24.05.2018 - 17:35 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

BBV-Kreisobmann Peter Beer über sein neues Amt, Biobauern und den Wolf

Seit einem guten Jahr ist Peter Beer Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes. Ob ihn das Amt verändert hat? "Ich gehe jetzt öfter mit Krawatte fort", sagt er. Und verrät dann doch noch ein paar Dinge, die seit seiner Wahl neu sind.

Beim Mähen von Wiesen ist es dem neuen BBV-Kreisobmann Peter Beer derzeit wichtig, dass sein Mähwerk keine Kitze erfasst.
von Markus Müller Kontakt Profil

Zum Beispiel das mit dem Helfer, den er jetzt stundenweise für seine Landwirtschaft mit 130 Tieren angestellt hat. Damit nicht seine Frau die ganze Arbeit erledigen muss, die anfällt, wenn Beer "dienstlich" unterwegs sind. Etwa zehn Tage im Jahr ist er als BBV-Kreisobmann ganz fort, erzählt der 48-Jährige. In einer normalen Woche ist das unterschiedlich: Manchmal hat er vier bis fünf Abendtermine, manchmal keinen einzigen.

Mit seiner Frau Brigitte und den beiden Töchtern hat Beer auch zuerst geredet, als die Frage an ihn herangetragen wurde, ob er den Kreisobmann machen würde. "Die Familie war nicht so abgeneigt", beschreibt er die Reaktion, und man ahnt, dass er zu diesem Zeitpunkt noch in seinem eigenen Abwägungsprozess steckte.

Wenn Peter Beer ruhig und sicher seine Antworten formuliert, versteht man auch, wie Franz Kustner darauf gekommen ist, den Milchviehhalter aus Geiselhof (Gemeinde Freudenberg) anzurufen, als er das Feld seiner Nachfolge bestellt hat. In die Fußstapfen eines Kreisobmanns zu treten, der 35 Jahre im Amt war, zudem als BBV-Präsident der Oberpfalz und Multifunktionär im Agrarbereich überall bekannt, das ist ja für niemand leicht. Aber dem Landwirtschaftsmeister Beer, der seinen Betrieb seit über 22 Jahren führt, dem hat Kustner es zugetraut. Dem Praktiker, der genau weiß, was es heißt, wenn ein abstürzender Milchpreis einem den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegzuziehen droht. Dem früheren Jungzüchter-Vorsitzenden, den Kustner schon seit über 30 Jahren kennt.

Anders als Kustner

Nach drei bis vier Wochen Überlegung war Beer für eine positive Antwort bereit, zunächst für das Amt des stellvertretenden Kreisobmanns, später auch für den Führungsposten selbst. "Aber mir war völlig klar, dass ich das nicht so machen kann wie Franz Kustner." Er werde sich auf den Landkreis Amberg-Sulzbach beschränken, hat Beer seinen Wählern gesagt. Und: "Mir geht es mehr um die Praxis." Das sei letztlich auch seine Motivation für das Amt: dass die Betriebe vom BBV ein Handwerkszeug für die alltägliche Arbeit bekommen. Diese Verknüpfung von Theorie und Praxis sieht Beer als eine seiner wichtigsten Aufgaben.

Letztlich muss er natürlich doch Antworten auf alle Fragen parat haben, mit denen auch ein Franz Kustner konfrontiert wurde. Das ist normal, findet Beer, denn die Landwirtschaft spiele sich in der Öffentlichkeit ab, werde jeden Tag wahrgenommen. "Aber manchmal ist es frustrierend, wie wenig die Leute tatsächlich davon wissen. Daran müssen wir arbeiten." Sein Credo: Die Landwirtschaft muss mehr auf den Verbraucher zugehen - und darf sich dabei auch von platten Vorwürfen nicht provozieren lassen: "Wir dürfen nicht selbst zu Populisten werden."

Als Aufklärer unterwegs

Also ist Beer als Aufklärer viel im Landkreis unterwegs, sogar mehr, als er sich ursprünglich vorgestellt hatte. Er freue sich, wenn Veranstaltungen harmonisch abliefen, sei jedoch auch für konstruktive Kritik offen: "Immer her damit, da können wir nur dazulernen." Und bei unfairen Angriffen? "Da bin ich abgebrüht."

Beim Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM), der zeitweise mit dem Bauernverband nicht auf bestem Fuß stand, sind sie inzwischen beeindruckt von Beers Dialogbereitschaft, selbst wenn er ihre Rezepte nicht vorbehaltlos unterstützen mag. Bei den BDM-Vorschlägen seien gute Ideen dabei, findet der Kreisobmann, aber das propagierte Gesamtsystem könne nur funktionieren, wenn alle Marktteilnehmer diese Vorschläge lebten, und das hält Beer für realitätsfremd. Letztlich komme man eben nicht daran vorbei, dass der Markt den Milchpreis bilde.

Welche Macht aber auch Vorstellungen ohne Verankerung in der Realität haben, hat für Beer die Debatte über das Pflanzenschutzmittel Glyphosat gezeigt. Es sei seit 40 Jahren im Gebrauch, habe keinen offensichtlichen Nachteil, werde im Wasser nicht nachgewiesen. Glyphosat sei der Queckenbekämpfer, den die Landwirtschaft brauche. Diese habe aber versäumt, eine Regel ausreichend zu propagieren: "Glyphosat gehört sich nur auf eine abgeerntete Fläche, nicht auf einen Bestand." Nach dieser Vorgabe hat Beer jedes Jahr etwa 20 Liter davon eingesetzt. Privatleute nutzten das Mittel sehr stark, die Bahn sogar "in Mengen ohne Ende". Es wird trotzdem über kurz oder lang verschwinden, ist der Kreisobmann überzeugt: "Die Realität zählt hier nichts."

