25.10.2020 - 11:14 Uhr
AmbergOberpfalz

US-Wahl: "Das Rennen ist enger, als viele Deutsche glauben"

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Dr. André Haller (36) aus Sulzbach-Rosenberg ist Kommunikationswissenschaftler und analysiert den Wahlkampf in den USA. Biden-Fans muss er enttäuschen.

Dr. André Haller ist Hochschullehrer für Marketing, Kommunikationsmanagement und Digital Marketing an der Fachhochschule Kufstein Tirol.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Spannende Zeiten für einen Hochschullehrer für Marketing, Kommunikationsmanagement und Digital Marketing. Denn was gerade in den Vereinigten Staaten passiert und die die ganze Welt gebannt verfolgt, ist sein Leib- und Magenthema. Dr. André Haller aus Sulzbach-Rosenberg beobachtet jeden Winkelzug der Wahlkämpfer in den USA, schließlich ist der Schlagabtausch auch ein Tauziehen höchst professioneller Kommunikationsexperten. Hallers Analyse ist ernüchternd für alle, die glauben, die Wahl sei schon gelaufen.

ONETZ: Herr Haller, Hand aufs Herz: Diesmal ist doch klar, wie die Wahl ausgeht?

André Haller: Die gleiche Frage wurde mir 2016 auch gestellt und ich bleibe auch 2020 dabei: Es ist alles offen. Zwar liegt Biden in den landesweiten Umfragen und auch in entscheidenden Battleground States vorne, jedoch sind Umfragen nur ein Stimmungsbild. Tatsächlich ist das Rennen wohl enger, als viele Deutsche glauben.

ONETZ: Was müsste denn noch passieren, dass Biden die Wahl verliert?

André Haller: Dafür gibt's sogar einen Begriff: ein October-Surprise. Trump mobilisiert Stammwähler sehr stark und es können immer noch Skandale auftreten. Derzeit spielt die Trump-Kampagne ja die Geschichte um Biden und seinen Sohn sehr stark hoch. Er wirft beiden Korruption vor. Ähnlich war es 2016, wo Hillary Clinton zum Schluss des Wahlkampfs mit der E-Mail-Affäre kämpfen musste.

ONETZ: Dieser ominöse Laptop, der die Geschäfte von Bidens Sohn in ein schlechtes Licht rückt, ist das so ein "October Surprise"?

André Haller: Trumps Vorwurf, dass Biden korrupt sei und mit seinem Sohn in diffuse Geschäfte im Ausland steckt ist ein klarer Versuch, eine „October Surprise“ aufzubauen. Die Trump-Kampagne behauptet, dass ein Laptop von Bidens Sohn aufgetaucht sei, der Beweise für diesen Vorwurf enthält. Die Inhalte des Computers wurden zahlreichen US-Medien zugespielt, aber bisher zündet dieser Versuch noch nicht richtig. Sollten sich die Vorwürfe aber noch zuspitzen, kann das dem Präsidenten dienlich sein, wie 2016.

ONETZ: Trump hat sich beim letzten TV-Duell - auch Dank des stumm geschalteten Mikrofons - ja etwas gesitteter aufgeführt. Wird ihm das auf den letzten Metern helfen?

André Haller: Man kann Trump viel vorwerfen, aber er hat sich in der Debatte durchaus präsidial verhalten. Grundsätzlich waren beide Kontrahenten eher sachlich orientiert, obgleich Trump – auch aus strategischen Gründen – offensiver agierte. Die Mischung aus Angriff und Sachlichkeit muss er beibehalten, da es in dieser Wahl sehr viele gemäßigte Konservative gibt, die er verlieren kann. Zugleich muss er Stammwähler mobilisieren und das geht in seinem Fall am besten mit einer unverfälschten und direkten Art. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein enger Wahlausgang wird, in den letzten Tagen eines US-Wahlkampfs kann noch einiges passieren.

ONETZ: Trump twittert ja gerne. Was glauben Sie, wird er da professionell beraten oder macht er das aus dem Bauch heraus?

André Haller: Sowohl als auch. Bei professionellen Politikern werden Social-Media-Kanäle stets betreut. Die Frage ist, wie groß der Einfluss der Digital-Berater bei der Twitter-Aktivität Trumps ist. Einige der Tweets sind zweifelsohne direkt von ihm, das sah man ja nun jahrelang. Dass Trump hier oftmals autonom agiert muss, strategisch gesehen, nicht unbedingt ein Nachteil sein: Seine Tweets wirken oft sehr direkt und damit allzu menschlich.

ONETZ: Angenommen, Biden wird Präsident. Ist dann der US-Truppenabzug aus der Oberpfalz vom Tisch?

André Haller: Hier kann ich nur eine persönliche Einschätzung geben und die ist, dass es beim Abzug wahrscheinlich nicht nur um den Streit um die zu niedrigen Militärausgaben Deutschlands in der Nato geht, sondern dass sich die Globalstrategie der USA wohl weiter nach Osten orientiert. Ein Sieg Bidens ist, so meine ich, keine Garantie für einen Kurswechsel.

So hat André Haller den US-Wahlkampf 2016 analysiert

André Haller zu Desinformation auf Facebook und Co

Amberg

So verlief das letzte Fernsehduell der Kontrahenten

Deutschland & Welt
Info:

Essay zum Thema US-Wahl 2020

André Haller hat eine Analyse zum Wahlkampf 2020 in den Vereinigten Staaten unter dem Titel "Wahlkampagnen in Krisenzeiten - Die US-Wahl 2020" in der Zeitschrift "Politische Studien" (Seite 62, Heft 493, Jahrgang 2020) veröffentlicht. Die Publikation wird von der Hanns-Seidel-Stiftung herausgegeben.

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Kommentare

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Martin Greger

Danke für dieses aufschlussreiche Gespräch.
Ergänzend nur ein Detail: Adam Bennett Schiff hat vor 1 Woche behauptet, dass die Laptop-Geschichte eine neue/ weitere "Russia Collusion" als russische Wahleinmischung ist und dies "die Geheimdienste" bestätigen würden. Jetzt gab es aber ein Interview mit Skynews Australia und John Ratcliffe - Director of national Intelligence und der sagt wörtlich: Peter Schiff sagt NICHT die Wahrheit, die Geheimdienste können eine "Russia Collusion" ausschließen.
Interessant ist natürlich zu beobachten, wer über diese Aussage berichtet und wer nicht.
Es bleibt also spannend. Bitte mehr interviews mit Dr. Haller! :)

26.10.2020