21.01.2020 - 16:42 Uhr
AmbergOberpfalz

Waldkindergarten: Nur den Himmel als Dach

Was unterscheidet einen Waldkindergarten von einem normalen Kindergarten? Der Erzieher und Kinderpfleger Markus Linsmeier erklärt die Vorteile von „viel Luft“ und raren Türklinken.

Mittlerweile ein Waldkindergarten-Veteran: Paul Peters, damals ein sechs Jahre altes, entdeckungsfreudiges Vorschulkind bei den Schwandorfer "Schwanenkindern".
von mvsProfil

Kinderpfleger und Erzieher Markus Linsmeier (28), geboren in Weiden, wohnhaft in Schmidgaden, hat in einem Privatkindergarten in Regensburg und mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen gearbeitet, bevor er durch Empfehlung zum Schwandorfer Waldkindergarten in Richt kam. Seit September 2019 leitet er den Waldkindergarten in Immenstetten bei Amberg, angeregt und gefördert von der Firma Baumann, getragen vom Bayerischen Roten Kreuz.

ONETZ: Wie kam es zur Gründung des Amberger Waldkindergartens?

Markus Linsmeier: Die Firma Baumann wollte seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Betriebskindergarten anbieten, der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert. Das BRK ist als Träger mit eingestiegen. Baumann stellt das Grundstück und Bauwagen zur Verfügung, die bei schlechtem Wetter und während der flexiblen Abholzeit genutzt werden. Dafür bekommt die Firma eine Anzahl von Kindergartenplätzen zur Verfügung gestellt.

ONETZ: Wie sieht der Tagesablauf aus?

Markus Linsmeier: Ab 7.30 Uhr können die Kinder, wetterfest gekleidet und mit Brotzeit im Rucksack, zum Sammelplatz im Industriegebiet Nord gebracht werden. Um 8.30 Uhr gehen wir zu Fuß in den Wald. Das ist nicht weit, aber für die Beine von Zweijährigen sind auch ein paar Hundert Meter eine ganz schöne Strecke.

ONETZ: Was wird im Wald gemacht?

Markus Linsmeier: Einen Morgenkreis, wie man ihn auch aus anderen Kindergärten kennt. Beispielsweise mit Aufzählen, wer alles da ist, welche Jahreszeit wir haben, welches Datum und ein Lied. Nach der Brotzeit ist Zeit fürs freie Spielen, wobei wir an unterschiedlichen Tagen bestimmte Angebote machen. Montags wird experimentiert, dienstags kann die Portfolio-Mappe gestaltet werden, mittwochs steht unter dem Motto „Wandern und Bewegung“, donnerstags ist die Wald- und Wiesenküche und etwas für die Vorschulkinder dran und freitags machen wir eine Entspannungsrunde. Nach dem Mittagessen geht es zurück, um spätestens 16 Uhr wird das letzte Kind geholt.

ONETZ: Klingt durchgetaktet ...

Markus Linsmeier: (lacht) Nein, da ist nur Struktur drin. Zum Beispiel die Portfolio-Mappe: Das ist eine Entwicklungsmappe vom Kind fürs Kind, in der alles Mögliche drin sein kann. Zum Beispiel erzählen die Kinder in eigenen Worten, was sie gemacht haben und was ihnen besonders gefallen hat. Wir schreiben es für sie auf, damit sie später mal durchblättern und sich erinnern können. Wer mag, kann für die Kräuterwanderung eine Urkunde bekommen, oder wir pressen ein besonders schönes Blatt. Jede Mappe ist sehr individuell. Und das Spielen sowieso.

ONETZ: Also keine Regeln, alles wild?

Markus Linsmeier: Freilich nicht. Wir sind an den bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan gebunden. Und auch wenn im Wald manches wilde Spielgebrüll wie Nichts nach oben verfliegt, wissen unsere Kinder auch, dass wir Rücksicht auf andere nehmen müssen, wie die Tiere im Wald. Wir sind ja ein Wald-, kein Schreikindergarten. Und man sollte auch nicht alles essen, und nie ungewaschen.

ONETZ: Was überrascht Erzieherinnen und Erzieher, die zum Schnuppern kommen?

Markus Linsmeier: Oft wie ruhig es bei uns ist und wie harmonisch die Kinder miteinander spielen. Es gibt weniger Anlass sich zu streiten, weil es nicht nur das eine Ding – zum Beispiel DAS rote Auto gibt. Äste sind genügend da. Die werden aber erst interessant, wenn man etwas aus ihnen macht, sie schleppt und aufschlichtet zum Beispiel. Dafür ist ein Team gut, und das will gebildet werden. Die Kleinen schätzen die Kraft der Großen, und die Großen sind stolz, wenn sie die Kleinen miteinbeziehen können. Fantasie, Ausdauer, Konzentration spielen immer und wie nebenbei eine große Rolle. Dabei zuzusehen ist auch für uns Erzieher sehr wertvoll.

