11.10.2018 - 11:20 Uhr
AmbergOberpfalz

Im Wahn Rettungssanitäter angegriffen

Der Sanitäter, der im Einsatz ist, muss sich selbst retten. Rein zufällig mit Nahkampferfahrungen gerüstet, wehrt er die Messerattacke eines Mannes ab, dem eigentlich geholfen werden soll. Der Angreifer handelt im psychogenen Wahn.

Symbolbild
von Autor HWOProfil

Die Schizophrenie begann vor neun Jahren. Seither hätte ein heute 32-Jähriger regelmäßig Medikamente einnehmen müssen. Doch das tat er oft nicht. Zumindest, wie die Erste Strafkammer des Landgerichts nun feststellte, seit der Frührentner sein Zimmer in einer Amberger Wohngemeinschaft bezog. "Eigentlich ein ganz umgänglicher Mensch", sagten seine Mitmieter.

Stimmen im Kopf

Im Oktober vergangenen Jahres hörte der 32-Jährige nach eigener Aussage plötzlich eine Stimme in seinem Kopf, die ihm befahl, einen Zimmernachbarn zu schlagen. Die Schizophrenie war durchgebrochen und er tat, wie geheißen. Dann geschah Zweierlei: Der Geisteskranke, dessen Wohnraum von ihm selbst zuvor verwüstet worden war, bat um Entschuldigung und ersuchte dringend darum, einen Rettungswagen zu alarmieren. Lichte Momente, die er vor Gericht sehr präzise schilderte. "Es ging mir immer schlechter."

Die BRK-Sanitäter trafen wenige Minuten später an dem Haus in der Innenstadt ein. Einer von ihnen begab sich hinauf in den ersten Stock zu dem Patienten und sah sich sofort in eine hoch gefährliche Situation verwickelt: Der 32-Jährige stand fünf Meter entfernt auf dem Gang, erbat sich vor dem Abtransport noch einige Augenblicke Zeit, kam aus seinem Zimmer mit einem langen Küchenmesser zurück, hielt es über dem Kopf und stürmte damit auf den 50-jährigen BRK-Mann zu. Der Zufall wollte es, dass der Rettungssanitäter auch Kampfsportler war. Er wehrte die Attacke geschickt ab und überließ den kurz darauf eintreffenden Polizeibeamten das weitere Einschreiten. Der Täter wurde festgenommen, er kam ins Bezirkskrankenhaus. "Eine glückliche Fügung", wie die Strafkammervorsitzende Roswitha Stöber sagte. Denn der Angriff hätte auch tödlich enden können.

Dauerhafte Gefahr?

In einem Sicherungsverfahren drohte dem 32-Jährigen nun die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt. Darüber wurde lange diskutiert. Denn ein solcher Schritt ist gravierend und er kann gleichsam "lebenslänglich" bedeuten. Der 32-Jährige, zwischenzeitlich bei den Eltern in Regensburg wohnhaft, beschrieb in seiner Vernehmung, wie er angesichts nicht erfolgter Medikamenteneinnahme von Stimmen gepeinigt werde und er war sich dessen bewusst, dass eine Schizophrenie nicht heilbar ist.

Die Richter hörten einen psychiatrischen Sachverständigen. Der Mediziner zeigte sich skeptisch: Der Mann stelle eine dauerhafte Gefahr für die Allgemeinheit dar, wenn er die ihm verordneten Arzneien ignoriere und dazu auch nicht zu Terminen gehe, bei dem ihm monatlich eine sogenannte Depot-Injektion gespritzt werde. Nur wenn das absolut gesichert sei, könne man eine dauerhafte Unterbringung zur Bewährung aussetzen. Die Erste Strafkammer gab dem 32-Jährigen eine Chance. Sie ordnete zwar die Einweisung in die Forensik an, setzte sie aber zur Bewährung aus. Das wurde mit zahlreichen Weisungen wie der regelmäßigen Medikamenteneinnahme und zweiwöchentliche Besuche in der ambulanten Sprechstunde der Regensburger BKH-Psychiatrie verbunden. Außerdem wurde der Frührentner einer Führungsaufsicht und einem Bewährungshelfer unterstellt. Damit entsprachen die Richter den Anträgen von Staatsanwalt Wolfgang Doblinger und Verteidiger Jörg Jendricke.

Während des Verfahrens hatte sich der Eindruck verfestigt, dass da einer saß, der mit Intelligenz versehen ist und ratlos einer Krankheit gegenüber steht, die sich mehr und mehr seiner bemächtigt. "Deswegen müssen Sie begreifen, dass es ohne Medikamente wohl bis zu ihrem Lebensende nicht gehen wird", sagte Stöber.

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