27.07.2018 - 11:27 Uhr
AmbergOberpfalz

Zukunft für den Lokschuppen

Der Geruch von Kohle-Rauch hängt in Balken und Wänden. Seit mehr als 40 Jahren stehen hier keine Dampfloks mehr, doch auf einmal entstehen Bilder von mächtigen Lokomotiven, die hier einst zischend auf ihren Einsatz warteten.

Die mehr als 100 Jahre alte Drehscheibe im Vordergrund funktioniert bereits wieder, der Lokschuppen dahinter ist in einem elenden Zustand. Doch noch kann er gerettet werden. In einem ersten Schritt will der Verein Amberger Kaolinbahn das Dach abdichten. Spenden höchst willkommen.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

In seinem "richtigen" Leben ist Matthias Gruschwitz Hautarzt, Professor Dr. Gruschwitz, um korrekt zu sein. Doch hier ist er nur der Matthias. Und als Matthias Gruschwitz lebt er seine Leidenschaft für die Eisenbahn. Er ist 2. Vorsitzender des Vereins Amberger Kaolinbahn (AKB), der auf dem Gelände bei der ehemaligen Drehscheibe am Galgenbergweg sein Heim gefunden hat. Dort steht auch das Gebäude, das Matthias Gruschwitz und seinen Mitstreitern so sehr am Herzen liegt - der ehemalige Lokschuppen.
Vor acht Jahren taten sich 14 Eisenbahn-Enthusiasten zusammen und gründeten den Verein Amberger Kaolinbahn mit zwei Zielen: regelmäßige Fahrten auf der Kaolinstrecke nach Schnaittenbach anbieten und Erhalt des Bahnbetriebsgeländes in Amberg. Ziel eins liegt nach vielversprechenden Anfängen erst einmal auf Eis. Die horrenden Kosten für die Abnahme der Strecke machen die Sonderfahrten praktisch unmöglich.
Umso intensiver haben die Hobby-Eisenbahner ihren anderen Wunsch im Blick. Das Gelände rund um den Lokschuppen soll ein kleines und feines Museum werden. Matthias Gruschwitz sitzt zwischen Unmengen von Büchern, Zeitschriften und Relikten der goldenen Eisenbahnzeit im AKD-Büro und erzählt, dass vor einigen Monaten Bewegung in die Sache gekommen ist. Da war zunächst die ungeklärte Frage des Grundstücks, auf dem Lokschuppen und Drehscheibe stehen. Die Bahn wollte gewinnbringend verkaufen, die Stadt Amberg günstig erwerben.

Für 25 Jahre

Die Frage, wer für die Beseitigung der Altlasten aufkommen muss, machte die Verhandlungen nicht leichter. "Die Stadt hatte noch nie Glück mit der Bahn", sagt Gruschwitz. "Auch in historischen Zeiten nicht." 2014 übernahm völlig überraschend die Familie Stadler das Areal von der Bahn AG, nachdem die zugesagt hatte, für die Dekontamination geradezustehen. Vor kurzem haben die Eigentümer mit dem Verein eine Nutzungsvereinbarung über 25 Jahre für die rund zwei Hektar abgeschlossen, um die es den Kaolinbahnern geht. Damit eröffnen sich Perspektiven. Plötzlich rentiert es sich, den Verfall der Gebäude aufzuhalten und den Traum vom Museum zu leben.
Und noch etwas ist passiert. In Regensburg musste der Verein Regensburger Straßen-, Walhalla- und Eisenbahnfreunde (RSWE) sein Areal am alten Hafen räumen. Aber wohin mit den zahlreichen Fahrzeugen und Waggons, die zur Sammlung gehören? Hilfe kam aus Amberg. Zwei der Lokomotiven wurden inzwischen auf das Gelände der Amberger Eisenbahner gebracht, der Rest soll folgen. Kurzum: Die Regensburger verlagern ihre Originale möglichst allesamt nach Amberg, die beiden Vereine gehen eine enge Kooperation ein.
Und schon ist ein Projekt geboren, das Museum der Oberpfälzer Industriebahnen. Mit einem engen Bezug zur Montangeschichte der Region und keine Konkurrenz zu den offiziellen Eisenbahnmuseen. Was fehlt, sind ein renovierter Lokschuppen, eine funktionierende Drehscheibe und die Gleise, um die ganzen Exponate ab- und ausstellen zu können. Matthias Gruschwitz springt auf, zieht sein Vereins-T-Shirt an und stürmt zur Drehscheibe. Ursprünglich 1914 von der Nürnberger Firma Spaeth für Regensburg gebaut, wurde sie 1940 in Amberg platziert. 165 Tonnen Tragkraft halten sogar die ganz großen Dampfbrummer aus.

