Die bisherigen Mieter der Häuser mit der Postadresse Pfistermeisterstraße 65 und 67 werden den Tag so schnell nicht vergessen, an dem sie erfuhren, dass die in der Schweiz ansässige Norim Immobilienverwaltungs-GmbH Großes vorhat. Der Gesellschaft, die über eine Niederlassung in Nürnberg verfügt, gehörten in Amberg die beiden Hochhäuser am Fuße des Mariahilfbergs. Als Norim im vergangenen Jahr per Rundschreiben mitteilte, beide Häuser sanieren zu wollen, freuten sich die Mieter zunächst, doch dann machte die Meldung die Runde, die Gesellschaft wolle alle 64 Einheiten in Eigentumswohnungen umwandeln und verkaufen.
In einem Exposé, in dem Norim die zwischen 45 und 48 Quadratmeter großen Wohnungen bewarb und das Oberpfalz-Medien vorliegt, war von einem Kaufpreis von rund 130 000 Euro und von zu erwartenden Mieteinnahmen von 9,50 Euro pro Quadratmeter die Rede. Für die meisten der Mieter, die aktuell 6,80 Euro pro Quadratmeter zahlen, wäre das finanziell nur sehr schwer zu stemmen gewesen, was ein Bewohner im Januar bestätigte: „Als Rentner kannst du dir das ja gar nicht leisten.“ Zudem gab es Befürchtungen, Käufer könnten gleich oder eines Tages Eigenbedarf anmelden und die Mietverhältnisse kündigen.
So weit kam es durch den Verkauf an das Wohnungsbau und Siedlungswerk Werkvolk eG, das eigenen Angaben zufolge einen größeren siebenstelligen Betrag in die beiden Hochhäuser investiert hat, aber nicht. Mehr noch: Alle Mieter erhielten lebenslanges Nutzungsrecht. Jetzt geht das Werkvolk in Absprache mit der Stadt Amberg noch einen Schritt weiter. Das Unternehmen bot die 14 schon vor dem Ukraine-Krieg leerstehenden Wohnungen Flüchtlingen an, um ihnen ein neues Zuhause zu gegeben. Laut Wolfgang Erb, dem Kaufmännischen Werkvolk-Vorstand, sind mittlerweile zwölf Erwachsene, ein Kind und ein Hund eingezogen. Verteilt auf sechs Wohnungen. Bei den Erwachsenen handele es sich größtenteils um Ältere.
Problem: Keine Küchen
Da es in beiden Häusern ausschließlich Zwei-Zimmer-Wohnungen gibt, sei es nicht ratsam, größere Familien unterzubringen. Die Genossenschaft stoße hier zwangsläufig rein räumlich an ihre Grenzen. Doch das war und ist laut dem Technischen Werkvolk-Vorstand Steffen Schulze gar nicht das große Problem, denn es gab ein noch gravierenderes: In den für die Ukraine-Flüchtlinge vorgesehenen Wohnungen gab es keine Küchen. „Günstige und sofort verfügbare“ Exemplare mussten erst noch auf Kosten der Genossenschaft angeschafft und eingebaut werden. Das Unternehmen habe aber sofort reagiert und für Abhilfe gesorgt. Damit nicht genug. Laut eigenen Angaben legte das Werkvolk eine eigene Datenbank für verfügbare Gebrauchtmöbel an, „damit diese im Bedarfsfall ebenso bereitgestellt werden können“, sagt Steffen Schulze und ergänzt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien, dass aktuell nicht vermietbare Wohnungen aus dem Bestand als Lager genutzt werden können.
Am Mittwoch, 4. Mai, besuchte Schulze mit Torsten Wolf, dem Teamleiter Vermietungen, ein älteres Ehepaar, das seit 1. Mai an der Pfistermeisterstraße 67 wohnt. Zwar noch ohne Gardinen an den Fenstern, aber ansonsten komplett ausgestattet und glücklich. Auch, weil Tatjana ihren 62. Geburtstag feierte. Ihr Mann Wladimir war auch deswegen gut gelaunt und trotz der Fluchtumstände für einen kleinen Scherz zu haben: „Schreib’, dass ich 18 oder 19 Jahre alt bin“, wollte der 64-Jährige dem Zeitungsredakteur in den Block diktieren.
Dreifache Mutter hilft
Gerade in Situationen wie diesen fühlt sich Alona Baumbach bestätigt. Die dreifache Mutter kam vor 29 Jahren selbst in der Ukraine auf die Welt. Sie lebt seit dem Jahr 2000 in Amberg und kümmert sich seit Beginn der Krieges um die Sorgen und Nöte ihrer Landsleute, die in Amberg angekommen sind. „Nur durch die gute Zusammenarbeit mit Frau Baumbach und der Stadt Amberg war ein reibungsloser Ablauf möglich“, betont Wolfgang Erb, der jedoch weiß, dass diese Art der schnellen und unbürokratischen Hilfe auch ihre Grenzen hat. In Häusern wie den beiden an der Pfistermeisterstraße 65 und 67 dürfe das bestehende soziale Gefüge nicht gesprengt werden.
Alona Baumbach, die als Dolmetscherin fungiert und den Ukrainern unter anderem bei Behördengängen und der Arbeitssuche hilft, weiß das und formuliert es so: „Es macht keinen Sinn, alle leeren Wohnungen mit Ukrainern zu belegen. Es gibt auch Einheimische, die dringend Mietwohnungen benötigen.“ Steffen Schulze sieht es nicht anders, wenngleich er etwas relativiert: „Es gibt da jetzt keine klaren Grenzen. Aber wir haben eine Warteliste, und die arbeiten wir ab. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Unabhängig von der Herkunft.
Das Werkvolk habe aber nicht nur die beiden neu gekauften Häuser an der Pfistermeisterstraße im Blick, sondern den gesamten Bestand. Zu diesem zählen 1400 Wohnungen in Amberg, Hirschau und Nabburg. Weitere 1084 gibt es in Regensburg und Neutraubling. Laut Schulze wird zum 1. Juni eine dreiköpfige Familie aus der Ukraine an der Schwindstraße in Amberg eine Werkvolk-Wohnung beziehen.
An einem Tag alles geklärt
Als Schulze das am Mittwoch bekanntgab, fühlte sich Baumbach ein weiteres Mal darin bestätigt, das Richtige getan zu haben. Denn sie war es, die im April den Kontakt zum Wohnungsbau und Siedlungswerk in Amberg hergestellt und nach Wohnungen für Ukrainer gefragt hatte: „Es ging alles sehr unbürokratisch und absolut reibungslos über die Bühne. Ich habe bei Torsten Wolf angerufen und innerhalb von nur einem Tag hatten wir alles geklärt.“ Der beim Werkvolk für die Vermietungen zuständige Teamleiter nickt: „Für uns war sofort klar, dass wir das so machen.“














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