25.08.2020 - 15:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Verschwundene Post: "Kann doch alles kein Zufall sein?"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Der Artikel über die verschwundenen Kondolenzbriefe einer Amberger Familie hat unsere Leser beschäftigt. Weitere haben sich gemeldet, weil auch bei ihnen Post nicht oder viel später beschädigt ankam. Die Reaktion der Post war stets ähnlich.

AZ-Leser haben sich bei uns gemeldet, nachdem wir über eine Amberger Familie berichtet hatten, die noch immer auf Kondolenzbriefe von Verwandten wartet. Auch sie hatten Probleme, um an ihre Post heranzukommen.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Am 26. Februar 2019 lag der pinkfarbene geöffnete Umschlag im Briefkasten von Monika Granitzer. An der Stelle, wo normalerweise eine Briefmarke klebt, war ein großes Eck herausgerissen, ein durchsichtiger Umschlag mit einem maschinell erstellen Schreiben der Deutschen Post lag ebenso darin wie die Glückwunschkarte zu Ostern. Knapp ein Jahr zuvor hatte eine ehemalige Kollegin von Monika Granitzer das Briefkuvert aufgegeben. Zu Ostern 2018 kam es in Kastl nicht an.

Meinrad Weiß aus Parkstein berichtet, dass seine Tochter seit ihrem Geburtstag im April noch immer auf Glückwünsche der Tante mit 50 Euro wartet, ebenso sollte der Enkel zum Abitur im Juni 50 Euro und eine Glückwunschkarte aus Schnaittenbach erhalten. „Das kann doch alles kein Zufall sein?“, fragt Weiß.

Leser wenden sich an AZ-Redaktion

Einige AZ-Leser haben sich an die Redaktion unserer Zeitung gewendet, weil sie den Artikel über die verschwundenen Kondolenzbriefe an eine Amberger Familie einige Tage zuvor gelesen hatte. Sie alle erzählen, dass bei ihnen Post in den vergangenen Monaten nicht ankam.

Kondolenzschreiben kommen nicht bei trauernder Familie an

Amberg

Der Witwe, die noch immer auf tröstende Briefe und Wünsche der Verwandten wartet, will Monika Granitzer sagen: „Vielleicht treffen die Briefe bei ihr auch nach einem Jahr ein. Hoffentlich vollständig und nicht demoliert.“ Die Reaktion der Post auf die Beschwerde, auch die kann Granitzer bestätigen: „So etwas kann schon mal passieren. Das war die lapidare Antwort einer Mitarbeiterin.“

Monika Granitzer ist auch nach mehr als einem Jahr verärgert: Ihre Osterpost von 2018 kam völlig beschädigt im Februar 2019 bei ihr an. Als sie von den verschwundenen Kondolenzbriefen einer Ambergerin in unserer Zeitung las, meldete sie sich bei uns ebenfalls.

Doch Granitzer fragt sich: „Wo war ein Jahr lang der Brief?“ Und das fehlende Eck am Umschlag: „Die Briefmarke war ohne Stempel herausgerissen. Ich frage mich: Wer hat Interesse an einer 80-Cent-Briefmarke?“ Oder habe man es vielleicht eher auf „den Inhalt“ des pinkfarbenen Briefes abgesehen? Dabei sei gar kein Geld im Umschlag gesteckt. Merkwürdig findet die Kastlerin, dass die Wünsche an ihre beiden Freundinnen, denen sie stets zu besonderen Anlässen schreibt, ebenfalls erst nach einem Jahr ankamen – „mit dem gleichen Schreiben der Post“.

Darin schreibt der Kundenservice: „Die beigefügte Briefsendung können wir Ihnen erst heute zustellen. Sie wurde während der Briefsortierung in einer unserer Maschinen beschädigt/verschmutzt. Das tut uns sehr leid, bitte entschuldigen Sie die dadurch entstandenen Unannehmlichkeiten.“

Testbriefe an Tochter und Nachbarbuben

Julia Speeter aus Amberg meldete sich ebenfalls bei uns. Auch sie hatte in den vergangenen Monaten Probleme mit der Zustellung ihrer Post. Ein Brief ihrer Mutter aus Kastl an die Tochter im März kam nie an, ebenso ein Glückwunschschreiben aus Würzburg im April. Zum Geburtstag im Mai lag der Umschlag „ein kleines Stück aufgeschnitten“ im Briefkasten. „Als hätte jemand geschaut, ob er Geld rausnehmen könnte.“

Speeter wollte es jetzt genauer wissen und schickte zwei Testbriefe an ihre Tochter und den Nachbarsjungen los. „Ich wollte schauen, ob sie auch nicht ankommen.“ Zu den Empfängernamen schrieb sie „An das Geburtstagskind“, klebte Kindersticker auf den weißen Umschlag und „um richtig fies zu sein, habe ich ein Zettelchen hineingelegt, der wie ein Geldschein gefaltet war“. Das traurige Ergebnis ihres Tests: nichts kam an.

