29.11.2021 - 09:47 Uhr
AmbergOberpfalz

So läuft ein 2G-plus-Sonntag in Amberg

Die Leute sind willig, verständnisvoll und lassen sich testen, bevor sie eine Kultur- oder Sportveranstaltung besuchen. Aber genau da hakt's, denn überall ist Warten angesagt. So läuft der erste Sonntag unter 2G-plus-Bedingungen in Amberg.

Wer am Sonntag schnell einen Test benötigte, hatte schlechte Karten. Vielerorts war Geduld angesagt. Anneliese und Wolfgang Stelzer hatten zuvor schon eine Stunde im Auto auf dem Real-Parkplatz in der Testschlange gewartet.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Sonntag, 13 Uhr, Marienstraße. Mit Termin schnell mal zum Testen? Von wegen. Die Schlange der Wartenden ist an diesem Sonntag lang. Passanten, die vorbeigehen, schütteln die Köpfe, blasen die Backen auf. Sogar mit Termin dauert es eine gute halbe Stunde, bis im Testzentrum an der Marienstraße endlich das Stäbchen in der Nase steckt. Es ist das erste Wochenende, an dem 2G-plus auch für Kultur- und Sportveranstaltungen in Bayern gilt: Hinein darf nur, wer geimpft oder genesen ist und einen negativen Corona-Test vorweisen kann. Die Leute, die jetzt anstehen, möchten am Nachmittag ins Krankenhaus, ins Seniorenheim, aber es sind auch welche dabei, die Karten fürs Theater haben oder abends zum Eishockey-Spiel des ERSC Amberg wollen. "Es werden nur Leute mit Termin getestet", ertönt eine laute Anweisung, die weiter vorne wohl direkt aus der Apotheke St. Marien kommt. "Nur mit Termin" ist das Mantra, das „Stille Post“-artig von vorne nach hinten durchgegeben wird. Es kommt nicht bei jedem an. Beharrlich bleibt ein Herr stehen. Er wolle doch nur einen Krankenbesuch machen, sagt der Mann zum Testpersonal, Impfpass und Ausweis schon in der Hand haltend. Er habe sich doch auch extra eine halbe Stunde angestellt. Er beißt mit seinem Flehen auf Granit, heute werden keine Ausnahmen gemacht. Als er erfolglos umdrehen muss, sind seine Augen rot. Vor Wut? Vor Hoffnungslosigkeit?

Freundin hängt in der Testschlange fest

15.30 Uhr, Stadttheater. Zwei Pavillons sind am Schrannenplatz aufgebaut. Hier wird 2G-plus kontrolliert. Eintrittskarten für die Premiere von "Nils Holgersson" interessieren draußen vor der Tür noch nicht. "Wir versuchen, das Beste draus zu machen", sagt Anika Maßmann vom Kulturamt. Die Premiere des Kinderstücks wird die einzige Vorstellung vom Landestheater Oberpfalz (LTO) bleiben. Alle anderen Termine sind bereits abgesagt. Auch in Amberg wurde der Verkauf von Eintrittskarten gestoppt. Somit ist die Auslastung bei den vorgeschriebenen 25 Prozent - und viel Platz zwischen den Besuchern. Familie Weichselbraun freut sich schon auf das Stück. Die Eltern Brigitte und Philipp finden es wichtig, dass ihre Tochter Johanna Kultur erlebt. Der Stress mit den Tests vorab sei es ihnen Wert. "Doch unsere Freundin hängt noch in der Testschlange fest." Sie werde es vermutlich nicht mehr rechtzeitig ins Theater schaffen. Philipp Weichselbraun versteht nicht, warum mit der Entscheidung der Regierung für 2G-plus nicht auch die Testmöglichkeiten "generalstabsmäßig aufgestockt" wurden. "Da müsste man doch zum Beispiel die Leopoldkaserne dafür aufmachen." Theatergast Franziska Wartha stört die 2G-plus-Regel auch nicht, "aber mich stört es maßlos, dass viele Testmöglichkeiten zugemacht wurden". Zusammen mit ihrem Enkel Simon wartet sie darauf, dass ihr Ergebnis endlich per E-Mail ankommt. Eine Stunde ist das schon her. Kathrin Dauer und ihre Tochter Lea haben bereits alle Anmeldehürden genommen und freuen sich einfach auf das Theatererlebnis: Zusätzliche Tests, FFP2-Masken während der Vorstellung - all das sind für Mutter und Tochter keine Probleme. "Wenigstens kann man überhaupt irgendwo hingehen." Und die 2G-plus-Regeln würden zumindest eine 90-prozentige Sicherheit vermitteln.

