12.11.2018 - 17:12 Uhr
AmbergOberpfalz

"Strafsache gegen Strobl"

Neun Jahre nach dem 10. November 1938 wird eine Facette der Reichspogromnacht in Amberg vor dem Landgericht angeklagt und abgeurteilt: die Verwüstung der Synagoge. Die Akten lassen nur erahnen, was wirklich geschah.

Die heutige Thora der Amberger Synagoge (Symbolbild).
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Sprengen, in Brand setzen, einreißen. Eine Befehlskette dieser Reihenfolge erteilte NSDAP-Kreisleiter Dr. Artur Kolb dem Amberger SA-Pioniersturm für die Synagoge und hatte danach anderes, aus seiner Sicht wohl wichtigeres, zu tun. Er schritt zur Verhaftung von Amberger Juden, der sogenannten "Schutzhaftnahme". Ob und wie dieses Verbrechen an der hiesigen jüdischen Gemeinde auch strafjuristisch aufgearbeitet wurde, muss offen bleiben.

Nicht aber die Frage, was nach dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft mit zumindest einigen der damaligen Täter geschah. In das erste öffentliche feierliche Gedenken der jüdischen Kultusgemeinde im historischen Rathaussaal an die frühen Morgenstunden des 10. November 1938 eingebettet war der Vortrag "Synagogenprozess in Amberg" vom Leiter des Stadtarchives, Dr. Johannes Laschinger. Anhand von Gerichtsakten und anderen Quellen zeichnete er nach, wie dieses Nazi-Verbrechen gesühnt werden sollte.

"Staatsanwaltschaft Amberg 1475" ist die Akte überschrieben, die ein Stück Aufarbeitung lokaler Geschichte des Dritten Reichs bedeutet. Ins Rollen gebracht hatte dieses Verfahren die "Anzeige Nr. 620 vom 30.4.46", aufgenommen von dem Gemeinde-Polizeikommando Amberg. Hintergrund war eine gegenüber dem "Staatskommissar für die Betreuung der Juden" geltend gemachte Forderung über rund 12 200 Reichsmark. Diese Summe wurde als der in der Synagoge angerichtete Schaden beziffert.

Die Suche beginnt

Deshalb ging die Suche nach Ambergern los, die dafür haftbar gemacht werden sollten. Relativ schnell wurden zwölf Verdächtige namentlich benannt, später kamen weitere hinzu. Bezeichnenderweise unter anderem Dr. Richard Koch, zum Tatzeitpunkt Staatsanwalt und stellvertretender Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Amberg-Südost sowie Dr. Robert Reis, SA-Oberscharführer und Oberstaatsanwalt. Obwohl der SA-Obertruppführer in dieser Nacht nicht die Treibfeder der Geschehnisse war, sollte der Prozess schließlich die Bezeichnung "Strafsache gegen Strobl, Anton und 18 andere wegen Landfriedensbruch u. a." tragen.

Die Verhandlung begann am 11. November 1947 vor der Strafkammer des Landgerichts und endete mit der Urteilsverkündung zehn Tage später. Es gab vier Frei- und 15 Schuldsprüchesprüche, die durchweg mit Haftstrafen zwischen drei Monaten und vier Jahren geahndet wurden. Revisionsanträge der Staatsanwaltschaft wie einiger Verteidiger wurden als unbegründet verworfen, die Urteile erlangten mithin Rechtskraft.

Entlarvende Sprache

Laschinger arbeitete in seinem Vortrag eine Reihe von Details heraus, die sich nicht nur auf die minuziöse Rekonstruktion des objektiven Geschehens abzielten. Vielmehr stellte er mehrfach auch Fragen nach dem Maß individueller Schuld, eingebettet in ein kollektives Bewusstsein, das seine nationalsozialistische Prägung kaum leugnen konnte. Hauptsächlich sprachlich drückte sich das aus. So findet sich in den Ermittlungs- und Gerichtsakten wie in der Berichterstattung der Tageszeitung eher "die nationalsozialistische Sprachregelung", das Pogrom als "Aktion" zu titulieren, oder den belasteten Begriff der Synagoge nun als Gotteshaus zu umschreiben.

Objektiv steht fest, dass die Amberger Synagoge entgegen den "dienstlichen Befehl" des lokalen Partei-Fürsten und von SA-Vorgesetzten weder gesprengt, noch angezündet oder eingerissen wurde. Das hatte aber pragmatische Gründe befürchteter gravierender Schäden an Nachbarhäusern. Deshalb schützte der zuständige SA-Mann vor, den nötigen Sprengstoff nicht zu finden. Später wurde er dafür aus der Partei ausgeschlossen. Die Synagoge wurde geplündert, die Inneneinrichtung zertrümmert, Kultgegenstände wurden geschändet und der Pöbel ("soweit es das Menschengedränge zuließ") hatte seinen Spaß ("wie er mit einem weissen Gebetstuch umgetan um das Feuer tanzte") dabei.

Die Amberger Volkszeitung berichtete jedenfalls in ihrer Ausgabe vom 10. November 1938, dass "der Tempel jüdischen Angriffs in einen Trümmerhaufen verwandelt" worden sei. Neun Jahre später sah sich jedenfalls das Schwurgericht mit seinem Urteil vor die Herausforderung gestellt. "das Individualmaß an der Tat" herauszuarbeiten "und in seinen historischen Gesamtkontext" einzuarbeiten. Angesichts einer immer wieder aufkeimenden Geschichtsverklitterung, scheint dieses Problem nach wie vor nicht abschließend gelöst.

