13.12.2019 - 10:12 Uhr
AmbergOberpfalz

Wie verhalte ich mich richtig bei einem Unfall auf der Autobahn?

Erst kürzlich erlebte ein Lkw-Fahrer auf der A6 bei Ursensollen das Horrorszenario: Er hat einen Unfall und niemand hält an. Oberpfalz-Medien hat bei der Verkehrspolizei nachgefragt, wie sich Autofahrer bei einem Unfall korrekt verhalten.

Unfall auf der A6 bei Ursensollen: Lkw kippt und fast keiner hält an.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Der Lkw-Fahrer war mit seinem Sattelschlepper von der Fahrbahn abgekommen und drohte eine Böschung hinabzurutschen. Der einzige Ersthelfer teilte seinen Unmut über die Zurückhaltung der anderen Autofahrer mit Oberpfalz-Medien.

Ursensollen

Oft stecken Unsicherheit und die Angst, etwas falsch zu machen, hinter der fehlenden Hilfeleistung. Polizeirat Tobias Mattes, Leiter der Verkehrspolizei Amberg (VPI), beantwortete deshalb gemeinsam mit Polizeihauptkommissar Josef Roidl, stellvertretender Leiter der Autobahnpolizeistation Schwandorf, die Fragen von Oberpfalz-Medien zum richtigen Verhalten bei einem Unfall auf der Autobahn.

Unfallprävention und Aufklärung hat bei der Verkehrspolizei (VPI) Amberg höchste Priorität. Deshalb standen der Leiter der VPI, Polizeirat Tobias Mattes (rechts) und der stellvertretende Leiter der Autobahnpolizeistation Schwandorf, Polizeihauptkommissar Josef Roidl, im Gespräch mit Oberpfalz-Medien Rede und Antwort.

ONETZ: Wie hält man am besten auf einer Autobahn an, wenn etwas passiert ist?

Josef Roidl: Wenn es geht, nicht am Beschleunigungsstreifen, sondern irgendwo im Bereich der Standspur, so weit rechts wie möglich. Dann den Warnblinker rein und beim Aussteigen aufpassen. Notfalls über die Beifahrerseite in Richtung Leitplanke. Im Idealfall hat man die Warnweste direkt im Auto und kann sie vor dem Aussteigen anziehen. Dann muss die Unfallstelle mit dem Warndreieck abgesichert werden. Am besten 200 bis 400 Meter davor, damit die anderen Autofahrer reagieren können. Dann hinter die Leitplanke stellen und versuchen, den Verkehr auf den Unfall aufmerksam zu machen. Anschließend den Notruf absetzen und sich um Verletzte kümmern. Eins muss auf der Autobahn ganz klar sein: Absicherung geht vor Hilfeleistung.

Tobias Mattes:
Bei allem, was man tut, immer den Verkehr im Blick haben.Wenn man eine Panne hat, die Räder nach rechts in Richtung Leitplanke einschlagen. Sollte ein anderes Auto in die Unfallstelle krachen, fliegt das Auto in die Richtung der Räder. Zudem sollte man immer einen Sicherheitspuffer zwischen dem eigenen Fahrzeug und der Unfallstelle halten.

ONETZ: Eine Leserin berichtete, dass sie eine Strafe zahlen musste, weil sie im Eifer des Gefechts vergessen hatte, die Warnblinkanlage einzuschalten.

Josef Roidl: Das ist formell schon korrekt. Der Warnblinker gehört in jedem Fall dazu. Aber diese Verwarnungen liegen im Ermessen der Beamten vor Ort, was in diesem Fall wohl eher unsensibel war. Für eine genaue Einschätzung sind aber in diesem Fall zu wenige Details bekannt.

ONETZ: Kann man generell belangt werden, wenn man an einer Unfallstelle etwas falsch macht?

Josef Roidl: Das Schlechteste, was Sie machen können, ist, nichts zu machen. Die Verpflichtung an einer Unfallstelle zu halten, ist gesetzlich geregelt. Tun Sie das nicht, ist es im schlimmsten Fall unterlassene Hilfeleistung. Das Mindeste, was Sie machen können, ist, den Notruf zu wählen. Wichtig ist, dass Sie helfen wollten: Dann kann Sie auch niemand belangen. Und wenn Sie nur mit den Verletzten reden, das ist ja auch schon Erste Hilfe. Es reicht oftmals, dass jemand weiß: "Da ist jemand und mir wird geholfen".

ONETZ: Wie verhalte ich mich am besten, wenn ich in einer Situation Bedenken habe, anzuhalten? Zum Beispiel, wenn man als Frau nachts alleine unterwegs ist?

