18.03.2019 - 10:46 Uhr
AmbergOberpfalz

Sprache leicht gemacht

Laut und langsam liest Oliver Kuhn vor. Seine sechs Kollegen von der Prüfgruppe "Alles klar" hören aufmerksam zu und lesen mit. Auch sie haben den Text vor sich ausgebreitet. Und der folgt ganz bestimmten Regeln.

Sie wünschen sich mehr Prüf- und Übersetzungsaufträge (von links): obere Reihe: Bernhard Albrecht (Geschäftsführer Jura-Werkstätten), Maria Popp, Tobias Hirsch, Katrin Panek (Geschäftsführerin Lebenshilfe Amberg-Sulzbach), Volker Glombitza, Michaela Winklmeier (Verwaltungsleitung Lebenshilfe); vordere Reihe: Iris Kleinwächter, Stefanie Strebel, Oliver Kuhn, Marion Augsberger, Bertin Abbenhues (Abteilungsleiter Teilhabeleistung für Kinder und Jugendliche bei „sags einfach“); vorne Mitte: Sebastian Müller (Leiter Büro „sag´s einfach“ in Regensburg).
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Die Schrift ist groß, die Sätze und Zeilen hingegen kurz. Die Wortwahl einfach, Fremdwörter werden vermieden oder erklärt, lange Wörter mit Bindestrich getrennt. Daneben verdeutlichen Zeichnungen den Inhalt. Der Text ist in der sogenannten Leichten Sprache verfasst. Eine Sprache, die viele Menschen verstehen sollen.

Was ist Leichte Sprache?:

Leichte Sprache zielt darauf ab, Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz der deutschen Sprache verfügen, das Verstehen von Texten zu erleichtern und dadurch ihre Selbstbestimmung und Teilhabe am Leben zu ermöglichen oder zu steigern.

Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Beispiel. Die haben auch Oliver Kuhn, Maria Popp, Tobias Hirsch, Iris Kleinwächter, Stefanie Strebel, Yasmin Kasabaki und Marion Augsberger. Sie alle arbeiten in den Jura-Werkstätten in Amberg. Gemeinsam mit Sozialpädagoge Volker Glombitza bilden sie dort die Prüfgruppe für Leichte Sprache der Lebenshilfe Amberg-Sulzbach. Ihre eigenen Einschränkungen machen sie zu "absoluten Experten" auf diesem Gebiet. "Die Prüfgruppen sind bei der Übersetzung von Texten aus der Alltagssprache in die Leichte Sprache der Dreh- und Angelpunkt", weiß Sebastian Müller von "sag's einfach", einem Büro für Leichte Sprache der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg, mit welchem die Lebenshilfe eine Kooperationsvereinbarung geschlossen hat. Müller selbst hat die Amberger Prüfer geschult und von ihm stammen auch die meisten Übersetzungen, die hier auf ihre Verständlichkeit hin kontrolliert werden.

Geleitet wird die Prüfgruppe „Alles klar“ seit Januar 2018 von Volker Glombitza (links), dem Koordinator für Leichte Sprache bei der Lebenshilfe Amberg-Sulzbach.

Absatz für Absatz arbeitet Glombitza den Text mit den Prüfern der Lebenshilfe durch. Als ein Mitglied der Gruppe ein Wort falsch betont, wird der Koordinator hellhörig. Er fragt nach: "Was bedeutet das?" Manche kennen den Ausdruck, können Synonyme nennen. Einer sagt offen: "Ein anderes Wort wäre besser." Leichter zu verstehen. "Das ist eine ganz große Leistung", sagt Glombitza. "Zuzugeben, dass man etwas nicht versteht, dazu gehört viel Mut - und zwar auf jedem Sprachniveau." Er notiert sich die Anmerkungen. Nach 90 Minuten ist Schluss. "Dann lässt die Konzentration nach", erklärt der Gruppenleiter. "Das ist anstrengend", pflichten ihm die Prüfer bei: "Aber es macht viel Spaß." Glombitza erstellt ein Protokoll. Das geht dann zurück an den Übersetzer des Textes, an Sebastian Müller.

Die Prüfgruppe:

Die Prüfgruppe „Alles klar“ für Leichte Sprache der Lebenshilfe Amberg-Sulzbach besteht seit 2016 und derzeit aus sieben Mitarbeitenden der Jurawerkstätten in Amberg. Sie trifft sich wöchentlich, um Texte, die in Leichte Sprache übersetzt wurden, auf Verständlichkeit zu überprüfen. Die Prüfer sind speziell geschulte Menschen mit Lernschwierigkeiten, die als Experten in eigener Sache am besten beurteilen können, ob ein Text verständlich und eben leicht genug ist.

"In Deutschland leben etwa 10 bis 20 Millionen Menschen, für die Leichte Sprache eine Hilfe bedeuten kann", erklärt Müller. Dazu zählt der Sozialpädagoge "nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Menschen mit funktionalem Analphabetismus, Gehörlose oder Menschen mit Migrationshintergrund". In den Jura-Werkstätten wurden im vergangenen Jahr über 20 Prüfaufträge bearbeitet. Unter anderem Speisepläne für das Heilpädagogische Zentrum, Flyer für die Beratungsstelle der Lebenshilfe, die Abfallwirtschaftsbroschüre und das Leitbild des Landkreises sowie Stadtführer für Regensburg und Furth im Wald.

Um mehr Menschen die Teilhabe am Leben zu ermöglichen, müssten noch sehr viel mehr Texte übersetzt werden, betont Müller. Kapazitäten hätte die Prüfgruppe in Amberg. "Doch die Bedeutung von Sprache wird in unserer Gesellschaft leider nicht immer erkannt. Man ist nicht bereit, dafür Geld auszugeben", sagt Katrin Panek, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Amberg-Sulzbach. "Bei körperlichen Einschränkungen sieht jeder, dass zum Beispiel eine Rampe für einen barrierefreien Zugang notwendig ist." Dass aber auch Sprache ein Hindernis sein kann, das würde noch viel zu häufig übersehen.

Die Prüfgruppe bei der Arbeit.

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