01.05.2020 - 14:39 Uhr
AmbergOberpfalz

Soziale Medien und Corona: Das sollten Sie jetzt wissen

Ob Fernseher, Radio, Zeitung oder Internet: Beiträge rund um das Thema Coronavirus sind nicht mehr wegzudenken. Bei Facebook, Twitter oder Instagram macht sich das besonders bemerkbar. Doch: Wie geht man als Nutzer damit richtig um?

Viele Menschen verbringen viel Zeit im Internet und in sozialen Netzwerken. Die Coronakrise hat das noch verstärkt.
von Michelle BalzerProfil

Langweile, Sorgen, fehlende soziale Kontakte oder einfach nur ein gewisses Mitteilungsbedürfnis: Es gibt viele Gründe, sich in Zeiten von Corona verstärkt im Internet und in sozialen Netzwerken aufzuhalten. Lustige Videos, knifflige Rätsel, Posts vom eigenen Essen oder die Aufforderung, alte Bilder von sich zu veröffentlichen: Die Nutzer werden kreativ und bieten viele Möglichkeiten, sich untereinander auszutauschen. Und davon wird auch Gebrauch gemacht.

Laut André Haller, aus Sulzbach-Rosenberg stammender Hochschullehrer für Kommunikationsmanagement und Digital Marketing an der Fachhochschule Kufstein in Tirol, lässt sich seit der Coronakrise eine stärkere Mediennutzung feststellen: "Vor ein paar Wochen war Social Media für viele nur ein Begleitmedium. Nun gibt es teilweise Leute, die den gesamten Tag davor sitzen." Er hat bemerkt, dass Nutzer jetzt anders auf Beiträge reagieren: "Die Leute sind aufmerksamer und gehen schneller auf Dinge ein, die auf Facebook oder Twitter geteilt werden. Besonders auf negative Inhalte wird leichter reagiert."

Alexander Unger, Online-Redakteur bei Oberpfalz-Medien, ergänzt: "Allgemein ist die Alarmstimmung einfach höher. Die Krise dominiert das Leben und damit auch die Gedanken und Gefühle. Wir wollen über die Dinge reden, die uns bewegen und beschäftigen. Deshalb reagieren die Menschen auch leichter auf Beiträge, die damit zu tun haben und stellen selbst auch mehr zu dem Thema online." Laut Unger werden Inhalte, die sich auf die Krise beziehen, verstärkt wahrgenommen. Deshalb wirke es so, als gäbe es keine anderen Nachrichten: "Die Startseiten im Internet spiegeln das momentane Leben wider. Wenn zum Beispiel Fußball-Weltmeisterschaft ist, dann ist auch alles voll mit Beiträgen zur Weltmeisterschaft." Diese Menge an Texten und Bildern könne verunsichern und auch überfordern. Ein weiterer negativer Effekt, den diese Meldungen mit sich bringen, sind laut Haller die digitalen Desinformationen: "Das sind falsche Nachrichten, die eigentlich keine große Reichweite hätten. Aber dadurch, dass sie immer weiter verbreitet und von vielen Menschen gelesen werden, werden sie womöglich auch häufiger geglaubt." Alexander Unger betont, dass es das schon immer gab. Doch: "Nun fallen sie verstärkt auf, da mehr Personen die Plattformen nutzen." Von den Betreibern werde gegen derartige Meldungen nur wenig unternommen, da sie laut Haller möglichst viele Menschen so lange wie möglich auf ihrer Seite behalten wollen: "Mit reißerischen Überschriften und dubiosen Inhalten werden die Benutzer dann gefangen, bleiben lange auf dem Beitrag und glauben ihn vielleicht auch noch. Plattformbetreiber gehen zwar seit einiger Zeit dagegen vor, dennoch sind immer noch viele Desinformationen online."

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Wie man damit umgehen soll weiß Alexander Unger: "Als erstes sollte sich wirklich immer die Frage gestellt werden, wo die Information herkommt. Was ist das für ein Unternehmen? Von wo sind die?" Außerdem gilt: "Je marktschreierischer der Artikel wirkt, desto mehr Vorsicht ist geboten." Haller ergänzt, dass dieser Aspekt nicht vergessen werden darf: "Sie wollen die Leute mit Bildern oder Geschichten emotional packen. Denn dann liegt der Fokus auf der Geschichte oder dem Bild und nicht auf der Wahrheit." Als Beispiel nennt Haller die Bilder von leeren Regalen: "Die Fotos haben eine gewisse Wirkungsmacht und verbreiten Angst, dass nicht mehr aufgefüllt wird. Sie zeigen aber nur einen Ausschnitt der Realität und nicht die komplette Wahrheit, denn am nächsten Tag ist meist alles wieder aufgefüllt." Erkennt man solche Beiträge oder fehlerhafte Infos bei Freunden, Bekannten oder auch Personen, die man nicht persönlich kennt, sollte man sich laut Alexander Unger immer fragen: "Wie würde ich reagieren, wenn das jetzt in einem Café passieren würde? Stimmt man mit einer Meinung oder einer Aussage nicht überein, sagt man offline, was einem nicht passt. So sollte man auch online mit Menschen reden."

