04.10.2019 - 17:22 Uhr
AmbergOberpfalz

Sharing heißt Teilen bis auf die Unterhose

"Kaufen? Du bist doch nicht blöd!" Schon der Untertitel des neuen Buchs von Micha Hirschinger macht neugierig: Er bricht darin eine Lanze fürs Thema Sharing, das nach seiner Ansicht bis auf die Unterhose möglich ist.

Micha Hirschinger weiß, dass sein Appell auch dem Verkauf seines Buchs zuwiderläuft. Doch wer es für 15,99 Euro erwirbt und gelesen hat, kann es anschließend ja gerne weitergeben, so sein Vorschlag zum "Buch-Sharing".
von Redaktion ONETZ Kontakt Profil

E-Scooter als neues Fortbewegungsmittel in Städten sorgen zurzeit eher für negative als positive Schlagzeilen. Die Debatte darum erweist dem Thema, das eigentlich dahintersteckt, einen Bärendienst. Statt innovative Mobilitätsformen und den Gedanken des Fahrzeug-Sharings zu fördern, überwiegt die Kritik am Verhalten Einzelner, die mit den Rollern zu schnell fahren oder sie nach Gebrauch an unmöglichen Stellen - andere behindernd - abstellen. Ärgerlich ja, aber eher das Versagen weniger schwarzer Schafe und nicht des Systems, findet Micha Hirschinger. Er hat übers Sharing ein Buch geschrieben und ist von dieser modernen Methode des Konsums in vielen Lebensbereichen überzeugt.

"Bis auf die Unterhose" ist das Teilen dem provokanten Titel zufolge möglich, der den Leser im Untertitel gleich noch direkter anspricht: "Kaufen? Du bist doch nicht blöd!" Natürlich hält der aus Poppberg in der Gemeinde Birgland stammende promovierte Wirtschaftsingenieur niemanden für dumm, weil er sich benötigte oder begehrte Dinge kauft. Doch er möchte zum Nachdenken anregen, dass es seiner Ansicht nach in vielen Fällen auch anders geht. Ausgehend vom inzwischen gut etablierten Carsharing hat er sich schon in seiner Doktorarbeit vor rund vier Jahren mit dem Thema befasst, wollte es aber mit plakativen Beispielen in einem Buch noch viel breiter streuen.

"Wir haben uns so ans Kaufen und Besitzen gewöhnt, dass wir vergessen haben, wie beides die Ressourcen der Erde ruiniert, das Klima zerstört und das eigene Leben ersticken kann", schildert Hirschinger seinen Antrieb. Dabei könnten wir es mit Sharing "so viel einfacher und besser haben": Laut Autor müssten für jedes geteilte Auto im Schnitt 15 andere gar nicht erst gebaut werden. Was fürs Kfz gelte, treffe auf (fast) jedes erdenkliche Produkt zu: Ob Bohrmaschine, Rasenmäher oder anderes Werkzeug, Grill, Hochzeitskleid, Sauna, Apfelbäume oder Kuh als Nutztier. "Bis auf die Unterwäsche könnten wir so gut wie alles sharen, was wir brauchen. Das heißt nicht, dass wir heute unseren Besitz verkaufen müssen, um morgen nur noch zu sharen", meint Hirschinger. Aber mit jedem Gegenstand, den wir statt teuer zu erwerben, künftig kostengünstig mit anderen teilen, "befreien wir uns von der Last des Besitzes, das Klima von Treibhausgasen und unsere Kinder von einer Zukunft auf einer geplünderten Erde".

Um an dieser Stelle keinen falschen Zungenschlag hineinzubringen: Hirschinger klagt niemanden an, auch keine früheren Generationen, und er will "keine Extremisten erzeugen". Aber er möchte erreichen, dass sich mehr Leute überlegen, ob sie zum Wohle einer solchen Entwicklung nicht aus der Komfortzone herauskommen. Eigene Interessen und meist eh unbegründete Ängste vor Verlust oder Beschädigung einer Sache - all das lässt sich regeln - zurückstellen, lautet die Devise.

Deshalb ist Sharing für den 33-Jährigen, der einst Vize-Chef des JU-Kreisverbandes war, "kein Geschäfts-, sondern ein Gesellschaftsmodell". Jetzt gehe es darum, es anzupacken, wobei nicht jeder sofort mit allem radikal mitmachen müsse. Aber wenn viele kleine Schritte wagten, die sich bei Erfolg ausbauen ließen, bringe die Masse all derer, die sich auf den Weg machen, auch schon ein Stück weiter. Wobei das Ganze laut Autor in ländlichen Gebieten viel besser funktioniert, als in eher anonymen Städten, weil die Menschen sich hier kennen und vertrauen - sich also leichter tun und es wagen, Hab und Gut zu teilen.

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.