25.06.2020 - 18:13 Uhr
AmbergOberpfalz

Shoppen in Corona-Zeiten: Wie auf einem fremden Planeten

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Einkaufen in Virus-Zeiten ist anstrengend und skurril. Auch zwei Monate nach der Wiedereröffnung der Läden hat sich noch keine Normalität eingestellt. Ein Einkaufsbummel durch Amberg und Weiden mit einsamen Verkäufern und genervten Kunden.

Parfümprobe mit Maske - so geht Einkaufen in Coronazeiten.
von Julian Trager Kontakt Profil

Es ist auffallend ruhig in dem Modegeschäft, das vor allem jüngere Menschen anzieht. Eine Stimmung fast wie in einem Museum. Kaum ein Kunde sagt etwas, auch zwei größere Teenie-Gruppen verstecken sich schweigend hinter ihren Masken. Zwei Verkäuferinnen stehen hinter der Kasse, geschützt von einer Scheibe aus Plexiglas. Im ersten Stock hängt die Nasa-Kollektion der Modekette. Shirts, Pullis, Jacken, alle mit Logo oder Schriftzug der amerikanischen Raumfahrtbehörde. Zwei Reihen weiter baumelt ein weißes T-Shirt am Kleiderbügel, "Star Wars" steht auf der Brust. Weltall, Sience-Fiction. Wer in Corona-Zeiten shoppt, kann sich durchaus wie auf einem fremden Planeten fühlen. In einer weit, weit entfernten Galaxie ...

Seit gut zwei Monaten haben die meisten Geschäfte in Bayern wieder offen. Jede Woche gibt es neue Lockerungen, eine Normalität hat sich allerdings noch nicht eingestellt. Weder bei Ladenbesitzern und Verkäufern noch bei den Kunden. "Das ist einfach blöd, man kriegt keine Luft", sagt ein Mann in Weiden übers maskierte Einkaufen. Der schwarze Mundschutz sitzt bei ihm etwas zu eng, sein Vollbart sehnt sich an allen Enden des Stoffs nach Freiheit.

In der Amberger Fußgängerzone ist am Dienstagvormittag bereits einiges los. Die Sonne strahlt, es hat mehr als 20 Grad. Die Menschen schlendern übers Kopfsteinpflaster, tragen kurze Hosen, Röcke, die Sonnenbrille auf der Nase, den Mundschutz in der Hand. Die Cafés am Marktplatz sind gut besucht, mehr als jeder zweite Tisch besetzt.

An den Schaufenstern kleben zurzeit mehr Zahlen als sonst. 70 Prozent, 50 Prozent - der Sale wird wie immer kräftig beworben. Daneben hängen nun kleinere Zettel mit kleineren Zahlen zwischen 1 und 27. Einlassbeschränkung, nur eine begrenzte Anzahl an Kunden darf das Geschäft gleichzeitig betreten. Seit Montag einer pro zehn Quadratmeter Ladenfläche, immerhin. Bis dahin war nur die Hälfte erlaubt.

Leere Körbe, leere Läden

Viele Händler haben ein simples System eingeführt, um die Besucherzahl kontrollieren zu können. An den Eingängen stapeln sich bei einigen Läden Einkaufskörbe. Jeder Kunde muss einen nehmen - ganz egal was er kaufen will. Ist kein Korb mehr da, bekommt der Kunde einen Korb - er darf den Laden also nicht betreten.

In einem Drogeriemarkt trägt jeder einen silbernen Korb. Auch eine ältere Frau, die sich noch mit einer Krücke und einer Handtasche herumschlägt. Im Korb eines Kunden liegt nur eine Zahnpasta, in einem anderen drei Haarspangen.

Ähnlich leer sieht es an diesem Vormittag in den meisten Modeläden aus. Vereinzelt trudelt jemand ein. "Es ist definitiv weniger los als vor Corona, das merkt man voll", sagt eine Verkäuferin, die - wie alle Angestellten von größeren Konzernen - offiziell nicht mit der Presse sprechen darf. "Die Leute sind vorsichtig, auch die Anzahlbegrenzung bremst", sagt sie. Andere Verkäuferinnen bestätigen das. Und alle sind sich einig: Viele Kunden halten sich nicht an die Regeln, stürmen ohne Maske aus der Umkleide, pfeifen auf Abstand.

Aber es geht auch andersherum: Ein Schuhgeschäft hat es etwas übertrieben mit dem Desinfzieren. Im Laden riecht es so, als wäre ein ganzes Fass über den Boden ausgelaufen. Da hilft keine Schutzmaske.

Brillen werden immer noch verlangt, der Kauf hat sich ja nur verschoben.

