17.08.2018 - 10:52 Uhr
AmbergOberpfalz

Svenjas großer Wurf

Viele Amberger können sich noch an den schrecklichen Unfall erinnern: Vor sieben Jahren überrollte ein Lastwagen an der Erzbergbrücke eine Radfahrerin. Die junge Frau wurde lebensgefährlich verletzt, kämpfte sich ins Leben zurück und spielt jetzt bei der Rollstuhlfahrer-WM in Hamburg.

Svenja Mayer (vorne rechts) bei der Weltmeisterschaft in Hamburg.
von Adele SchützProfil

Quietschende Reifen, das Scheppern zusammenkrachender Rollstühle und mitten drin Svenja Mayer: Die 27-jährige Ambergerin gehört zum Team der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Rollstuhlbasketball in Hamburg und hatte am Donnerstagabend ihren ersten erfolgreichen Einsatz.

"Im Leben kann man viel erreichen, wenn man bereit ist, Einiges zu opfern", lautet das Lebensmotto der jungen Frau. Im Februar vor sieben Jahren hat sich innerhalb von Sekunden das Leben der gelernten Friseurin und leidenschaftlichen Reiterin schlagartig geändert: Sie ist auf dem Heimweg mit dem Fahrrad, als sie ein Lastwagenfahrer bei der Kreuzung auf der Erzbergbrücke übersieht und überrollt. Ihre Verletzungen sind lebensbedrohlich. Nach künstlichem Koma, einem Jahr Krankenhausaufenthalt und 45 Operationen fällt es ihr nach ihren Aussagen anfangs schwer, das Positive im Leben zu sehen und sich neue Ziele zu setzen. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Zeit einfach war, weil ich immer wieder Rückschläge hatte und vermutlich auch wieder eine Zeit kommen wird, in der es schwieriger ist als jetzt. Aber ich habe eine Familie und Freunde, die mir immer den Rücken stärken", gibt Mayer einen Einblick in ihre Situation.

Völlig neue Perspektive

Die Rückkehr nach dem Unfall in den Beruf der Friseurin war nach ihren Aussagen unmöglich, das Hobby Reiten konnte sie zwar noch lange ausüben, bis sie schweren Herzens erkennen musste, dass es aufgrund der damit verbundenen gesundheitlichen Probleme nicht mehr ging. "Die Erkenntnis, dass ich nicht mehr reiten konnte, war wohl nach dem Unfall das Schlimmste, was ich akzeptieren musste. Ich musste mir eine andere Sportart suchen", erinnert sich die 27-Jährige. Sie entdeckte das Rollstuhlbasketball und eröffnete sich damit eine völlig neue Perspektive.Vor drei Jahren startete sie ihre erste Saison beim Rollstuhlsportclub (RSC) Amberg. "Heute würde ich sagen, dass es das Beste war, was mir passieren konnte." Der Teamsport faszinierte sie. "Du hast eine Verantwortung deinem Team gegenüber, das zur kleinen Familie für dich wird", erklärt die Profisportlerin. "Außerdem liebe ich diesen Sport, weil man auch ohne Talent, aber mit viel Wille und Fleiß so einiges erreichen kann".

2016 entschied sich die Athletin dann schweren Herzens, Amberg zu verlassen und nach Heidelberg zu ihrem Freund zu ziehen, um in der 2. Bundesliga zu spielen. Sie machte eine rasante sportliche Entwicklung und wurde 2017 zu einem ersten Sichtungslehrgang der Nationalmannschaft eingeladen. Für den Zwölfer-Kader hat es damals noch nicht gereicht. "Da ich mir aber mein Ziel gesteckt habe und es unbedingt erreichen wollte, entschied ich mich dazu, noch einmal den Verein zu wechseln, um mich weiter zu entwickeln und von den Besten zu lernen".

Aktuell spielt sie in der 1. Bundesliga in Wiesbaden, hat dieses Jahr den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft und kämpft derzeit bis Sonntag, 26. August, bei der Weltmeisterschaft in Hamburg für eine Medaille der deutschen Mannschaft. "Ich bin unendlich glücklich und stolz, das Land vertreten zu dürfen. Ich kann es kaum erwarten, auf dem Feld zu stehen und die Nationalhymne zu singen", versichert die Sportlerin, die mit der Spielernummer 13 auf das Feld fährt.

Für inklusiven Sport

Mit ein bis maximal zwei Trainingseinheiten in Amberg hat sie im Basketballsport angefangen, aktuell ist sie mit dem Training ziemlich ausgelastet, denn sie trainiere sechs Tage die Woche jeweils an die acht Stunden. Die Vorbereitung zur Weltmeisterschaft begann im April, was fast jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag Lehrgänge, sogar in Australien und England, bedeuteten. "Wenn man mich fragen würde, ob ich mein altes Leben vor dem Unfall zurückhaben möchte, würde ich es verneinen", sagt Svenja Mayer heute.

Der Vorsitzende des RSC Amberg, Jürgen Weiß, und der Vorsitzende des Inklusionsbündnisses Amberg-Sulzbach, Georg Dietrich, sehen Svenja Mayer als Botschafterin des inklusiven Sports weit über die Stadt- und Landkreisgrenzen hinaus. Beide freuen sich mit der Sportlerin über ihren Erfolg und auch darüber, dass sie die junge Frau nach ihrem Unfall sportlich begleiten durften. Laut Dietrich ist es eine ganz wichtige Aufgabe der Vereine, Menschen mit und ohne Einschränkungen nach Unfällen oder Krankheiten neue Perspektiven aufzuzeigen und sie bei der Auswahl der für sie richtigen Sportart zu beraten und zu unterstützen.

Aus diesem Grund ist auch eines der Ziele des Inklusionsbündnisses Amberg-Sulzbach, die inklusiven Sportmöglichkeiten in der Region zu verbessern. Dietrich war bei der Eröffnungsfeier und dem ersten Spiel der deutschen Damenmannschaft in Hamburg dabei. Das Match gegen Algerien endete 87 zu 24 für Deutschland. Svenja Mayer hatte einen perfekten Einstand mit elf erzielten Punkten.

Die beiden Schornsteinfeger und Georg Dietrich vom Inklusionsbündnis Amberg-Sulzbach wünschen ihr Glück: Svenja Mayer aus Amberg sorgt als Profisportlerin bei der Rollstuhlbasketball-WM für Furore.

Die beiden Schornsteinfeger und Georg Dietrich vom Inklusionsbündnis Amberg-Sulzbach wünschen ihr Glück: Svenja Mayer aus Amberg sorgt als Profisportlerin bei der Rollstuhlbasketball-WM für Furore.

Offizielles Porträt von Svenja Mayer

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