09.02.2020 - 10:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Wrestling in Amberg: Akrobatik, Applaus und ein maskiertes Monster

Dreieinhalb Stunden atemlose Action im Musikomm: Zum ersten Mal findet eine Wrestling-Veranstaltung in Amberg statt. Ein halsbrecherischer Abend voller Show-Einlagen sorgt für stehende Ovationen beim Publikum.

Hängt ein Wrestler in den Seilen, geht es oftmals erst richtig los.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Der Stargast des Abends wiegt in etwa so viel wie fünf Kühlschränke. Oder Vitali und Wladimir Klitschko zusammen. 220 Kilogramm, verteilt auf 1,90 Meter Körpergröße. Alex Walmsley heißt er im bürgerlichen Leben. Wohnort: Manchester im Nordwesten Englands. Seine Jobs in der Banken- und Versicherungsbranche hat er aufgegeben, heute tritt er unter dem Namen Crater, "The Monster", als Wrestler an. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Am Samstagmorgen ist er in Frankfurt gelandet. Um vier Uhr nachmittags steht er im Musikomm Amberg. Und so monströs sieht er gar nicht aus. Klar, vier Zentner lassen sich schwer verbergen. Mit Brille und Zottelbart sitzt er entspannt in den Stuhlreihen, während um ihn herum emsiges Treiben herrscht.

Es war ein Fest für alle Wrestling-Fans, hier sind die Eindrücke davon

Mehr Entertainment als Sport

Die erste Wrestling-Veranstaltung in Amberg verlangt den Organisatoren alles ab. Dort, auf dem Parkett vor der Bühne, wo sich normalerweise Stuhlreihe an Stuhlreihe drängt, ist ein quadratischer Wrestling-Ring aufgebaut, etwa vier mal vier Meter misst er. Die New European Championship Wrestling (NEW) aus dem mittelfränkischen Heßdorf organisiert den Event. Zum ersten Mal bieten sie Wrestling abseits der heimischen Halle an. Dass ausgerechnet Amberg als Auftakt-Station fungiert, ist Christian Adamczyk zu verdanken. Der Amberger ist selbst aktiv und will Wrestling seiner Heimatstadt näherbringen. Man müsse "unvoreingenommen rangehen und sich darauf einlassen", sagt Adamczyk im Vorfeld. Ob die Oberpfälzer sich daran halten? Wrestling ist eine Schaukampf-Sportart. Mehr Entertainment als Sport, gewürzt mit einer Prise Verrücktheit und geprägt von klaren Gut-Böse-Schemata. Da die guten, edelmütigen Helden, dort die brutalen Provokateure. Die scheinbar gewalttätigen Aktionen im Ring sind alle gestellt. Was bleibt, ist Unterhaltung, eine schier atemlose Hatz von Kampf zu Kampf. Janine D., ebenfalls in Amberg geboren und Wrestlerin seit vielen Jahren, ist sich sicher: "Die Leute sind heiß darauf." Zwar seien die Oberpfälzer "ein eigentümliches Völkchen" und vorsichtig gegenüber Neuem, aber "jetzt ist die Zeit reif für Wrestling in Amberg".

Gegen 17 Uhr strömen die ersten Gäste in den Saal. Innerhalb weniger Minuten sind fast alle Sitzplätze besetzt. Stehplätze hinter den Stühlen mit günstiger Sicht sind heiß begehrt. Am Andrang, das ist schnell klar, mangelt es nicht. Das Publikum ist bunt gemischt, alle Altersgruppen sind vertreten. Auffällig ist die hohe Zahl der Kinder, die mit ihren Eltern gekommen sind. 200 Sitzplätze gibt es. In der zweiten Reihe sitzt Emma Adamczyk, Christians Mutter. Klar könne sie sich etwas schöneres als Wrestling für ihren Sohn vorstellen, gibt sie zu. Aber sie sei da "eben reingeworfen" worden. Ob sie ein bisschen stolz ist, dass ihr Sohn Wrestling nach Amberg gebracht hat und auch noch selbst im Ring steht? "Megastolz", sei sie. "Hoffentlich wird es ein voller Erfolg."

Gelungener Auftritt für den Lokalmatatdor

Nach stundenlanger Vorbereitung geht es endlich los. Eine Glocke erklingt, aus den Musikboxen wummern die Bässe. Der erste Kampf ist ein Team-Match mit je drei Wrestlern auf beiden Seiten. Nach wenigen Minuten fliegen die ersten aus dem Ring – und zwar wortwörtlich. Das krachende Geräusch, mit dem ein Kontrahent scheinbar brutal auf die Matte geschmettert wird, bestimmt den ganzen Abend.

Der Amberger Christian Adamczyk will seine Heimatstadt für Wrestling begeistern

Amberg

Dann ist Christian Adamczyk an der Reihe. Im wehenden, violetten Mantel betritt er die Bühne. In silberner Schrift ist Gromow auf seinem Tank-Top zu lesen. Yuri Gromow lautet sein Ringname. Das Publikum skandiert lautstark seinen Namen. Der Amberger grinst. So hat er sich seinen Auftritt in der Heimat sicher ausgemalt. In seinem Duell gegen "Hans von Krupp" geht es um den NEW-internen Titel World Internet Champion. Nach 20 Minuten intensiven Kampfes und einigen spektakulären Flugeinlagen reckt Adamczyk seine Trophäe in die Höhe. Wie beim Boxen bekommen Wrestler einen Gürtel überreicht.

