07.09.2018 - 09:22 Uhr
AmbergOberpfalz

Tragödie am Pannenstreifen

Er sagt mit leiser Stimme: "Ich komme nicht los davon." Seit vielen Jahren unfallfrei unterwegs und dann das: Auf der Autobahn 6 fährt der Mann mit seinem Lkw einen 63-Jährigen an. Der mit Wucht gerammte Amberger ist sofort tot.

Der Amberger hatte seinen Pickup (links) auf dem Pannenstreifen gestoppt, um nach dem Anhänger zu schauen. Dabei lief er um das Gespann herum und wurde von einem Sattelzug erfasst. Der Lkw-Fahrer bremste erst etliche Meter weiter und wusste zunächst nicht, was geschehen war.

(hwo) Der Unfall, geschehen am 4. September 2017, trägt den Stempel absoluter Seltenheit. Er geschah in Sichtweite des Rasthofs Oberpfälzer Alb (Gemeinde Illschwang) und hatte eine Vorgeschichte, die nun über Stunden hinweg bei der Amtsrichterin Julia Taubmann erörtert wurde.

Mit seinem Pickup-Wagen, an den ein Hänger gekuppelt war, hatte ein 63-jähriger Amberger morgens einen Freund in Kümmersbruck abgeholt. Dann fuhren beide auf die A6, um in Nürnberg Arbeiten zu verrichten. Beim Rasthof Oberpfälzer Alb drang plötzlich Qualm aus dem Anhänger. Der Fahrer stoppte deshalb am Pannenstreifen und stieg aus. Während sein Freund sitzen blieb und sich eine Zigarette drehte, ging der 63-Jährige zum Hänger, sah nach und geriet dabei allem Anschein nach in den Bereich zwischen durchgezogener weißer Linie und der rechten Fahrspur. "Ohne Warnweste und ohne eingeschaltete Blinkanlage", wie die Richterin später feststellte.

Aus Richtung Amberg näherte sich ein damals 51-Jähriger mit seinem zuvor in Hirschau beladenen Sattelzug. "Ich weiß bis heute nicht, warum ich den Mann übersehen habe", sagte der aus Sachsen stammende und vorher nie beanstandete Fernfahrer jetzt im Prozess. Der Lkw rammte den 63-Jährigen. Er war sofort tot.

Es gab einen Zeugen. Er folgte dem Sattelzug mit seinem Lastwagen und beobachtete aus etwa 300 Metern Entfernung, wie das schwere Fahrzeug "immer mehr nach rechts geriet". Er sah auch den Fußgänger, bemerkte dann den Aufprall und hielt am Unfallort an. Dort traf er auf den ebenfalls stoppenden Unfallverursacher und wurde gefragt: "Was ist denn passiert?" Seine Antwort: "Du hast jemanden gerammt."

Von einem Kfz-Sachverständigen hörte die Richterin, dass das Unglück durchaus vermeidbar gewesen wäre, "wenn er seinen Lkw mittig bewegt hätte". Von daher war die Schuld des heute 52-Jährigen beschrieben. Doch bestand eine Mitschuld des Getöteten? Die Richterin bejahte das in ihrem Urteil. Im Vorfeld hatte sie einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft, der auf eine Haftstrafe mit Bewährung lautete, nicht unterzeichnet und auf einer mündlichen Verhandlung bestanden.

In ihrem Plädoyer verlangte Staatsanwältin Julia Weigl 150 Tagessätze zu jeweils 40 Euro. Sie wollte auch ein dreimonatiges Fahrverbot verhängt wissen. Verteidiger Alexander Rietesel (Kromsdorf/Thüringen) hielt 90 Tagessätze Geldstrafe für ausreichend. Richterin Taubmann verhängte 90 Tagessätze zu je 50 Euro. Auf ein Fahrverbot verzichtete sie. "Ein Augenblicksversagen", beschrieb sie die fahrlässige Tötung. Dass das Opfer eine Mitschuld trug, stand für sie fest. Von daher wäre die Verhängung einer Freiheitsstrafe gegen den Lkw-Fahrer ihrer Meinung nach "völlig überzogen gewesen".

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