08.11.2019 - 18:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Jeden Tag zwei Wildunfälle im Kreis Amberg-Sulzbach

"Wir haben jeden Tag zwei, drei Wildunfälle. Das ist eine unglaublich hohe Zahl", sagt Hans-Peter Klinger von der Amberger Polizei. Der Schaden, der hier entsteht, ist auch keine Kleinigkeit: 2700 Euro im Durchschnitt.

Ein totes Reh liegt nach der Kollision mit einem Auto am Straßenrand der Landstraße (Symbolbild). Für die Amberger Polizei ist das Alltag: Sie registriert jeden Tag zwei, drei Wildunfälle im Raum Amberg-Sulzbach.
von Heike Unger Kontakt Profil

Wildschweine und Rehe

Klinger rechnet diesen Durchschnittswert hoch - bei 1200 gemeldeten Wildunfällen im Jahr komme man da schnell "weit in den Millionenbereich". Das Thema ist eines im gesamten Landkreis, "auf allen Straßen", wie Stefan Martin, bei der PI Amberg der Sachbearbeiter Verkehr für den Landkreis, sagt - weniger auf Autobahnen, wo es fast durchgängig Schutzzäune gibt.

Info:

Tipps der Polizei

Damit erst gar nichts passiert

Auf Landstraße/in Waldgebieten, mit besonderer Aufmerksamkeit fahren.

Vor allem morgens und abends in der Dämmerung Augen auf und Geschwindigkeit reduzieren.

Vorsicht: Wo ein Tier auftaucht, sind meist noch weitere unterwegs.

Wenn ein Tier am Straßenrand auftaucht und dann stehen bleibt: Abblenden und hupen.

Auf nachfolgenden Verkehr achten, um einen Auffahrunfall zu vermeiden.

Wenn ein Tier vors Fahrzeug läuft, nicht ausweichen, dabei kann noch Schlimmeres (Aufprall gegen Baum/Gegenverkehr) passieren; also lieber bremsen und Lenkrad gut festhalten.

Nach einem Wildunfall

Unfallstelle absichern (Warnblinker, Warndreieck, Warnweste).

Sofort die Polizei verständigen (110, Einsatzzentrale Oberpfalz). Wildunfälle müssen gemeldet werden.

Polizei informiert den Jagdpächter. Das ist besonders wichtig, wenn das Tier nur angefahren wurde und davon läuft oder wenn es verletzt liegen bleibt.

Verletzte Tiere nicht anfassen, sie könnten sich wehren.

Wenn das Tier beim Unfall getötet wurde, von der Straße ziehen (Handschuhe!), um nachfolgenden Verkehr nicht zu behindern.

Hilfreich ist ein Foto (Handy) von Tier und Fahrzeug; das kann später bei der Schadensregulierung helfen.

Polizei oder Jagdpächter stellen eine Wildschadensbescheinigung aus, als Nachweis für die Versicherung.

Tote Tiere nicht selbst wegbringen – auch nicht, um sie zur Polizei zu bringen; Jagdpächter kümmert sich um die Entsorgung.

Im Vilstal und auf der B 85 passieren besonders viele dieser Unfälle, zitiert Klinger aus den umfangreichen Daten, die seine Inspektion zusammengestellt hat. Die Beamten wissen auch: Während Verkehrsteilnehmer im Bereich Ebermannsdorf/Pittersberg vor allem mit über die Straße laufenden Wildschweinen rechnen müssen, sei im Bereich Freudenberg mehr Rehwild unterwegs.

Nicht nur ein Herbst-Thema

"Glücklicherweise haben wir wenige Personenschäden", sagt Martin und verweist auf vier Wildunfälle mit Verletzten im vergangenen Jahr. "Seit 2009 hatten wir keinen tödlichen Wildunfall mehr." Wenn Menschen zu Schaden kommen, kann das gravierend sein, vor allem bei Bikern. Klinger formuliert es so: "Wenn du als Motorradfahrer mit Wild kollidierst, hast du wenig Chancen." Wer meint, Wildwechsel sei vor allem im Herbst ein Thema, der irrt sich. Auch in den übrigen Monaten müssten Verkehrsteilnehmer stets damit rechnen, dass vor ihnen ein Tier über die Straße läuft - von der Brunftzeit im Frühjahr bis zur Futtersuche im Winter.

Info:

Unfallursache Nummer eins: Nachts zu schnell

„Für mich ist die Raserei die Ursache für Wildunfälle“, sagt Eckhard Heindl. Der Sulzbach-Rosenberger Polizeibeamte ist auch Jäger und Pächter des Jagdreviers Aschach-Ost. Ein „sehr unfallträchtiger“ Bereich, weil auf der Kreisstraße AS 30 Raigering–Immenstetten schnell gefahren wird.