Die Tatbestände

Am 21. November 1947 ergingen für die Taten vom 10. November 1938 rund um die Amberger Synagoge Schuldsprüche "wegen je eines Verbrechens des schweren Landfriedensbruchs in Tateinheit mit einem vergehen des schweren Hausfriedensbruches sowie einem Vergehen der Religionsbeschimpfung und der gemeinschaftlichen Sachbeschädigung". Als straferschwerend wurde gewertet, "mitverantwortlich dafür" zu sein, "dass das Ansehen des deutschen Volkes in der Welt auf das schwerste geschädigt wurde".

Im Blickpunkt:

Dem Rabbiner der Amberger jüdischen Gemeinde, Elias Dray, stockte kurz die Stimme. Er erinnerte sich an seinen Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz und rief sich die Bilder von sich dort türmenden Bergen von Koffern, Bekleidung Puppen und Teddybären vor Augen. Das alles stamme von Frauen, Männern, Kindern, Familien „nur weil sie jüdischen Glaubens waren“.

Dray beschloss die Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht am vergangenen Donnerstag im historischen Rathaussaal. Wenn er den völkerrechtlichen schwur „Nie wieder!“ jetzt wie schon immer einfordert, so komme ihm zugleich in den Sinn, dass laut einer Studie 58 Prozent der deutschen Bevölkerung wünschen würden, „einen Schlussstrich“ unter die Nazizeit zu ziehen. Seine Antwort darauf können nur lauten, „wir dürfen nicht wieder wegschauen, wenn wieder bestimmte Bevölkerungsschichten unter Generalverdacht gestellt werden“. Noch nie habe es eine Zeit gegeben, in der es den hiesigen Menschen so gut wie heute gegangen sei, stellte der Rabbiner fest. Dennoch erstarke wieder der rechte Rand der Gesellschaft. Er wolle sich deshalb überhaupt nicht vorstellen was geschehe, wenn eine Wirtschaftskrise unvermeidlich sei.

„Es macht mir Angst“, bekannte Dray offen und folgerte nahtlos daraus, „wir müssen jetzt etwas tun“. Alle. Zivilcourage ist für ihn nicht nur das einzige legitime Mittel gegen rechtsextreme Hassreden, sondern das Gebot der Zeit als Lehre aus einer geschichtlichen Katastrophe.

Info:

Bestimmte Kreise zeichnen nach wie vor das Bild, die Reichspogromnacht sei das Werk einer unkontrollierbar gewordenen, entfesselten Volkswut. Ein klipp und klares Nein, setzt Dieter Dörner dagegen. Dieser gewalttätige Überfall auf jüdische Bürger, ihre Geschäfte und Einrichtungen markierte am 10. November 1938 lediglich den damaligen Höhepunkt der in „Mein Kampf“ angekündigten Demütigungen gegenüber deutschen Juden, die in der Deportation und dem Holocaust geendet hätten, untermauerte der Kreisheimatpfleger seine Auffassung.

Zur Einführung auf den Vortrag „Synagogenprozess in Amberg“ vom Leiter des Stadtarchivs Dr. Johannes Laschinger (nebenstehender Bericht), beschrieb Dörner lediglich den Vorwand zu dieser Nacht als einen zeitlichen Zufall. Das waren die tödlichen Schüsse des 17-jährigen jüdischen Emigranten Herschel Grynszpan aus Hannover auf den deutschen Legationssekretär Ernst von Rath in der Pariser Botschaft. Die vermuteten Hintergründe dieser Tat liegen im Homosexuellenmilieu, weshalb sie nie aufgeklärt wurden.

Die eigentliche Pogromnacht ist für Dörner nichts anderes als eine zielgerichtete geplante Tat, die alkoholgeschwängerte Fortsetzung der NSDAP-Gedenkfeiern zum gescheiterten Hitlerputsch von 1923 am Abend vorher, dem 9. November. Auch in Amberg war das nicht anders.

Ein Streichquartett setzt musikalische Akzente des Gedenkabends: (im Hintergrund von links) Stadtarchiv-Leiter Dr. Johannes Laschinger, Oberbürgermeister Michael Cerny und Kreisheimatpfleger Dieter Dörner, (sitzend von rechts) der Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Ignatz Berger und der Amberger Rabbiner Elias Dray.

Info:

Oberbürgermeister Michael Cerny möchte sich die Szene offenbar nicht allzu intensiv vor Augen führen. „Die Synagoge wird zerstört und Polizei und Feuerwehr schauen tatenlos zu.“ So etwas dürfe sich nie wiederholen, appellierte Cerny an die Besucher der Gedenkveranstaltung im historischen Rathaussaal. Zum ersten Mal wurden 80 Jahre nach der Reichspogromnacht vom 10. November 1938 in dieser Form die lokalen Ereignisse mahnend in Erinnerung gerufen.

Es gelte, „ein Zeichen zu setzen, dass sich dieser Wahnsinn nicht wiederholt“, betonte der Oberbürgermeister und machte geltend, „keine abgeschlossene historische Begebenheit“ zu betrachten. Die Ereignisse dieser Nacht auch in Amberg seien durch öffentliche Hass- und Hetzreden inszeniert und befeuert worden, umso wichtiger sei geworden, genau zuzuhören, was auch heute wieder so alles öffentlich verbreitet werde.

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