25.07.2021 - 14:07 Uhr
AmbergOberpfalz

Tochter soll dreifache Mutter getötet haben: Schock-Anruf in Amberg

Schock-Anruf bei Edith und Reinhard Walter aus Amberg: Ihre Tochter hat angeblich bei einem Autounfall eine dreifache Mutter getötet. Als von einer Kaution die Rede ist, wird das Ehepaar skeptisch. Dann machen die Betrüger einen Fehler.

Reinhard Walter steht dazu, dass er mit seiner Frau Edith beinahe auf einen Schock-Anruf hereingefallen wäre und erzählt die Geschichte, um andere potenzielle Opfer zu warnen. Sein Gesicht möchte der 71-Jährige aber nicht zeigen.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Es war ein ganz normaler Tag im Leben des Ehepaares Walter aus dem Amberger Stadtteil Krumbach. Zunächst. Edith (65) und Reinhard (71) freuten sich schon sehr darauf, ihre hochschwangere Tochter Anna, die in Nürnberg lebt, bereits in gut einer Stunde wiederzusehen. Die Walters packten an jenem Juli-Dienstag gerade ihre Siebensachen und wollten gegen 13 Uhr losfahren, als wenige Minuten zuvor das Festnetztelefon klingelte. Mit der guten Laune und der Vorfreude war es danach aber sehr schnell vorbei.

Reinhard Walter blickt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien zurück: „Wir wollen gerade los, als das Telefon klingelt. Ich schaue auf das Display. Da steht unbekannt. Ich nehme ab.“ Was dann geschah, stellte das Leben der Walters von einer Sekunde zur nächsten komplett auf den Kopf. Am anderen Ende der Leitung weinte eine Frau herzzerreißend. Sie schrie, schluchzte und war völlig außer sich: „Papa! Papa! Ich habe einen Unfall gehabt.“

Stimme „wirklich so ähnlich“

Laut Reinhard Walter klang die Stimme „wirklich so ähnlich“ wie die seiner Tochter. Seine erste Reaktion: „Um Gottes Willen.“ Das blieb natürlich seiner Frau Edith nicht verborgen: „Ich habe sofort an seinem Gesicht erkannt, es ist etwas Schreckliches passiert.“ Die 65-Jährige riss eigenen Aussagen zufolge ihrem Ehemann den Hörer aus der Hand, um selbst mit Anna zu reden. Was sich Edith Walter anhören musste, löste einen Schock aus: „Es wurde geweint. Geschrieen. Mama, ich habe einen Unfall gehabt. Ich habe einen Menschen totgefahren.“ Die Rentnerin habe vor lauter Aufregung keine Chance gehabt, zu erkennen, dass es sich bei der Anruferin nicht um die Tochter handelte: „Für mich war das die Anna.“ Nur ein paar Sekunden dauerte das Gespräch, in dessen Verlauf die angebliche Tochter auch sagte: „Ich bin bei der Polizei. Ich kann nicht reden. Ich gebe dir den Polizisten.“ Den Gedanken, dass Anna die eigene Mutter in einer Extremsituation am Telefon nie derart abwürgen würde, hatte die 65-Jährige nicht.

„Kann da nicht gleich klar denken“

Auch der Umstand, dass die Nummer der angeblichen Polizeistation nicht auf dem Display angezeigt wurde, machte Edith Walter nicht stutzig: „Man kann da nicht gleich klar denken. Der Verstand war wie vernebelt.“ Diesen Zustand wollte der Mann, der sich wenig später als Polizist ausgab, höchstwahrscheinlich für sich nutzen. Er nannte einen Namen und erzählte die Geschichte, dass die Tochter der Walters einen Verkehrsunfall verursacht habe, bei dem eine dreifache Mutter ums Leben gekommen sei. Die Tochter, deren Namen er nicht erwähnte, müsse vorerst bei der Polizei bleiben. Edith Walter erinnert sich noch ganz genau an die Worte des Mannes: „Es wird ermittelt und ein Strafverfahren eingeleitet. Ihre Tochter kommt in die JVA.“ Bis dahin zweifelten die fassungslosen Walters noch nicht an der Echtheit des Telefonats. Auf die Frage, wie es denn nun weitergehe, bekamen sie diese Antwort: „Es müsste eine Kaution hinterlegt werden. So zwischen 30.000 und 90.000 Euro.“

In diesem Augenblick kamen bei Edith Walter erste Zweifel auf. Das sei der Moment gewesen, in dem sie begonnen habe, etwas klarer zu denken. So fiel ihr auf, dass die Tochter nur für ein paar Sekunden mit ihr reden wollte. Bei der echten Anna wäre das wohl anders gewesen. Also machte Edith Walter ihren Verstand an und fragte nach: „Wo sind Sie denn?“, wollte sie vom Anrufer wissen. Die Antwort: „Polizeidirektion München.“

In Nürnberg, nicht in München

Folglich war klar: „Nein, das kann nicht unsere Anna sein. Sie ist nicht in München.“ Hätte der Pseudo-Polizist dagegen Nürnberg erwähnt, „wäre das Spiel wohl weitergegangen“, glaubt die Mutter, die aber nach der München-Info alles richtig machte. Zu dem vermeintlichen Freund und Helfer am anderen Ende der Leitung sagte sie: „So, jetzt geben Sie mir Ihre Nummer. Ich rufe Sie zurück.“ Was danach passierte, fasst die 65-Jährige in zwei Wörtern zusammen: „Zack. Aufgelegt.“ In diesem Moment fiel alles von den Walters ab, denn sie wussten: „Das ganze Unglück ist nur erfunden.“

Auf eine Anzeige gegen Unbekannt verzichteten die Walters, stattdessen meldeten sie sich beider Amberger Zeitung und Oberpfalz-Medien, um ihre Geschichte zu erzählen und potenzielle Opfer warnen zu können. Ihre Tipps haben wir in einem Infokasten auf dieser Seite zusammengefasst. Eine Frage aber bleibt offen: Wie kamen die Anrufer an die Daten des Ehepaares und woher wussten sie von der Tochter? Das wird die Familie wohl nie erfahren. Reinhard Walter kann nur vermuten: „Vielleicht war es auch einfach nur Zufall.“

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Hintergrund:

Das würden die Walters jetzt anders machen

Edith und Reinhard Walter haben lange überlegt, welche Tipps sie potenziellen Opfern von Schock-Anrufen geben können. Das sind die Ergebnisse des Ehepaares:

„Es fängt schon mit der unbekannten, unterdrückten Nummer an. Wir heben bei unbekannten Nummern nicht mehr ab. Das ist uns eine Lehre.“

„Wir hätten uns unsere Tochter nochmal geben lassen sollen, um sie zu beruhigen, mit ihr zu reden und um rauszuhören, ob sie es wirklich ist.“

„Wenn wir von dramatischen Vorfällen hören, sind wir jetzt erstmal grundsätzlich skeptisch. Man muss nicht alles sofort glauben, was einem erzählt wird.“

„Was uns hinterher bewusst geworden ist: Normalerweise ruft uns unsere Tochter vom eigenen Handy an, wenn etwas passiert ist. Das hätte sie in diesem Fall sicherlich auch getan.“

 

 

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