszuhalten. Das war eine schwierige Aufgabe", so der Marketing-Manager. Da seine Kinder eine sehr enge Beziehung zu den Großeltern haben, sei hier Überzeugungsarbeit nötig gewesen - auf beiden Seiten.

Bei Evangelia M. sitzen zwei Kinder im Grundschulalter zu Hause und müssen Schulaufgaben machen. Die Erzieherin sagt zur derzeitigen Situation: „Ohne Plan geht es nicht. Und man muss nicht nur gemeinsam arbeiten, sondern auch lachen und Schmarrn machen.“

Ungefähr eine bis eineinhalb Stunden erledigen die beiden selbstständig ihre Arbeitsaufträge. Sie wissen, dass sie das bis Ende der Woche geschafft haben müssen. „Noch klappt das ganz gut. Noch. Wir haben ja ein paar Wochen vor uns.“ Nach den Hausaufgaben wird gemeinsam gekocht und nachmittags etwas gelesen. Der Rest der Zeit steht zur freien Verfügung. Dass die Kids nicht mehr auf Spielplätze dürfen, sei nur so lange ein Problem gewesen, bis das offizielle Verbot erlassen wurde. Bis dahin hieß es: „Warum dürfen die anderen und wir nicht. Jetzt darf eben keiner mehr“, so die Erzieherin, die bis nächste Woche noch Urlaub hat.

Evangelias Mann arbeitet derzeit in Ostdeutschland. Während der Coronakrise hat sich die Familie noch nicht gesehen. Nächste Woche übernimmt der Vater die Kinderbetreuung, Evangelia wird wieder in die Arbeit gehen.

„Ich habe meinen Kindern erklärt, warum alles geschlossen wird und warum wir unsere Sozialkontakte runterfahren. Sie waren von der Schule schon sehr gut aufgeklärt und haben auch den Coronavirus gemalt“, sagt die zweifache Mutter.

Schulamtsleiterin Beatrix Hilburger ist voll des Lobes für die Amberger Schulen. Schon am Mittwoch vor Schließung sei in einer digitalen Konferenz mit allen Schulleitern darauf hingewiesen worden, dass Kommunikationsstrukturen angelegt werden müssen, um in Kontakt mit Eltern und Kindern zu bleiben. "Das haben unsere Schulen gemacht. Gottseidank. Aktuell wird mehrgleisig gefahren, da viele Systeme überlastet sind." Die Pädagogen haben nicht nur die Möglichkeit über Mebis, eine Art digitales Klassenzimmer, mit den Kids in Kontakt zu treten, sofern es nicht überlastet ist, sondern schreiben E-Mails, nutzen das Eltern-Informations-System (ESIS) oder stellen ganz einfach Arbeitsaufträge auf die Homepage der Schule. "Meine Einschätzung ist, dass die Schulen sehr gut vorbereitet sind. Es wird nach Möglichkeit alles gemacht, damit die Schüler passendes Material zur Verfügung haben. Aber es läuft jetzt auch erst an. Deshalb kann man nicht wirklich sagen, wie es den Schülern damit geht", sagte Hilburger am Mittwoch.

Jede Schule, Kindertageseinrichtung, Kindertagespflegestelle und Heilpädagogische Tagesstätte stellt eine Notbetreuung sicher. Diese gilt aber nur für Kinder, deren beide Elternteile in Bereichen der kritischen Infrastruktur tätig sind (zum Beispiel, Rettungsdienst, Polizei, Feuerwehr oder Gesundheitswesen). In Amberg werden "meines Wissens nach in mehreren Einrichtungen jeweils einzelne Kinder betreut", heißt es von Susanne Schwab, Pressesprecherin der Stadt Amberg.

"Meine Einschätzung ist, dass die Schulen sehr gut vorbereitet sind. Es wird nach Möglichkeit alles gemacht, damit die Schüler passendes Material zur Verfügung haben." Beatrix Hilburger, Fachliche Leiterin der Staatlichen Schulämter der Stadt Amberg und des Landkreises Amberg-Sulzbach.
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Die Welt malt sich gern in schönen Farben. Zum Beispiel im Homeoffice für Erwachsene: Der Arbeitgeber macht es in vielen Fällen möglich. Von zu Hause aus zu arbeiten ist oft kein Problem. Oder auch die Hausaufgaben für Schüler: Detaillierte Pläne der Lehrer sorgen täglich dafür, dass den Kids der Stoff nicht ausgeht. Das Abarbeiten der Arbeitsaufträge, der Kontakt zwischen Eltern, Schülern und Lehrern funktioniert super. Jetzt kommt allerdings der Haken: Die Vereinbarkeit von Homeoffice und Hausaufgaben ist schier unmöglich und klappt - bei höchster Disziplin - nur im Stundentakt.
Bestmögliche Erreichbarkeiten der Mebis-Plattform oder Lern-Apps werden in einschlägigen Eltern-Chats wie geheime Zauberformeln gehandelt. Während die einen darüber diskutieren, welche zusätzlichen Aufgaben ihre fleißigen Kinder noch erledigen könnten, hoffen andere, dass die Motivation zumindest für die Pflichtaufgaben reicht - und die eigene Arbeit währenddessen nicht allzu sehr leidet.
Gewonnen ist trotzdem was, zum Beispiel die Erfahrung, dass Lehrer einen wichtigen und guten Job machen. Oder das neu gewonnene Verständnis der Kinder für ihre Eltern, dass der Computer nicht nur für Malen und Spiele verwendet wird.

Andrea Mußemann

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