Das Recht, zu sagen: "Du lügst!"

Dafür sei die Kommentarfunktion die erste Anlaufstelle. Ziel sollte nicht sein, Menschen zu überreden und zu zwingen von ihrer Meinung abzusehen, sondern ihnen eine neue und andere Sichtweise anzubieten. Unger: "Gerne kann auch in den Kommentaren nach der Quelle oder dem entsprechenden Institut gefragt werden, damit man weiß, von wo die Info kommt. Wichtig ist aber: Der Dialog, der dabei entsteht, ist eigentlich nicht zwingend für den Verfasser des Beitrags gedacht, sondern bringt vor allem den Menschen etwas, die den Beitrag einfach nur mitlesen. So kann man viel mehr Personen erreichen, als man zunächst denken mag."

Das Melden derartiger Beiträge bringe in den meisten Fällen nichts, da sie nur gelöscht werden, wenn es sich um extreme Inhalte wie Gewaltdarstellungen oder Pornografie handelt. Alexander Unger vertritt die Ansicht, dass "jeder ein Recht auf seine eigene Meinung hat. Auch wenn das bedeutet, dass jeder ein Recht auf eine falsche Meinung hat. Das Recht aller anderer Nutzer, die, die es besser wissen, ist es, demjenigen, der falsch liegt, zu sagen: Du lügst!" André Haller rät: "Wenn man sich permanent über eine Person oder eine Seite aufregen muss und man dadurch stets verunsichert ist, sollte man sich überlegen, Abstand zu gewinnen. Da kann es helfen, die Seite nicht zu besuchen oder den Freund von der Freundesliste zu entfernen."

Fühlt man sich dennoch überfordert, tut es einem laut Unger gut, nicht zu lesen, was im Internet passiert: "Man sollte sich auch fragen, wie viele Informationen man selbst wirklich braucht. Ich denke, wir alle müssen lernen, auch mal Dinge zu überlesen und sich nicht verrückt zu machen. Mein persönlicher Rat ist es, sich in der Menge zu beschränken und nur auf verlässliche Quellen zurückzugreifen."

Beispiel Fußgängerzone

Als Beispiel nennt er die Amberger Fußgängerzone: "Wir gehen ja auch nicht in jeden Bäcker- oder Handyladen und sehen uns um, oder? Es wird einfach vorbeigegangen und teilweise auch gar nicht registriert. So sollte das auch online sein. Man muss einfach mal vorbeigehen können." Besonders hilfreich seien hier psychische Widerstandskraft, Gelassenheit und das Zurückschrauben von Emotionen, empfiehlt André Haller: "Vielleicht sollte man abends auch mal nur die Tagesschau oder die Tageszeitung am nächsten Tag lesen, statt dass man sich den ganzen Tag mit verschiedenen Artikeln im Internet beschäftigt." Neben den negativen Effekten gebe es aber auch positive Auswirkungen. Haller berichtet von Beiträgen, die die Nutzer vermehrt teilen: "Mit witzigen Videos oder Rätseln versuchen die Menschen sich abzulenken und teilen Dinge, die sich von den meisten Nachrichten komplett abheben. Momentan gibt es auch viele Facebook-Gruppen, bei denen sich die Menschen in der Stadt gegenseitig helfen."

Online-Redakteur Unger nennt diese Gesten Perlen: "Jeden Tag finde ich diese tollen kleinen Perlen, die häufig untergehen in dem negativen Haufen. Das können Hilfsangebote sein, Lob, Dankbarkeit oder auch einfach Anteilnahme. Besonders für diese positiven Sachen ist Social Media gemacht." Für ihn sind soziale Medien ein wichtiges Mittel, besonders in Corona-Zeiten: "Social Media kann helfen, das Leiden durch das Fehlen von direktem Kontakt ein wenig in den Hintergrund zu rücken. Es ist natürlich kein Ersatz für die Kommunikation und die Nähe von Angesicht zu Angesicht, aber es kann helfen, sich vielleicht nicht so allein zu fühlen."

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