23.12.2018 - 14:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Mit der Zwölferin in die Mette [mit Video]

Ein tiefes Fis kündet von dem Kind, das im Stall von Betlehem geboren wurde. Die drittschwerste Glocke im Turm von St. Martin - die Zwölferin - läutet am Montag um 22.15 Uhr das Weihnachtsfest ein.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Video vom Besuch in der Glockenstube

Die Klangwolke, die sich 15 Minuten vor Beginn der Christmette über die Altstadt bis hinauf zum Mariahilfberg ausbreitet, hat einen recht banalen Ursprung. Mesner Thomas Pesold drückt einen kleinen Plastikschalter, der einen Elektromotor in Bewegung setzt. Sekunden später beginnt die rund eine Tonne schwere Glocke im Gebälk des Turmes zu schwingen.

Seit mehr als 500 Jahren - und in diesem halben Jahrtausend fast jeden Tag - erklingt die Zwölferin über Amberg. Im Jahr 1515 hat sie ein Glockengießer aus Nürnberg geschaffen. "Wir wissen nur, dass er Hans hieß", sagt Professor Martin Kellhuber, Glockensachverständiger des Bistums Regensburg über den alten Meister. "Hans II., genauer gesagt. Er war Spross einer ganzen Glockengießer-Dynastie."

Dieser Mann hat es vermocht, 1000 Kilogramm von mehr als 1100 Grad heißem, flüssigem Metall in einer genau berechneten Zusammensetzung millimetergenau so zu formen, dass auch 500 später noch ein Fis erklingt, wenn ein Klöppel auf den Schlagring trifft - die Zwölferin, sie ist ein Werk für die Ewigkeit. Genauso zeitlos ist die Umschrift. In gotischen Minuskeln steht auf der Glocke geschrieben: "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott". Ihren Namen hat die Zwölferin von der Läutzeit. Sie ertönt morgens, mittags und abends als Angelusglocke.

Die Zwölferin ist sowohl von ihren Ausmaßen, als auch von ihrer Geschichte her imposant. Doch die päpstliche Basilika beherbergt noch beeindruckendere Glocken - sie sind nur gerade stumm. Aktuell läuten von den neun Glocken lediglich die Zwölferin und die mit 150 Kilogramm relativ leichte Messglocke. Bei Trauergottesdiensten und anderen besonderen Messen kommt noch die Sterbeglocke zum Einsatz. Sie wiegt immerhin 400 Kilogramm.

Sechs Glocken schweigen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die größte, die im Gebälk hängt, darf seit der Turmsanierung nicht mehr schlagen: Die Herrenglocke, die sich mit einem Gewicht von 3,5 Tonnen und einem Durchmesser von 1,76 Metern im Vergleich zu den anderen geradezu riesig ausnimmt. Hans III. aus Nürnberg hat sie 1537 gegossen - im Auftrag von Pfalzgraf Friedrich II. Sie muss vorerst stumm bleiben, weil sich herausgestellt hat, dass ihre Schwingungen auf Dauer die Statik des ganzen Turmes gefährden.

Das bleibt nicht so, versichert Stadtpfarrer Thomas Helm. "Wir haben ein Gutachten in Auftrag gegeben, das Lösungen aufzeigt", sagt er. Der Sachverständige des Bistums ist zuversichtlich, dass das klappt. Die Schwingungen der Glocke müssten mit denen des Bauwerks in Einklang gebracht werden. Bei vielen Türmen sei dies schon gelungen. "Man muss sich das so vorstellen, wie bei einer Brücke, auf der Menschen im Gleichschritt gehen. Unter bestimmten Bedingungen kann so etwas das ganze Bauwerk gefährden."

Mit dem Schweigen der auf den Nominalton h gestimmten Herrenglocke hat Amberg seinen sonoren Grundton verloren. Professor Kellhuber ist von ihr begeistert: "Sie besticht durch einen sehr exakten Teiltonaufbau entsprechend einer reinen Oktavglocke. Ein Meisterwerk des Glockengießers." Kellhuber stuft das gesamte Läutwerk von St. Martin als eines der bedeutendsten und wertvollsten der Diözese ein.