Sein Rat lautet: Langsam und aufmerksam fahren – und daran denken, dass Wild selten alleine unterwegs ist. Heindl nennt als Beispiel einen Fahrer, vor dem Wildschweine über die Straße liefen. „Fünf hat er gesehen, das sechste hat er überfahren.“ Ist ein Wildunfall passiert, dann sollte man die Stelle markieren, lautet sein Appell an die Verkehrsteilnehmer: Dann könne er ein verletztes Tier, das davongelaufen ist, leichter finden. Auf jeden Fall müsse man so einen Unfall sofort melden. Angst vor Konsequenzen sei unbegründet: „Es ist nicht so, dass man Ärger kriegt, wenn man das meldet – sondern genau umgekehrt.“ Wer schweige oder sich verspätet melde, begehe eine Ordnungswidrigkeit. Noch einen Tipp hat Heindl: „Auf keinen Fall das Wild einpacken – auch nicht, um es zur Polizei zu bringen: Da ist man gleich bei der Jagdwilderei.“

Rehe stehen auf einem Feld (Symbolbild): Wer hier als Autofahrer vorbei kommt, sollte aufmerksam sein. Und damit rechnen, dass ihm nicht nur eines der Tiere, sondern auch mehrere vors Fahrzeug laufen.

Immer mit Wild rechnen

Klingers Fazit: "Man muss grundsätzlich immer, wenn man auf ländlichen Straßen unterwegs ist, mit Wildwechsel rechnen. Besonders abends." Und speziell im Bereich von Wäldern, wie Martin ergänzt. "Auch, wenn da kein Wildwechsel-Schild steht." Die Warnhinweise mit dem roten Dreieck-Rand werden nur an echten Brennpunkten aufgestellt. "Wenn man alles mit Schildern zupflastert, werden sie nicht mehr wahrgenommen."

Info:

Zahlen

2018 registrierte die Amberger Polizei 1126 Wildunfälle im Kreis Amberg-Sulzbach: 872 mit Reh-/Rot-/Dammwild, 81 Hase/Kaninchen, 53 Schwarzwild, 56 Fuchs, 41 Dachs, 7 Greif-/Flugwild, 16 sonstiges Wild. Vier Menschen wurden bei diesen Unfällen verletzt, drei leicht, einer schwer. Im ersten Halbjahr 2019 waren es bereits 614 Wildunfälle mit sechs Verletzten.

Kleines Reh, großer Schaden

Dabei sind Kollisionen mit Tieren keine Bagatellunfälle. "Schon wenn ein kleines Reh plötzlich vors Auto springt, ist das schnell ein Frontschaden von 2400 Euro", verdeutlicht Peter Hofrichter, bei der PI Sachbearbeiter Verkehr für die Stadt Amberg. Klinger formuliert es noch etwas drastischer. Eine solche Kollision entspreche dem Aufprall auf einen 20 Kilo schweren Stein. Wenn das bei außerorts üblichen 100 km/h geschehe, "kann man sich vorstellen, was da passiert". Die oft gehörte Horror-Geschichte, dass einem das angefahrene Tier durch die Windschutzscheibe entgegenfliegt, komme aber eher selten vor, beteuert Martin. Der Schaden sei dennoch meist groß.

Simulation eines Wildunfalls: Das Auto eines Testfahrers stößt mit einem jungen Wildschwein zusammen. Das zuvor getötete Tier war dazu mit weißen Seilen fixiert worden.
Info:

Schadensregulierung

Der ADAC hat Wissenwertes zur Schadensregulierung nach einem Wildunfall zusammengefasst:

Der Schaden am Fahrzeug kann über die Teil- oder Vollkaskoversicherung reguliert werden.

Die Teilkaskoversicherung ersetzt Schäden am fahrenden Fahrzeug, die durch einen Zusammenstoß mit Haarwild entstanden sind. Dazu gehören beispielsweise Wildschwein, Reh, Hirsch, Fuchs oder Hase. Unfälle mit Vögeln sind nicht bei allen Versicherungen beinhaltet.

Kann man nicht nachweisen (Wildschadensbescheinigung: Polizei/Jagdpächter), dass der Schaden am Fahrzeug durch den Zusammenstoß mit Wild oder infolge von Ausweich- oder Bremsmanövern entstanden ist, kann dieser über die Vollkaskoversicherung reguliert werden. Folge ist dann aber eine Rückstufung in eine ungünstigere Schadenfreiheitsklasse.

Wird der Schaden nicht durch das Wild direkt verursacht, sondern durch einen Ausweichversuch ohne Berührung mit dem Wild, kann ein Aufwendungsersatz („Rettungskosten“) von der Teilkaskoversicherung gefordert werden. In der Praxis ist es oft schwierig, das Ausweichmanöver nachzuweisen, wenn keine Zeugen den Vorfall beobachtet haben.

(Quelle: ADAC)

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