10.09.2019 - 17:39 Uhr
AmmerthalOberpfalz

Aiwanger kommt im Ammerthaler Bierzelt an

In Zeiten von Instagram und Influencern stellt sich die Frage, wer heutzutage überhaupt noch Bierzelt kann. Hubert Aiwanger kann - und rund 800 Leute wollen ihn am Montagabend in Ammerthal hören.

1000 Besucher waren es am Samstag, als Ross Antony im Ammerthaler Festzelt auftrat, auf rund 800 Zuhörer brachte es Hubert Aiwanger am Montagabend, als er beim politischen Abend zum Ausklang der Zehn-Jahr-Feier des Heimat- und Kulturvereins sprach.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Die Festdamen stehen parat, der Heimat- und Kulturverein, der Zehnjähriges feiert und mit Hubert Aiwanger Bayerns Wirtschaftsminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten zum politischen Abend als Festausklang eingeladen hat, ebenso. Alle warten auf Hubert Aiwanger. Und der ist vom Spalier der Festdamen so begeistert, dass er hernach auf der Bühne sagen wird: So stelle er sich mal den Einzug in den Himmel vor.

"Es freut und ehrt uns sehr", begrüßt HKV-Vorsitzende Doris Weiß den Politiker der Freien Wähler, die seit der Landtagswahl 2018 mit der CSU koalieren. Bürgermeisterin Alexandra Sitter spricht von einem Herzenswunsch, der für sie in Erfüllung gegangen sei: Dass "Hubert heute in unserer Heimatgemeinde spricht".

Der Wirtschaftsminister erfreut sich zunächst an einem "wunderbaren Blick in ein volles Volksfestzelt", lobt die Ammerthaler und den HKV, dass sie die Heimat und die Kultur aufrechthalten. Früher sei gerne über das flache Land gespöttelt worden, doch da sei die Welt noch in Ordnung. Da werde zusammengehalten, über Parteigrenzen hinweg. Ausgerechnet in Ammerthal, dem politisch höchst zerstrittenen Dorf, sagt Aiwanger das. Die Zukunft, ja die sieht der Landes-Chef der Freien Wähler auf dem Land. Er preist die Vorzüge gegenüber Städten: "deutlich niedrigere Kriminalität, höhere Geburtenrate und lebenswertes Umfeld".

Aiwanger, der frei spricht, durchaus witzig und pointiert, verteidigt die Bauern, die er durch das Volksbegehren "Rettet die Bienen" zu Unrecht an den Pranger gestellt sieht ("Plötzlich sollen sie schuld sein, dass es keine Insekten mehr gibt"), nimmt den Verbraucher in die Pflicht und wettert gegen Trumps Bestreben, mit Wachstumshormonen behandeltes Rindfleisch auf den europäischen Markt zu schwemmen ("Gutes bayerisches Rindfleisch, das ist besser als das Importzeugs").

Appell an die Vernunft

In der Politik appelliert Aiwanger an die Vernunft, an die richtige Mischung. Denn Extrempositionen brächten nichts. "Das müssen wir lernen - als Gesellschaft und als Politik." Während die einen unbegrenzte Zuwanderung forderten, wollen die anderen alle Ausländer rausschmeißen: "Eine solche Spaltung der Gesellschaft bringt nichts", meint Aiwanger. "Wer verfolgt ist, genießt Asylrecht", verteidigt er ein Grundrecht. Zeigt aber auch klare Kante, wo Schluss sei: "Wer Steine auf Polizisten wirft, der wird heimgeschickt."

Auch beim Tierwohl und beim Klimaschutz sieht Aiwanger extreme Positionen. "Ist man ein Klimakiller, weil man 'ne Bratwurst ist? Ja, sollen denn alle nur noch Gras essen?", fragt er ins Zelt. Und wundert sich: "Selbst der Hund muss vegane Wurst fressen." Des Applauses darf sich Aiwanger sicher sein, als er das Beispiel einer Lehrerin bringt, die sich gegen Kinder entschied, weil diese zu viel CO2 ausstoßen: "Man weiß ja net, was sie alles ausstößt, die gehört sich hinten und vorne zugebickt."

Hier gibt's die Bilder:

Aiwanger sagt, was er denkt, und redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das kommt an im Bierzelt in Ammerthal. Die Politik sei vielfach zu weit wegen von den kleinen Leuten, bedauert der Niederbayer. Und appelliert deshalb an die Bürger, vor allem an die jüngeren: "Bringt's euch politisch ein." Aiwanger bricht eine Lanze fürs Handwerk, macht sich für den Meister als Qualitätsmerkmal stark und findet, nicht jeder Abiturient müsse "mindestens Professor werden". Mobilfunk und schnelles Internet? Auch ein Thema, das Aiwanger aufgreift. Er schnappt sich sein eigenes Handy, um zufrieden für Ammerthal festzustellen: "Drei Stricherl, 4G - passt, da brauch ma keinen Masten hinstellen." Was, ein Zuhörer habe nur ein Stricherl? "Was hast du? Telekom oder eine italienische Firma?", witzelt der Landes- und Bundes-Chef der Freien Wähler und erklärt dann, wie die weißen Flecken auf der bayerischen Landkarte der Mobilfunkabdeckung verschwinden sollen.

Brexit: Chaos ohne Ende

Die Grünen kanzelt er für ihren Vorschlag mit Flächenzertifikaten ab ("Sie haben das nirgends eingeführt, wo sie mitregieren, aber uns wollen sie missionieren"), die Wirtshäuser sieht er benachteiligt, weil sie aufs Schnitzel 19 Prozent Mehrwertsteuer aufschlagen müssen, McDonalds hingegen nur 7 Prozent. Den britischen Brexit bewertet er als "Chaos ohne Ende" und von der Politik fordert er, dass sie den gesunden Menschenverstand einschaltet.

HKV-Vorsitzende Weiß dankte Aiwanger für seine "eindrucksvolle Festrede", überreichte Jubiläumswein und in Ammerthal hergestellte Schokolade. Bürgermeisterin Sitter dachte an Aiwangers Buben: Eine Schultüte für den Älteren zum ersten Schultag und eine kleinere Schultüte für den Jüngeren, damit er sich nicht benachteiligt fühlt.

Info:

Zitate

Über die Erbschaftssteuer:

„Wenn die Eltern ein Haus bauen und das dann später an die Kinder weitergeben, hat der Staat die Finger rauszuhalten.“

Über den Einschulungskorridor:

„Ob ein Kind, das im Juli, August oder September sechs Jahre alt wird, eingeschult werden soll, können die Mütter am besten beurteilen, da braucht’s keinen Stempel vom Doktor dazu.“

Über die Mehrwertsteuer:

„Wenn unsere Wirtshäuser nur sieben Prozent zahlen müssten, bräuchten sie von mir kein Wirtshaus-Programm.“

Über die Handystrahlung:

„Ich hab schon zwei Kinder, da trau ich mich, das Handy in die Hosentasche zu tun.“

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