Keine schöne Erfahrung

Was Peter Beer aber aktuell wichtiger ist: Kitze. Der BBV propagiere derzeit sehr stark, den in Wiesen versteckten Rehnachwuchs vor Tod oder Verstümmelung durch Mähwerke zu retten. "Das sollte ein Muss für Landwirte und Jäger sein." Man könne die Wiesen vor dem Mähen abgehen oder einen Hund nach Kitzen suchen lassen; auch Kitzretter mit Geräusch erzielen gute Ergebnisse. "Jedes gerettete Kitz ist positiv", sagt Beer, dem es selbst schon passiert ist, dass er beim Mähen die jungen Tiere tötete. Keine sehr angenehme Erfahrung - und eine, die er nicht wieder machen möchte.

Info:

Peter Beer zu aktuellen Themen der Landwirtschaft

Staatliches Tierwohl-Label

„Das brauchen wir nicht“, meint Beer. Die Landwirtschaft produziere bereits auf einem sehr hohen Niveau und sehr nachhaltig. Sie habe als Rohstofflieferant immer gute Produkte geliefert und sei nicht an den Skandalen in diesem Sektor beteiligt gewesen. Deshalb solle der Handel für das Label zahlen, der es auch als Werbeinstrument nutze. Der BBV habe aber zugesagt, es zu unterstützen.

Anbindehaltung

Beer selbst hat seit 1994 einen Laufstall, findet aber auch Argumente für die Anbindehaltung, die mehr als 50 Prozent der Betriebe in Bayern praktizieren: „Das sind meist kleine Bestände, die oft besser gepflegt werden als große.“ Ein Laufstall sei nicht nur vorteilhaft.

Ökologische contra konventionelle Landwirtschaft

Das seien lediglich unterschiedliche Wirtschaftsweisen, betont Beer. „Da geht es nicht um Gut und Böse in der Landwirtschaft, ich sehe das als einheitliche Linie.“ In der Praxis gebe es keine Spaltung. So habe er Wert darauf gelegt, dass der Biobauer Karl Trummer in den BBV-Kreisvorstand berufen worden sei.

Ferkelkastration

Für eine praktikable Lösung hält Beer hier den „vierten Weg“, also die lokale Schmerzausschaltung, die der Landwirt selbst vornehmen darf. Als er noch Schweine hatte, habe er das selbst praktiziert. „Bei Ferkeln bis zu vier Tagen war das kein Problem.“ Wenn man für die Kastration einen Tierarzt haben müsse, seien die Kosten zu hoch. Außerdem gebe es dafür zu wenig Tierärzte. „Dann ist das Ganze nicht mehr zu handhaben.“

Bienensterben/Insektensterben

Beer zitiert hier eine Studie, nach der seit 2012 die Bienenbestände wieder steigen. „Das Bienensterben war eigentlich ein Imkersterben.“ Wofür auch das Beispiel seines Heimatortes steht: „In Geiselhof hatten wir früher 150 Bienenvölker, jetzt keines mehr.“ Auch dem Begriff des Insektensterbens misstraut Beer angesichts von „rauen Mengen Zikaden im Getreide“, was es vor zehn Jahren so nicht gegeben habe. Wenn weniger Wespen herumschwirrten, hat das nach seinem Dafürhalten eher etwas mit dem Klimawandel oder dem Wetter in einzelnen Jahren zu tun, nicht mit der Landwirtschaft insgesamt.

Borkenkäfer

Eine Auswirkung der Klimaerwärmung: „Früher kannte man eigentlich nur den Borkenkäfer. Heute haben viele Baumarten ihren eigenen Schädling.“ Weil er die weit verbreitete Fichte befällt, ist der Borkenkäfer aber immer noch der gefährlichste. Wobei Beer Panikmache fremd ist: Ja, durch die Trockenheit sei ein starker Befall zu befürchten, weshalb man den Waldbesitzern Vorsorgemaßnahmen empfehlen müsse. „Aber man braucht auch keine Hysterie verbreiten, dass man nächstes Jahr mangels Wald von Amberg bis nach Tschechien schauen kann.“

Der Wolf

Der wird irgendwann zum Problem, ist Beer überzeugt, weil sich seine Ausbreitung nicht aufhalten lasse. „Aber damit soll man keine Angst machen.“ Fatal werde es erst, wenn Wölfe als Rudel auftreten oder wenn sie Herden angriffen und 20 oder 30 Tiere gleichzeitig töteten: „Dann plädiere ich für Tierschutz. Da gehört sich eine Grenze gezogen.“

Afrikanische Schweinepest

Deren Ausbruch in der Region gilt es unbedingt zu verhindern, sagt Beer. Denn wo sie ausbreche, müsse ein Sperrgebiet eingerichtet werden. „Und wo das geschieht, wird es hinterher keinen Schweinebetrieb mehr geben.“

Es sei ein Irrtum zu glauben, Wildschweine brächten die Afrikanische Schweinepest nach Deutschland. „Das geschieht durch Essensreste.“ Mit einem Virus, der zwar für Menschen nicht gefährlich sei, sich aber in freier Natur 208 Tage lang halte. Wildschweine trügen ihn weiter, wenn sie solche kontaminierten Essensreste aufnähmen.

Deshalb lobt Beer die Jagdverbände, dass der Wildschwein-Abschuss zuletzt fast verdoppelt wurde: „So entsteht ein Stück Sicherheit mehr.“ Ein weiteres will der BBV mit der Einführung der von ihm propagierten „Konfiskat-Tonne“ erreichen. Da sollen die Schlachtabfälle von Wildtieren hinein, die bisher im Wald vergraben werden durften. „Unser Vorschlag beim Landrat ist: pro Hegegemeinschaft eine solche Konfiskat-Tonne.“


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