07.06.2019 - 16:03 Uhr
AmbergOberpfalz

In der Spielewelt Amberg gibt es Magic statt Schafkopf

Ahmet Gürlers Spielewelt in der Salzgasse trifft nicht jedermanns Geschmack. Oft bleiben Passanten an seinem Schaufenster stehen und schütteln irritiert den Kopf. Statt Monopoly gibt es dort japanische Sammelkarten und komplexe Brettspiele.

von vfiProfil

Ein sichtlich skeptisches junges Paar betritt den Laden, bleibt noch in der Tür stehen und schaut sich ratlos um. Gürler begrüßt beide herzlich und sie erklären, dass ihr Sohn nun "diese sogenannten Pokémon-Karten" sammle. Der Ladeninhaber überhört den abwertende Unterton, schmunzelt freundlich und führt die beiden in einen Nebenraum.

Pokémon ist für Eltern gewöhnungsbedürftig

Dass Eltern nur wenig mit japanischen Fantasiewesen namens Pokémon anfangen können, überrascht ihn nicht. Den meisten wäre Fußball oder ein sonstiger Teamsport lieber für ihren Sohn. Und wenn es schon ein Kartenspiel sein muss, dann doch wenigstens Schafkopf. Dabei wird in Deutschland bereits seit 1999 mit Pokémon-Karten gespielt. Gürler nimmt das Paar mit zu einem Tisch, an dem drei Jungs gerade in eine Partie vertieft sind. Er möchte den Eltern zeigen, dass sehr viele Jugendliche das neue Hobby ihres Sohnes teilen und er sich hier jederzeit mit Gleichgesinnten treffen kann.

Dabei hat die Spielewelt auch noch viel mehr als nur Pokémon zu bieten. Zwei weitere beliebte Kartenspiele nennen sich Yu-Gi-Oh! (aus Japan) und Magic (aus den USA). Gürlers derzeit beliebteste Karte liegt in einer Vitrine und kostet stolze 50 Euro.

Über eine weltweite Tradingcard-Börse kann sich jeder Besucher auf dem Kundencomputer über den aktuellen Wert einer Karte informieren. So können auch Neueinsteiger oder Kinder nicht übers Ohr gehauen werden. Viele sammeln und tauschen die Karten aber nicht nur, sondern spielen richtige Turniere damit. Die Spielewelt wurde sogar zu einem offiziellen Veranstalter solcher Turniere zertifiziert. Derzeit spielen jeden Samstag rund 30 Teilnehmer um die erste Yu-Gi-Oh!-Stadtmeisterschaft in Amberg.

Dem Fantasy-Modellbau sind keine Grenzen gesetzt

Die Actionfiguren im Schaufenster stammen hingegen von ruhigeren Kundengruppen, die sich im Untergeschoss der Spielewelt zum gemeinsamen Modellbau treffen. In akribischer Detailarbeit bauen und bemalen sie Figuren und Landschaften für ein komplexes Strategiespiel namens Warhammer, das mit Würfel und Meterstab ausgetragen wird. Bis spät in die Nacht versorgt Gürler alle mit Getränken und Snacks, moderiert die Turniere und plaudert mit den Teilnehmern.

Eine kleine Ladenecke der Spielewelt unterscheidet sich auffallend stark vom Rest des Sortiments. Statt Actionfiguren stehen hier Barbiepuppen und ein kleiner Bauernhof aus Gummitieren. Zwischendrin steckt ein selbstgebasteltes Schild mit der Aufschrift "Aylins Laden". Gürlers Tochter besucht einen Kindergarten in der Nähe der Spielewelt. Jeden Dienstag ist offizieller "Papa Tochter Tag" und damit hat der Laden geschlossen. Gürlers Kunden sind allerdings großteils männlich und in der Regel bereits erwachsen. Sie studieren an der Fachhochschule oder starten gerade ihre Berufskarriere und fühlen sich in eine unbeschwerte Zeit ihres Lebens zurückversetzt. "Für die meisten meiner Kunden ist die Spielewelt nicht nur ein Laden, sondern ein Zufluchtsort."

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