Tobias Mattes: In der heutigen Zeit hat wohl jeder sein Smartphone dabei. Deshalb anrufen. Damit ist schon viel getan. Geben Sie durch, wo der Unfall passiert ist. Dazu finden sich alle 500 Meter kleine blaue Schilder mit einer Kennzahl. Auf diesen steht der Name der Autobahn, der Kilometer und eine Station.

ONETZ: Was kann ich tun, wenn ich gerade keinen Empfang habe oder mein Handyakku leer ist?

Tobias Mattes: Wenn Sie keinen Empfang haben, sollten Sie trotzdem versuchen, 110 oder 112 zu wählen. Durch die Notrufnummer wählt sich Ihr Handy automatisch in das stärkste Netz ein, das vor Ort ist. Ihre Sim-Karte wird sozusagen inaktiv, auch wenn Sie eigentlich bei einem anderen Netzanbieter sind. Sie bekommen automatisch das stärkste Netz. In 99 Prozent der Fälle können Sie so trotzdem einen Notruf absetzen.

Josef Roidl:
Wenn Sie nicht genau wissen wo Sie sind, oder der Akku leer ist, sollten die klassischen orangefarbenen Notrufsäulen erste Anlaufstelle sein. Dadurch weiß die Einsatzzentrale sofort, wo Sie sich befinden. An den weißen Leitpfosten am Straßenrand befinden sich kleine schwarze Pfeile, die anzeigen, in welche Richtung Sie laufen müssen.

ONETZ: Und was genau sage ich, wenn ich einen Notruf absetze?

Josef Roidl: Wo Sie sind und was passiert ist. So können die Kollegen in der Einsatzzentrale den Unfall zuordnen und im Hintergrund alles einleiten.

Tobias Mattes:
Sie können auch nichts vergessen. Sobald Sie mit Ihren Angaben fertig sind, ist das Wichtigste, abzuwarten. Wenn es offene Fragen gibt, wird der Kollege am Telefon gezielt danach fragen. Die Leute in der Einsatzzentrale sind auch entsprechend geschult, um Sie bei der Ersten Hilfe anzuleiten, Schritt für Schritt. Sie brauchen als Ersthelfer also keine Angst zu haben, ganz alleine zu sein.

ONETZ: Was sollte man unter keinen Umständen bei einem Unfall auf der Autobahn tun?

Josef Roidl: Nicht auf der Fahrbahn herumturnen, geschweige denn dunkel angezogen. Auf gar keinen Fall am Standstreifen rückwärts fahren, um die Unfallstelle abzusichern. Und nicht planlos handeln. Immer zuerst absichern, das ist das A und O. Sie können nicht helfen, wenn andere in die Unfallstelle fahren.

Tobias Mattes:
Gerade nachts müssen Sie auf sich aufmerksam machen. Denken Sie dabei an Ihr Handy als Taschenlampe. Leuchten Sie entweder die Autos oder auch sich selbst an. Oftmals sehen gerade Lkw-Fahrer die Reflektion von Warnwesten nicht, weil der Fahrer zu hoch sitzt. Wenn Sie aber sich selbst anleuchten, können auch Lkw-Fahrer sie sehen.

ONETZ: Ein aktuelles Thema: Gaffen an Unfallorten. Wie ist die Straflage momentan?

Tobias Mattes: Gaffen geht gar nicht. Die aktuelle Straflage reicht von Ordnungswidrigkeiten über Straftaten bis zu zivilrechtlichen Folgen. Für das Fotografieren oder Filmen eines Unfalls kann eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren fällig werden. Durch das Verbreiten der Unfallbilder im Internet kann es zu Schadensersatzforderungen kommen. Für die unterlassene Hilfeleistung kann ebenfalls eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr in Frage kommen.

Josef Roidl:
Eine Sanktion, die darüber hinaus meistens möglich ist, ist das Bedienen des Handys beim Fahren. Ansonsten muss man es auch ein bisschen relativieren. Nicht jeder, der langsam an einer Unfallstelle vorbeifährt, ist ein Gaffer. Da muss man einen Mittelweg finden. Natürlich sollen die Autofahrer zügig, aber mit gemäßigter Geschwindigkeit an einer Unfallstelle vorbeifahren.

ONETZ: Um es zum Schluss noch einmal festzuhalten: An einer Unfallstelle nicht anzuhalten ist keine Option, oder?

Josef Roidl: Ja, das ist völlig unverständlich. Jeder soll anhalten. Es sei denn, es stehen schon zehn Autos dort und es ist offensichtlich, dass schon geholfen wird. Die Autobahn ist ja auch kein Parkplatz und jedes Auto, das anhält, ist auch ein Risiko. Aber wenn ich anhalte, kann ich nichts falsch machen. Nur wenn ich nicht anhalte, habe ich schon etwas falsch gemacht.

Nach einem Unfall zuerst die Gefahrenstelle mit einem Warndreieck absichern.
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