Speeter beschwerte sich bei der Post, ließ nach den Briefen suchen. „Ich fühlte mich überhaupt nicht ernst genommen. Teilweise ist das Personal richtig pampig geworden.“ Man riet ihr, zur Polizei zu gehen. „Aber ich hatte ja keinen Schaden. Zum Glück war kein Geld in der Post.“ Verärgert war Speeter trotzdem. „Das Vertrauen ist weg.“

Security-Dienst informiert

Vor einigen Wochen erhielt sie einen Brief der Deutschen Post, dass die Suche ohne ein Ergebnis eingestellt worden ist. Und sie erreichte eine Mail des Kundenservice in Bonn: „Wir nehmen es nicht hin, dass unsere Kunden die uns anvertrauten Sendungen nicht oder nur in Teilen erhalten. Deshalb haben wir die örtlichen Security-Spezialisten informiert und mit einer internen Prüfung des Vorfalls beauftragt. Sicher haben Sie Verständnis dafür, dass wir über Einzelheiten unserer Sicherheitsmaßnahmen keine Auskunft geben.“

Post-Sprecher Erwin Nier bedauert die Vorfälle – vor allem den tragischen Fall der trauernden Familie aus Amberg. Er verspricht, den fehlenden Kondolenzbriefen noch einmal nachzugehen und nachzuforschen. Die Witwe hofft, dass wenigstens ein kleiner Teil der Post vielleicht doch noch auftaucht.

Seit Februar 2019 ist bei Monika Granitzer kein Brief mehr abhanden gekommen. „Ich schreibe mit meinen ehemaligen Kolleginnen jetzt Nachrichten übers Handy.“

Nachgefragt:

Erwin Nier ist Sprecher bei der Deutschen Post DHL. Er erklärt, wie sein Konzern mit verschwundenen Briefen umgeht und warum man lieber kein Kleeblatt auf einen Umschlag kleben sollte.

  • Welche Möglichkeiten hat die Post sich auf die Suche nach verschwundenen Briefen zu machen?
    Post-Sprecher Erwin Nier: Die Deutsche Post DHL befördert pro Werktag rund 55 Millionen Briefsendungen. In diesem Massengeschäft lassen sich Sendungsverluste nie vollständig vermeiden. Sobald wir jedoch von Kunden entsprechende stichhaltige Hinweise erhalten, wird umgehend unsere eigene Security-Abteilung eingeschaltet und je nach Sachverhalt auch die Polizei.
    Während für gewöhnliche Briefsendungen kein Haftungsanspruch besteht, denn Einlieferung und Auslieferung sind nicht nachweisbar, lassen sich nachzuweisende Sendungen, wie etwa Einschreiben durch einen individuellen Identcode auf dem Transportweg einzeln verfolgen. Das versetzt uns in die Lage, bei Verzögerungen oder Sendungsverlust, mögliche Fehler und Schwachstellen schneller zu finden und Verbesserungen einzuleiten. Für den Schutz der uns anvertrauten Sendungen haben wir sowohl in unseren Sortierzentren als auch beim Transport entsprechende Vorkehrungen getroffen, um möglichen kriminellen Handlungen vorzubeugen beziehungsweise aufzuklären.
  • Wie oft kommt es vor, dass Briefe und Kuverts verschwinden? Gibt es dazu interne Erhebungen?
    Nier: Die Zahlen liegen im kaum messbaren Promillebereich.
  • Hat die Post eine Idee, wohin die Briefe verschwinden?
    Nier: Um nicht reinen Spekulationen Tür und Tor zu öffnen, beantworten wir derartige Fragen gerne anhand konkreter Beispiele. Laufwege und Bearbeitungsstellen können konkret recherchiert werden, wenn wir mindestens die Empfängerangabe und noch besser auch die Absenderanschrift wissen. So lässt sich der Weg eines Briefes mitunter doch nachvollziehen und eventuell vorhandene Schwachstellen und Fehlerquellen feststellen.
  • Sind "dicke" Briefe oder farbige Umschläge besonders problematisch?
    Nier: Bei der Außengestaltung von Briefen und Paketen raten wir unseren Kunden stets von auffälliger Kennzeichnung ab, welche Rückschlüsse auf den Inhalt zulässt. So können Hinweise in der Anschrift wie An das Geburtstagskind oder aufgeklebte Bilder und Symbole, wie ein Kleeblatt, zu entsprechenden strafbaren Handlungen verleiten.
    Bei farbigen Umschlägen kommt noch das Problem hinzu, dass der für die Weiterleitung erforderliche Strichcode am unteren Ende des Briefumschlags nicht deutlich oder manchmal gar nicht mehr von den Lesegeräten der Verteilmaschinen erfasst werden kann. Dies kann zu Verzögerungen bei der Bearbeitung führen.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.