15.04.2020 - 13:01 Uhr
AmbergOberpfalz

Serie "Virus und wir": Lizenz für blutige Anfänge

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

"Virus und wir" - so heißt die Kolumne, in der Redaktionsmitglieder von Oberpfalz-Medien ihre Gedanken zur Coronakrise aufschreiben. Redakteurin Andrea Mußemann fragt sich, warum sie nicht schon früher so viele neue Dinge ausprobiert hat.

Blutige Anfänger: Warum haben wir nicht schon viel früher so viele neue Dinge ausprobiert? Zum Beispiel Blutspenden. Der Arm gehört übrigens zur Redakteurin. Die zwei Beine der Fotografin Petra Hartl.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Pfarrer, Wirte, Einzelhändler, Ärzte, Musiker, Rentner, Redakteure. Sie alle haben in diesen Zeiten etwas gemeinsam. Sie probieren dauernd neue Dinge aus. Sie schießen Weihwasser aus Wasserpistolen, liefern Schäuferl aus, entwickeln regionale Online-Shops, verschieben Operationen, geben Online-Konzerte, verzichten auf geliebte Enkel, gehen zum Blutspenden. Es ist, als ob mit Beginn der Ausgangssperre die Lizenz für blutige Anfänge ausgestellt wurde. Eine Zeit, in der man Schnapspralinen zum Frühstück essen kann und per Video-Chat Spieleabende abhält. Vor Corona (man kann das Wort auch schon fast nicht mehr hören) hatte ich nur ein vorinstalliertes Video-Kommunikations-Programm auf dem Rechner. Jetzt sind es neun. Vor vier Wochen, als wir uns noch Türklinken in die Hand gaben und ungeniert zu Wellness-Wochenenden in ausgebuchte Hotels fuhren, da wäre diese Entwicklung kaum vorstellbar gewesen. Die Zeiten ändern sich so rasend schnell, dass man es selbst am Küchentisch im Homeoffice sitzend kaum fassen kann. Das erste Blutspenden in Zeiten von Duweißtschonwas war daher auch ein bisschen wie das Zelebrieren eines gesellschaftlichen Akts. Menschen winkten sich lachend, riefen sich die Punktezahl ihrer letzten Matheprobe zu, scherzten gut gelaunt. Hier läuft Blut aus den Adern? Ach, das ist nur Nebensache, den da drüben kennt man, den Liegestuhl-Nachbarn auch. Lang nicht mehr gesehen.

So lief es ab in der GMG-Turnhalle

Amberg

Am Ende gehe ich, die Erstspenderin, mit der Professionalität eines erfahrenen Kriegers aus der Turnhalle. Zuhause wird der Arm vom Druckverband befreit und stolz präsentiert. Die Enttäuschung ist groß: "Das sieht ja aus als würde nur ein Spieß drinstecken", kommentiert der Bub mit der medizinischen Kompetenz eines Chirurgen, die Wurstsemmel aus dem Care-Paket kauend. Ich weiß nicht, was er erwartet hat. Blutgetränkte Mullbinden, offene Wunden? Ich finde, vor allem die Kids bräuchten dringend wieder ihren geregelten Tagesablauf.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.