26.03.2019 - 17:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Überraschender Besuch läuft völlig aus dem Ruder

In den Gerichtsakten ist von Weihnachts-Wünschen und Hallo-Sagen die Rede. Bei diesem handgreiflichen Familienstreit geht es jedoch um etwas ganz anderes. Um was, damit möchten die Beteiligten nicht herausrücken.

Symbolbild
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Schnell wurde klar, dass in diesem Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Beleidigung viel geredet wird. Bloß nicht darüber, was eigentlich hinter diesem erbitterten Familienstreit steckt. Die beiden Angeklagten, 48 und 42 Jahre alt, sind ein Paar, Ehepaar. Doch das Wort Homosexualität fällt nie während der mehrstündigen Verhandlung. Auch nicht, als Strafrichter Markus Sand mehrfach insistiert, worum es eigentlich geht und weshalb es überhaupt so weit kommen konnte.

Keiner will es wissen, niemand will darüber sprechen. Nur der ältere Angeklagte, der seine sexuelle Orientierung in einer Kleinstadt im Landkreis offen und in jeglicher Hinsicht legalisiert lebt, deutet einmal an, "das ist eine traurige Geschichte". Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2017 standen plötzlich am Nachmittag drei seiner vier Geschwister an der Gartentüre und klingelten. In den Akten steht, sie hätten schöne Weihnachten wünschen wollen, was allerdings seit Jahrzehnten nicht mehr passiert war. Die auf beiden Seiten angespannte Situation eskalierte schnell.

Es fielen Beleidigungen, es flogen Fäuste, ein Elektroschocker streckte einen der Beteiligten kurz nieder, ein Küchenmesser wurde bedrohlich erhoben, Hunde wurden weggesperrt und ein schwerer Stein soll im Spiel gewesen sein. Zudem seien Homosexuelle diskriminierende Beschimpfungen gefallen. Doch auch das wird abgestritten wie viele, viele andere Details dieser heftigen Auseinandersetzung an der Gartentüre des Angeklagten. Eine gerufene Polizeistreife kehrte wieder um, weil Entwarnung gegeben worden war. Doch dann soll es laut den Ermittlungsakten erst richtig zur Sache gegangen sein.

Zahlreiche Widersprüche

Beweiskräftig klären ließ sich selbst nach einer dreistündigen Beweisaufnahme nur wenig. "Die Zeugen haben sich wohl in zahlreichen Gesprächen ihre eigene Geschichte zusammengereimt. Das müssen keine bewussten Falschaussagen sein", plädierte am Ende selbst die Staatsanwaltschaft für einen Freispruch. Kurz zuvor hatte eine der Schwestern ihre zahlreichen Widersprüche und einseitigen Erinnerungslücken damit erklären wollen, "das ist jetzt meine Traumatisierung". Sie hatte davon gesprochen, nach einem gemeinsamen Familienessen zu Weihnachten bei dem in der gleichen Kleinstadt mit seinem Ehepartner wohnenden Bruder, der nicht teilnahm, habe "einfach mal wieder vorbeischauen und Hallo sagen wollen". Und: "Dass er unsere Mutter in Ruhe lassen soll." Die Mutter lebt in einem Pflegeheim, und die Kinder hatten eine gerichtliche Auseinandersetzung darüber geführt, wer von ihnen mit in die Kostenpflicht genommen werden sollte. Das scheint der Auslöser des aktuellen Streits gewesen zu sein, nachdem der Angeklagte seine Mutter in der Einrichtung besucht haben und sie deshalb völlig irritiert gewesen sein soll. Mehr war vom Gericht nicht herauszufinden, weshalb es überhaupt zu dieser Auseinandersetzung gekommen ist.

"Trauriger Höhepunkt"

Am Ende schloss die Vertreterin der Anklage zugunsten der Beschuldigten "eine gewisse Notwehrsituation" nach einem potenziellen Hausfriedensbruch durch die drei ungebetenen geschwisterlichen Besucher nicht aus, und Rechtsanwältin Heidrun Schnappauf sprach von einem "traurigen Höhepunkt einer seit langem tobenden Familienstreitigkeit". Das Gericht schloss sich diesen Sichtweisen mit einem Freispruch an, und der angeheiratete Schwager betonte, sich in diese leidige Angelegenheit nie eingemischt zu haben. "Ich verstehe sie sowieso nicht."

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