27.08.2019 - 15:40 Uhr
AmbergOberpfalz

Starke Menschen - Buchhändlerin Maria Rupprecht im Interview

Obwohl der Kalender 2019 zeigt, sind Mann und Frau nicht gleichberechtigt. Männer in vergleichbaren Positionen verdienen meist mehr, laut Statistik bekommen sie oft die besseren Jobs. In Führungspositionen sind Frauen unterrepräsentiert.

Buchhändlerin Maria Rupprecht.
von Cindy MichelProfil

Noch immer scheinen Frauen im Schatten des sogenannten starken Geschlechts zu verschwinden. Das wollen wir so nicht stehen lassen. Wir zeigen starke Frauen aus der Region wie die Buchhändlerin Maria Rupprecht. Mit 40 Filialen und über 330 Angestellten ist sie eine der erfolgreichsten Buchhändlerinnen in Bayern.

ONETZ: Frau Rupprecht, Sie haben die Buchhandlung mit Johannes Rupprecht gegründet und führen sie gemeinsam. Wie teilen sich die Geschäftsfelder auf?

Maria Rupprecht: Wir haben unterschiedliche Fähigkeiten und bevorzugte Themenfelder. Sehr vereinfacht gesagt ist er für die Zahlen zuständig und ich für die Buchstaben. Trotzdem vermischt sich die Arbeit natürlich. Wir haben die gleiche Vorstellung davon, welche Art von Buchhandlung wir wollen. Das ist grundlegend für die gemeinsame Arbeit.

ONETZ: Haben Sie jemals an Ihrer Idee gezweifelt oder Angst gehabt?

Maria Rupprecht: Nein. Ich war überzeugt, das ist eine schöne, interessante und sinnstiftende Aufgabe. Ein Unternehmensberater sagte damals, eine Buchhandlung in einem so kleinen Ort wie Vohenstrauß wird sich betriebswirtschaftlich nicht rechnen. Wenn es tatsächlich nicht funktioniert hätte, was ich mir nicht vorstellen wollte, wäre ich jung genug gewesen, etwas anderes anzufangen. Wenn man etwas nicht tut, weil man Angst vor dem Scheitern hat, verpasst man wahrscheinlich einiges.

ONETZ: Gab es damals schon so etwas wie Gründerzuschüsse?

Maria Rupprecht: Ja, die gab es. Das war für den Start auch notwendig, ich hatte ja noch mein BAföG-Darlehen vom Studium zurückzuzahlen.

ONETZ: Gerade mal 24 Jahre alt und dann noch eine Frau: Wie hat Ihre Umwelt reagiert, als Sie Ihre erste Buchhandlung eröffnet haben?

Maria Rupprecht: Natürlich musste ich mir Respekt und Vertrauen erst erarbeiten, was weniger am Geschlecht lag, sondern am Alter. Es gab aber auch Beispiele, die mir gezeigt haben, dass es manchen auch imponiert, wenn eine junge Frau vor großen Aufgaben nicht zurückschreckt.

ONETZ: Hatten Sie jemals das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, nur weil Sie eine Frau sind?

Maria Rupprecht: Der Buchmarkt ist eine weiblich geprägte Branche. Führungspositionen sowohl in den Buchhandlungen als auch in den Verlagen haben deshalb meistens Frauen inne. In unserem Beruf ist die Kommunikation besonders wichtig – sowohl nach innen als auch nach außen. Ich glaube, Kommunikationsfähigkeit ist eine Stärke der Frauen. In einem männlich dominierten Umfeld haben Frauen wahrscheinlich stärker mit Vorurteilen zu kämpfen – und die Gefahr ist groß, dass man sich dann weniger zutraut.

ONETZ: Bücher sind Ihre Welt, haben Sie mal in einem Interview gesagt. Wie sähe die Landkarte zu dieser Welt aus?

Maria Rupprecht: Ich möchte mir zumindest die Welt ohne Bücher nicht vorstellen. Mich interessieren Bücher aus den unterschiedlichsten Bereichen: gesellschaftskritische oder humorvolle Romane genauso wie Krimis, Sachbücher zu verschiedensten Themen, Kinder- und Jugendbücher, Reisebeschreibungen. Wenn ich eine Landkarte zeichnen müsste, würde ich deshalb mein Haus in die Mitte setzen, von dem aus ich viele Wege in die unterschiedlichsten Richtungen gehen könnte.

ONETZ: Manchmal, wenn man ein Buch öffnet, kommt das einer Flucht gleich. Sofort vergisst man die realen Probleme und wird durch die Seiten und Buchstaben in eine fremde Welt gesogen.