Zeit zum Durchschnaufen bleibt dem Publikum nicht. In rascher Reihenfolge finden weitere Schaukämpfe statt: Zwei gegen zwei, ein Street-Fight, der sich größtenteils um den Ring herum abspielt, und das Duell um den Titel World Tag Team Champion. Auch hier sind zwei Oberpfälzer dabei: Maverick Cross und John Drake. Unter tosendem Applaus und "Oberpfalz"-Rufen steigen die zwei als Sieger aus dem Ring. Kurz darauf ist Pause. Zeit für Fotojäger. Besonders die Oberpfälzer Wrestler sind begehrt. Viele junge Fans drängen sich für ein Selfie nach vorne. Für John Drake ist der Abend bisher "einfach geil. Die Stimmung ist der Wahnsinn." Emma Adamczyk muss jetzt viele Hände schütteln, sie strahlt. "Er hat sich super geschlagen", sagt sie über ihren Sohn und wirkt gerührt.

220 Kilogramm britische Wucht

Nach der Pause sind die Mädels dran. In einem Dreier-Match treffen sie aufeinander. Janine, die gebürtige Ambergerin, tritt in schwarzer Lederkluft auf. Der Kampf steht denen der Männer in nichts nach, die drei Damen werfen sich durch den Ring und katapultieren einander in die Seile. Am Ende geht die Österreicherin "Slammerella" als Siegerin aus dem Kampf heraus. Kurze pinke Haare hat sie. Als sie auf die Bühne kommt, bläst sie Seifenblasen durch den Saal. Für einen extravaganten Auftritt scheint im Wrestling immer Zeit. Die Akteure spinnen stets ihre ganz eigenen Geschichten um ihr fiktives Wrestling-Ich. Der Fokus liegt immer auf dem Unterhaltungswert für die Zuschauer.

Um 21 Uhr wird es unruhig im Publikum. Das letzte Duell. Es geht um die World Heavyweight Championship, also den Meister im Schwergewicht. Obwohl: Schwergewichte sind sie eigentlich alle. Kaum einer der Männer wiegt unter hundert Kilogramm. Auf den wuchtigen Briten Crater waren trotzdem die Wenigsten vorbereitet. Immerhin wiegt er das Doppelte seines heutigen Gegners. Seine Brille hat er abgelegt, sein Bart sprießt gerade noch unter der grünen Maske hervor, die er sich übers Gesicht gezogen hat. "Eine Maske ist immer besonders furchterregend. Du weißt nicht, was sich dahinter verbirgt", erklärt er.

Als er in den Ring steigt, ächzt der Mattenboden. Nachdem er seinen – im Vergleich – schmächtigen Gegner "Boris Pain" mehrfach durch den Ring geschleudert hat, steigt er auf die Seile und brüllt kehlig. Die Zuschauer sind nicht auf seiner Seite. Für den Briten ist Wrestling wie eine Rolle in einem Film. "Manchmal spielt man eben den Bösen. Solange ich die Leute damit begeistern kann, ist das in Ordnung für mich", sagt er. Nach einem kräftigen Tritt geht er trotzdem zu Boden. Die Menge johlt. Klar, am Ende muss einer der Guten gewinnen. Wie es sich für eine Geschichte eben gehört. "Boris Pain" präsentiert stolz seinen Gürtel. Crater, der Koloss aus England, stapft unter den Buhrufen der Zuschauer davon. In wenigen Stunden muss er zurück nach Großbritannien, der nächste Kampf wartet. Diesmal in Birmingham.

"Bis nächstes Jahr"

Und Amberg? Als die Veranstaltung vorbei ist, scheint es fast, als würden die Zuschauer aus einem Traum, aus einem Zustand der Trance erwachen. Dreieinhalb Stunden lang haben sie gekreischt, gebuht, Namen skandiert und ihre Favoriten angefeuert. Mit dem letzten Glockenschlag ist der Vorhang gefallen. Der Nebel aus Gewalt, Gebrüll und Wut lichtet sich. "Beim Wrestling kann man etwas erleben, vor allem Emotionen, die man sonst nicht rauslassen kann", beschreibt ein Fan die Faszination. Wie geläutert stehen Wrestler und Zuschauer nun gemeinsam im Vorraum des Musikomm, plaudern, trinken oder kaufen Merchandise. Wieder werden eifrig Fotos geknipst.

Der nächste Event der Liga findet Anfang April in Eichstätt statt. Ob es eine Rückkehr nach Amberg gibt? Nach dem heutigen Abend scheint das durchaus möglich. Der Kommentator schloss immerhin mit den Worten: "Bis nächstes Jahr." Genügend Lokalhelden gibt es jetzt.

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