Franz von Klenck, Optiker aus Amberg

Franz von Klenck, Optiker aus Amberg

"Läuft schon wieder gut"

Vor einem Optiker stehen zwei Frauen in der Sonne. Eine der Damen hält einen Spiegel in der Hand, begutachtet sich, nickt. Brillenprobe in Corona-Zeiten. Drinnen im Laden sitzt Optiker Franz von Klenck auf einem braunen Ledersofa und lächelt. "Brillen werden immer noch verlangt, der Kauf hat sich ja nur verschoben", sagt er. "Es läuft schon wieder gut." Seit Montag dürfen nun sechs Kunden gleichzeitig in seinen Laden, vorher waren es drei. "Das war schon problematisch", gibt von Klenck zu. Kunden mussten draußen warten, mussten vertröstet werden. Der Optiker arbeitet jetzt viel mit Terminen, hat ein Online-Terminportal eingeführt. Das wolle er auch in Zukunft beibehalten. Während er spricht, desinfiziert eine Mitarbeiterin die Brillen, die vorher anprobiert worden sind.

Armin Steger, Geschäftsführer von Intersport Lange, kämpft mit seiner Maske, im Gespräch droht sie mehrmals unter die Nase zu rutschen, sofort zieht er sie wieder hoch. "Wir als Sportgeschäft sind noch mit einem blauen Auge davongekommen", sagt er. Outdoor-Sport boomt, die Leute wollen laufen und radeln. "Aber die sechs Wochen Lockdown hängen uns schon noch nach", sagt Steger.

Zweiter Lockdown wäre fatal

Günter Hölzl kann das bestätigen. Der Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern Bezirk Oberpfalz/Niederbayern erklärt am Telefon Fahrradhändler und Baumärkte zu den Krisengewinner. Textil- und Schuhhandel seien dagegen die Verlierer. "Wer minus 30 Prozent Umsatz hat, der ist noch gut dabei", sagt Hölzl. Und obwohl die Beschränkungen weiter bremsen, will er nicht meckern. "Die Gefahr ist immer noch da." Vorsicht sei weiter nötig, ein zweiter Lockdown fatal. "Dann wäre es vorbei, das kann keiner mehr aufholen."

In einer Weidener Drogerie sieht auch die Warteschlange futuristisch aus. Bei der Kasse wurden im Abstand von zwei Metern orange Vierecke auf den Boden geklebt. Zwei Frauen stehen auf jeweils einem Punkt, warten, schauen auf die Uhr, schauen auf die Decke. Mit viel Fantasie hört man sie rufen: "Scotty, beam mich hoch."

Es ist furchtbar. Aber wir müssen es nehmen, wie es ist.


Ex-Fußballprofi Karlheinz "Charly" Meininger aus Zwiesel

Spezialfall Parfümerie

Im Modeladen gegenüber schlurft ein Mann hinter seiner Frau her. Während sie sich Oberteile anschaut, hat er Zeit für einen kurzen Ratsch. Karlheinz Meininger trägt eine Maske mit der bayerischen Raute drauf, wie Markus Söder. Mit dem Ding im Gesicht shoppen, ist "furchtbar", sagt der Ex-Fußballprofi, der für 1860 München, 1. FC Nürnberg und Werder Bremen spielte. Aber mei, egal. "Wir müssen es nehmen, wie es ist." Im Internet einkaufen kommt für den Niederbayer, der zufällig in Weiden ist, nicht infrage. "Ich bin von der alten Schule", sagt er.

Am anderen Ende der Fußgängerzone kratzt sich eine Frau an der Stirn, sie schnauft. "Es ist einfach nicht schön, so einzukaufen, so Klamotten anzuprobieren", sagt sie. Man schwitze mit der Maske, und das nerve, aber zum Shoppen gehe sie trotzdem. "Weil ich Zeit habe und weil es Prozente gibt." Vielleicht hat sie auch das große Plakat in der Innenstadt gesehen: "Unterstütze deine Lokalhelden. Kauf' in Weiden."

Besonders speziell ist es in diesen Zeiten in Läden, die Parfüms und Kosmetika aller Art verkaufen. "Bei uns ist das ganz schwierig", sagt eine Verkäuferin. Wie sollen Kunden ein Parfüm, einen Lippenstift oder Make-Up testen, ohne die Maske abzulegen? Eigentlich nicht möglich, meint die Verkäuferin. Eine Frau pfeift darauf, nimmt ein Parfüm aus dem Regal, sprüht es sich aufs Handgelenk, schaut rechts, schaut links, zieht die Maske unter die Nase, schnuppert. Sie gönnt sich eine Prise Freiheit.

Eine Mehrwertsteuersenkung soll Wirtschaft ankurbeln: Händler haben Zweifel

Weiden in der Oberpfalz

Einzelhandel verliert im Shutdown viel Umsatz

Deutschland & Welt

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.