Absolute Rarität

Eine Besonderheit, eine Rarität. Und sie funktioniert. Zwei Studenten der OTH haben sie im Rahmen einer Studienarbeit generalüberholt. Der Lokschuppen dahinter würde das auch dringend brauchen. Zumindest das Dach sollte mal dicht sein. "Im Augenblick ist es noch zu retten", sagt Matthias Gruschwitz und nennt eine Summe von 200 000 bis 250 000 Euro, die dafür nötig wäre. Mindestens. "Die Stadt würde uns finanziell unterstützen", sagt er. Konkret sieht das so aus, dass für jeden Euro, den der Verein an Spenden bekommt, die Stadt vier Euro dazu gibt. Daher braucht der Verein auch Spenden von Privatleuten und Firmen. Ein entsprechender Spendenaufruf ist ergangen, Quittungen können selbstverständlich ausgestellt werden.
Jetzt geht es endlich in den Lokschuppen. Fünfständig ist er, wie Matthias Gruschwitz erklärt, also mit fünf Türen. Damit fällt er für normale Verhältnisse relativ klein aus. Doch die fehlende Größe wird hier zum Vorteil. Die Kosten für die Sanierung und den späteren Unterhalt würden im Rahmen bleiben, zumal der Verein ohnehin ganz viel in Eigenregie machen würde. Und da ist er, der Geruch nach Kohlenrauch. Der Blick nach oben fängt sich in schwarzgeräucherten Balken und schweift leider auch zum blauen Himmel über Amberg. Unübersehbar sind die Schäden in der Konstruktion, zum Glück sind aber noch die meisten der Holzbalken in ordentlichem Zustand.
Die stählernen Kolosse, die einst dampfend auf der Strecke zwischen Nürnberg und Amberg Passagiere, Stahl oder Kaolinsand transportiert haben, wurden hier gewartet oder einfach nur unter Feuer gehalten, um sie am Morgen ohne Probleme wieder hochfahren zu können. Um das Jahr 1975 herum dürfte hier die letzte Dampflok gestanden haben, danach diente der Lokschuppen noch ein paar Jahre als Stellplatz für dieselgetriebene Fahrzeuge.
1985 erlebte die Drehscheibe beim 150-Jährigen der Eisenbahn in Deutschland noch einmal eine kurze Renaissance. Noch einmal drehten sich hier die schweren Dampflokomotiven, die vor die Sonderzüge gespannt werden. Danach war dann Schluss, die Gleise wurden entfernt, um hier Bahnbusse unterstellen zu können. Inzwischen sind die aber auch längst verschwunden, das Gebäude modert nur noch vor sich hin.
Aber vielleicht, so hofft Matthias Gruschwitz, wird es ja etwas mit dem eigenen Museum. Und bei allen Widrigkeiten hat er sich wohl noch nicht endgültig von dem Gedanken verabschiedet, dass eines Tages doch noch eine dieser mächtigen Dampflokomotiven fauchend und rauchend auf der alten Drehscheibe stehen wird. Der Verein Amberger Kaolinbahn hätte sicher nichts dagegen.

Noch immer riecht es im Innern des Schuppens nach Kohle-Rauch. Leider regnet es an einigen Stellen des Daches herein, dadurch nehmen die Balken Schaden, die derzeit noch gut in Schuss sind.

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