Kurz davor, die Karten zu verschenken

17 Uhr, Amberger Kongresszentrum. Erst in einer Stunde wird der Amberger Oratorienchor hier ein Konzert geben. Doch vor der Tür stehen schon jetzt Menschen an. Der Grund: Hier gibt es eine Testmöglichkeit - aber nur für Konzertbesucher. Auch Wolfgang Stelzer (83) und seine Frau Anneliese (81) haben sich eingereiht. Eine Stunde hätten sie heute bereits im Auto vor dem Testzentrum auf dem Real-Parkplatz gewartet ("tausende von Autos"), dann seien sie ausgeschert und in die Marienstraße gefahren. Dort hätten die Leute zu Fuß von der Marienapotheke bis zum Kreisverkehr bei der Sparkasse gestanden. "Ich war schon kurz davor, die Karten zu verschenken." Dann seien sie direkt zum ACC gefahren, um sich dort testen zu lassen. "Was für ein Stress", sagt der Senior. Er zückt sein Handy und kontrolliert die E-Mails, um das Testergebnis zu erfahren. Negativ - und das ist in diesem Fall positiv. Die Warterei hat sich gelohnt. Viele der Konzertbesucher sind ältere Herrschaften. Die Angestellten des ACC helfen beim Einscannen des QR-Codes, zeigen, wo sie das Formular ausfüllen müssen, ermahnen, wenn die Abstände zu kurz sind. Manche Senioren stehen verloren draußen bei Minustemperaturen oder zwischen Tür und Angel in der Zugluft, wartend auf den Test oder das Testergebnis, hoffend, dass es negativ ist und die Karten nicht umsonst gekauft wurden. Zuhause das Stäbchen in die Nase gesteckt haben sich Gisela und Friedhelm Dittmar, denn sie sind ein Apothekerpaar aus Massbach in Unterfranken. Konzerte unter 2G-plus? "Ich finde das sehr umständlich. Aber deshalb auf ein Konzert zu verzichten? Niemals", sagt Gisela Dittmar, und ihr Mann fügt hinzu: "Es ist doch ein Wahnsinn, was die Apotheken leisten müssen. Die Politiker haben die Konsequenzen nicht überlegt. Leider müssen die Gesunden das ausbaden." Und wer vom Land komme, der könne ja nicht mal einfach zum Bus gehen und zu einer Teststrecke fahren. Im Foyer steht Sabine Heegner an einem Tisch und beobachtet das Treiben durch die Glastür. Ihr Mann singt im Oratorienchor, deshalb ist die 62-Jährige schon recht früh da. "Die Umstände des Testens sind für mich in Ordnung, aber es ist doch sehr schwer, das zu machen. Es ist ein Geknubbel", sagt sie und deutet auf die Wartenden. "Der arme junge Mann, der die Tests da in dem Verschlag macht." Ihrer Meinung nach wäre es doch viel besser gewesen, draußen einen Bus hinzustellen und dort die Leute durchzuschleusen. Generell würde sie wegen Corona schon auf Kulturveranstaltungen verzichten, "aber nicht generell auf alle". Wo Abstände einzuhalten sind, würde sie auch künftig hingehen.

In drei Wochen Lockdown?

18 Uhr, Eishalle. In einer halben Stunde ist Anpfiff für das Eishockey-Spiel des ERSC Amberg gegen den EHC Klostersee. Es sind eine Handvoll Leute, die sich auf dem Parkplatz tummeln, weniger als sonst. Einfach hineingehen kann niemand. An der Eingangstür werden die Fans von zwei Personen streng kontrolliert. Testergebnis, Impfnachweis, Personalausweis. Nur wer alle drei vorweisen kann, darf hinein. Thomas Schmid aus Amberg hat diese Hürde schon genommen. Am nächsten Stehtisch weist der 56-Jährige noch seine Dauerkarte vor, bevor er endgültig das Innere des Eisstadions betreten kann. Für ihn ist es kein Problem, sich zusätzlich testen zu lassen. "Ist eh nur einmal in der Woch' für's Spiel. Wenn's so is, is halt so." Der 56-Jährige wird diese Saison zum Amberger Eishockey gehen, so lange es noch möglich ist. Denn seine Prognose ist düster: "Ich glaube, spätestens in zwei Wochen ist alles vorbei, dann kommt der komplette Lockdown."

Vierte Welle in Amberg

Amberg
Hintergrund:

Diese Testmöglichkeiten gibt es sonntags

  • Probamed-Testzentrum Drive-In & Walk-In, Real-Parkplatz: ohne Termin von 13 bis 19 Uhr
  • L'Osteria (Email-Apotheke): ohne Termin von 12 bis 20 Uhr. Die Öffnungszeiten wurden aufgrund des hohen Testaufkommens erweitert.
  • Apotheke St. Marien, Marienstraße: mit Termin von 10 bis 16 Uhr
  • Weitere Öffnungszeiten unter www.amberg.de/testen

"Mit der Entscheidung der Politik müsste man doch auch die Testmöglichkeiten generalstabsmäßig aufstocken und zum Beispiel die Leopoldkaserne dafür aufmachen."

Philipp Weichselbraun

Philipp Weichselbraun

"Die 2G-plus-Regeln vermitteln zumindest eine 90-prozentige Sicherheit."

Kathrin Dauer

Kathrin Dauer

"Mich stört es maßlos, dass viele Testmöglichkeiten zugemacht wurden."

Franziska Wartha

Franziska Wartha

"Auf dem Real-Parkplatz warteten tausende von Autos. In der Marienstraße standen die Leute bis zum Kreisverkehr."

Wolfgang Stelzer

Wolfgang Stelzer

 

 

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