Maria Rupprecht: Lesen kann auch eine Flucht aus der realen Welt sein. Gute Bücher können das Zeitgefühl aufheben. Manche fragen mich auch nach einem Buch zum Abschalten, sie wollen zumindest für ein paar Stunden etwas Schweres vergessen. Und manchmal können Bücher auch Halt geben. Manche Bücher beeindrucken so, dass man die Welt danach ein bisschen anders sieht. Manchmal lässt einen ein Satz nicht mehr los. Wir reisen mit Büchern durch Raum und Zeit, wir lernen andere Länder und vergangene Jahrhunderte kennen. Das alles finde ich einfach wunderbar.

ONETZ: 2018 wurde die deutsche Erstausgabe von Harry Potter 20 Jahre alt. Lesen Sie Fantasy?

Maria Rupprecht: Fantasybücher sind unheimlich vielfältig – wie ihre Autoren. Beeindruckend finde ich, dass Autoren bis ins Detail neue Welten erschaffen. Ich kann mich gut an das Lesen des ersten Bands der Harry-Potter-Reihe erinnern. Ich war fasziniert und hatte das Gefühl, das ist etwas Außergewöhnliches.

ONETZ: In Harry Potter gibt es starke Frauenfiguren. Welche ist Ihre liebste?

Maria Rupprecht: Darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht. Spontan sage ich Minerva McGonagall, die Hauslehrerin von Gryffindor. Sie ist schlau, sehr bestimmt in ihrem Auftreten und trotzdem emotional.

ONETZ: Gerade im Fantasy-Genre übernehmen immer mehr Frauen den starken Part. Wieso ist das gerade im Fantasy-Bereich so auffällig?

Maria Rupprecht: Es stimmt, dass die Helden den Heldinnen zahlenmäßig überlegen sind, die Heldinnen aber aufholen. Man findet auch mehr männliche Autoren in diesem Genre. Es kann auch sein, dass sich hinter einem
männlichen Autorennamen eine Frau verbirgt. Das hat es in der Literaturgeschichte öfter gegeben. Einer meiner ersten Fantasyromane, den ich immer wieder empfohlen habe, war „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer-Bradley. Hier dominieren eindeutig die Frauen. Erzählt wird die Artussage aus der Sicht seiner Halbschwester.

ONETZ: Suchen Leserinnen gezielt nach Büchern, in denen Frauen die Protagonistinnen sind?

Maria Rupprecht: Das kommt tatsächlich vor, aber nicht besonders häufig. Manchmal fragen Leserinnen nach starken Frauenfiguren, weil sie ein Buch mit einer beeindruckenden Protagonistin begeistert hat und sie wieder etwas Ähnliches lesen wollen. Erfahrungsgemäß sind das meistens Frauen mittleren Alters.

ONETZ: Welche weibliche Hauptfigur hat Sie am meisten geprägt?

Maria Rupprecht: Sehr beeindruckt hat mich „Ein ungezähmtes Leben“ von Jeannette Walls. Ich hatte bereits ihr erstes Buch „Schloss aus Glas“ gelesen, in dem sie ihre eigene Geschichte erzählt. In „Ein ungezähmtes Leben“ erzählt sie die Geschichte ihrer Großmutter Lily. Die wurde Anfang des 20. Jahrhunderts geboren und hatte einen ungeheuren Freiheitsdrang. Eine faszinierende Frau und eine toll geschriebene Romanbiographie.

ONETZ: Wer ist Ihre Lieblingsautorin?

Maria Rupprecht: Anne Tyler. Oder Celeste Ng oder doch Jane Austen oder Alice Munro oder Isabel Allende? Da konnte ich mich noch nie festlegen.

ONETZ: Fakt oder Vorurteil: Frauen stehen auf schnulzige Liebesromane.

Maria Rupprecht: So pauschal formuliert ganz klar: Nein. Frauen interessieren sich für sehr unterschiedliche Bücher, und jede Frau greift in verschiedenen Lebensphasen und Stimmungslagen zu verschiedenen Genres.

ONETZ: Wer sind die jungen Wilden der Region? Welche bayerischen Au-tor*innen lesen Sie besonders gerne und warum?

Maria Rupprecht: Ich schätze Reiner Kunze, vor allem als Lyriker. Ich mag seine Kindergedichte genauso wie seine Gedichte für Erwachsene. Er ist zwar nicht in Bayern geboren, lebt aber in der Nähe von Passau. Ein gebürtiger Bayer ist Oskar Maria Graf. Sein Buch „Das Leben meiner Mutter“ ist für mich ein großes Werk.

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