ONETZ: Was gefällt Ihnen noch?

Markus Linsmeier: Ich bin selbst gern viel draußen – was die Grundlage für diesen Beruf ist. Und mir gefällt, wie wenig die Kinder krank sind, weil sie erstens ein gutes Immunsystem entwickeln und weil es kaum Gelegenheiten gibt – wie Türklinken und so weiter – wo sich Viren und Bakterien auf das nächste Opfer stürzen können. Und ja, schon auch die Ruhe. In einem normalen Kindergarten mit Wänden und Dach ist der Lärmpegel oft enorm und eine große Belastung.

ONETZ: Was gefällt Ihnen nicht?

Markus Linsmeier: Der Markt für Erzieherinnen und Erzieher ist wie leergefegt, dabei könnten wir gut Verstärkung gebrauchen. Wer sich vorstellen kann viel draußen zu sein und Kindern beim Wachsen zuzusehen, mit viel Freiraum und Kreativität, ist uns herzlich willkommen.

Hintergrund:

Profi-Tipps für wildes Spielen

Rudolf Hettich, seit 25 Jahren als Umweltpädagoge in die naturnahe Gestaltung von über 450 Kindergärten involviert, war 2017 für einen Vortrag in Schwandorf zu Gast. Seine Meinung zu Lego: „Das ist fertiges, hoch technisches Spielmaterial, das zwar faszinierend aussieht, aber der Kreativität wenig bis nichts bietet.“ Seine Grundhaltung: „Ein Kind trägt einen unsichtbaren Rucksack, in dem alles ist, was es braucht. Je vielfältiger die Umgebung ist, desto mehr wird es beim Entdecken aus seinem Rucksack zaubern.“ Für vielfältige Spielräume braucht es nicht viel: Hecken zum Verstecken, eine Strickleiter im Baum, eine ausgehobene Grube mit daneben einem Hügel, Steine, Sand und Bretter, Röhren, Stöcke, Laub und Kisten für gesammelte Vorräte, Ausflüge ans Wasser, in den Wald und in der Nacht zum Sterneschauen. „Weniger Konsum, mehr Erschaffen und das Vertrauen in die Kraft dieses ,Urspiels’.“ (mvs)

Waldkindergärten in der nördlichen Oberpfalz:

Die Idee von einem Kindergarten mit dem Himmel als Dach wurde in den 1950er Jahren in Dänemark geboren und hat sich von der visionären Idee Weniger in den 1980ern zum angesagten Erziehungskonzept für Einige heute entwickelt. Auch an vielen Flecken der Oberpfalz sprießen die Orte, an denen sich vermummte Zwerge zwischen zwei und sieben Jahren mit Rucksäcken auf dem Rücken und Tatendrang im Herzen sammeln, wie die Pilze aus dem Boden. Ein kurzer Überblick, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn mancher Kindergarten ist nicht nur geographisch (am alten Bahnhäuschen links in den Wald), sondern auch online schwer zu finden: „Schwanenkinder“ in Schwandorf/Richt (BRK); Baumann-Kindergarten „Waldforscher“ in Amberg/Immenstetten (BRK, siehe Hauptartikel); bei Auerbach, Eschenbach und Weiden (jeweils Learning Campus gGmbH), die „Haselstrolche“ in Stifterslohe bei Sulzbach-Rosenberg, die „Waldfüchse“ in Waldershof, der „Räuberwald“ in Kainsricht bei Amberg (BRK) und die „Wilden Wichtel“ im Staatsforst Michlbach bei Vohenstrauß (h+b learning GmbH). Interessierten Eltern empfiehlt Erzieher Markus Linsmaier: „Einfach anrufen, etwas ausmachen und mit dem Kind vorbei schauen – ob es ihm Spaß macht oder nicht, zeigt sich dann bald. Manchen liegt’s gar nicht, anderen sehr.“ (mvs)

Keine Wände, kein Dach: Ein Kindergarten inmitten der Natur schafft Raum für Spiel, Lärm und Gedanken.
Die "Waldforscher" vom Waldkindergarten in Immenstetten bei Amberg in Bewegung - hier gestellt für die Kamera, sonst aus eigenem Antrieb.
Markus Linsmeier, Leiter des Waldkindergartens „Waldforscher“ in Amberg/Immenstetten.

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