Eine andere, ebenfalls historisch sehr wertvolle Glocke, schweigt ebenfalls: Die Elferin, die älteste Glocke im Turm. Sie wurde am 24. Juli 1318 - also vor 700 Jahren - gegossen und stammt noch aus der Vorgängerkirche. Das Datum kennt man deswegen so genau, weil es in der Umschrift genannt ist: "Im Jahr des Herrn 1318 am Vorabend des heiligen Apostels Jakob". Wer sie gegossen hat und wo, ist nicht überliefert.

Die 2,2 Tonnen schwere Elferin hat vor vier Jahren ein Kran auf Betonbohlen im Turm abgestellt, wo sie seitdem darauf wartet, wieder aufgehängt zu werden. Sie war im September 2013 aus dem Glockenstuhl gehievt und nach Nördlingen zur Reparatur gebracht worden. Ein Riss hatte ihr Klangbild zerstört. Jetzt ist die Glocke geschweißt und kann wieder klingen - wenn sie denn einmal hängt.

Nächstes Jahr soll es soweit sein. Pfarrer Helm freut sich: "Wir wollen das gesamte Läutwerk wieder instand setzen und einen sicheren Betrieb der Glocken ermöglichen", sagt er. "Im nächsten Jahr - so Gott will - haben wir zu Weihnachten wieder ein volles Festgeläute."

Eine Besonderheit des Geläuts von St. Martin ist der harmonische Zusammenklang der Glocken. Läuten die Elferin, die Zwölferin und die Vesperglocke zusammen, ist das Te-Deum-Motiv, der Meldoiebeginn des berühmten gleichnamigen gregorianischen Chorals (dis-fis-gis), zu hören. Kommt die Sterbeglocke hinzu, lässt sich das sogenannte Griesbacherische Idealquartett (dis-fis-gis-h) erkennen. Die vier großen Glocken erklingen zusammen im Salve-Regina-Motiv (h-dis-fis-gis).

An Heiligabend stehen heuer nur drei Glocken zur Verfügung: die Zwölferin, die Mess- und die Sterbeglocke. Der Mesner schaltet zunächst 15 Minuten vor der Christmette die Zwölferin ein, dann Minuten vor Beginn alle drei aktuell funktionierenden zusammen. "Eine spezielle Läuteordnung ist aktuell nicht möglich", erklärt Pfarrer Helm. Aber wenn wieder alle Glocken betriebsbereit sind, will er sich ein Konzept überlegen, welche Glocken künftig zu bestimmten Anlässen erklingen sollen.

Das Vollgeläute von St. Martin in Amberg zum Anschauen und -hören

Das Geläut von St. Martin in Amberg:

Alle Glocken im Überblick

Im unteren Glockenstuhl hängen sieben Glocken, darunter die größten und schwersten:

Herrenglocke

Nominalton h, Gewicht 3500 Kilogramm, Gussjahr 1537

Elferin

Nominalton dis, Gewicht 2200 Kilogramm, Gussjahr 1318

Zwölferin

Nominalton fis, Gewicht 1000 Kilogramm, Gussjahr 1515

Vesperglocke

Nominalton gis, Gewicht 900 Kilogramm, Gussjahr 1399

Sterbeglocke

Nominalton h, Gewicht 400 Kilogramm, Gussjahr 1405

Messglocke

Nominalton eis, Gewicht 150 Kilogramm, Gussjahr 1521

Sperrglocke

Sie diente als Signalglocke und kündete einst unter anderem vom Schließen der Stadttore, von der Polizeistunde in den Wirtshäusern und vom Dienstbeginn für den Nachtwächter. Gewicht und Gussjahr unbekannt.

In der oberen Glockenstube hängen zwei Glocken:

Arme-Sünder-Glocke

Nominalton c, Gewicht 290 Kilogramm, Gussjahr 1897. Sie ist nur von Hand mittels eines Strickes läutbar und erklang letztmals am 18. September 1935, als in der Fronfeste ein dreifacher Mörder hingerichtet wurde.

Feuerglocke

Nominalton g, Gewicht unbekannt, Gussjahr 1519. Sie ist starr an einem Holzbalken aufgehängt und wird von außen angeschlagen. Der Türmer tat dies, wenn es in der Stadt brannte.

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